Erwin Eckert (1893-1972)

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1. Christuskreuz – nicht Hakenkreuz!
2. Erwin Eckert: Sind wir Marxisten?
3. Die Kirche und der Kommunismus.
4. Opposition, nicht Koalition!


1. Christuskreuz – nicht Hakenkreuz!

Rede des Vorsitzenden des Bundes der religiösen Sozialisten, Pfarrer Erwin Eckert, am 17. Januar 1931 im Musensaal in Mannheim

Christuskreuz - nicht Hakenkreuz!

(1) Die Formulierung des Themas dieses Abends “Christuskreuz, nicht Hakenkreuz“, ist bewußt gewählt‚ um von vornherein keinen Zweifel darüber zu lassen, daß nach unserer Auffassung die Bewegung und die Weltanschauung, deren Symbol das Hakenkreuz geworden ist, mit der Welt - und Lebensanschauung, deren Symbol das Kreuz Christi ist, mit dem Christentum nichts zu tun hat.

Die Nationalsozialisten sind anderer Meinung; sie behaupten nicht nur in ihren öffentlichen Veranstaltungen, sondern auch in ihrer Presse und sogar in den programmatischen Erklärungen, daß ihre Partei sich zum positiven Christentum bekenne, ja, daß die Nationalsozialisten die eigentlichen Christen unserer Zeit seien! Da diese Behauptung der Nationalsozialisten und die zu ihrer Erhärtung versuchten Beweisführungen eine direkte Gefahr der Verzerrung des christlichen Glaubens, christlicher Lebens- und Weltgestaltung darstellen, so sollte man eigentlich annehmen, daß die christlichen Kirchen als die berufenen Bewahrerinnen der christlichen Wahrheit sich der nationalsozialistischen Propaganda entgegen stemmen würden.

Aber abgesehen von den recht erfreulichen Absagen einzelner katholischer Pfarrer und einzelner Bischöfe‚ so vor allem des Bischofs von Mainz und Augsburg, geschieht nichts, um der weltanschaulichen Aushöhlung des Christentums durch die Nationalsozialisten entgegenzutreten.

Wir müssen vielmehr leider feststellen, daß die evangelischen Kirchenführer, die Präsidenten und Prälaten, die Generalsuperintendenten und Bischöfe der deutschen Landeskirchen sich ausschweigen, mit wohlwollender Duldung die Agitation ungezählter nationalsozialistischer Geistlicher registrieren, und gegen die wenigen Geistlichen, die sich gegen die faschistische Flut im Namen des Christentums wehren, mit Disziplinarstrafen vorgehen!

Trotzdem werden wir religiösen Sozialisten, die den Weg suchen zur Verwirklichung christlicher Gesinnung und Frömmigkeit in der Gegenwart, die wir den ewigen Werten der in Christus geoffenbarten Wahrheit in unserer Zeit und in der Zukunft Geltung verschaffen wollen - und glauben, daß die internationale sozialistische Bewegung der arbeitenden Massen aller Völker das Hohe und Heilige, das in Christus Fleisch geworden ist, über den Sumpf der kapitalistischen bürgerlichen Welt hinüberträgt an das Ufer einer neuen Zeit - wir werden uns die unserem Gewissen auferlegte Pflicht nicht nehmen lassen, und alles das, von dem wir annehmen, daß esdem Näherkommen des Reiches Gottes, des Reiches der Gerechtigkeit, des Friedens, der Güte und der Freude im Heiligen Geiste im Wege steht, bekämpfen.

Zu diesen Widerständen gegen das Reich Gottes müssen wir den Faschismus, müssen wir die nationalsozialistische Bewegung rechnen - darum sind wir ihre Gegner.

Gegen die politischen und wirtschaftlichen Irrtümer, um nicht zu sagen Irreführungen der Nationalsozialisten wenden wir uns heute Abend nur insofern‚ als sie Ausdruck einer Weltanschauung sind; Wir bekämpfen sie sonst in den Reihen der marxistisch-sozialistischen Parteien und der freien Gewerkschaften.

Heute Abend handelt es sich um eine weltanschauliche Auseinandersetzung mit den Anhängern des Hakenkreuzes, das im Widerspruch steht mit dem Kreuz Christi!

Das Kreuz Christi ist zunächst Sinnbild und Ausdruck christlichen Glaubens - des Glaubens Jesu Christi an Gott den Vater, den ewigen Geist, der sich für uns Menschen offenbart als die Kraft der Liebe, der Güte‚ des Friedens, an Gott den Geist, den man nicht nach völkischen Methoden in Jerusalem so, und auf dem Garizim anders anbeten kann, der über allen irdischen Unzulänglichkeiten die letzte Wirklichkeit ist, im ewigen Lichte, da niemand zukommen kann, den wir im Geist und in der Wahrheit allein anbeten können. Gott ist es, der das Herz aller Menschen, die ihm begegnet sind, auf die gleiche Weise bewegt, erschüttert, ergreift, zur Buße zwingt – auch das Herz eines Russen, eines Chinesen, eines Schwarzen. Der amerikanische Neger Jos. S. Cotter sagt dem weißen Bruder:
Bruder komm! Laß uns treten vor unseren Gott. Und wenn wir dann vor ihm stehen, dann werde ich sagen: Herr, ich hasse nicht. Ich werde gehasst. Ich peitsche niemanden. Ich werde gepeitscht. Ich begehre keines Land. Mein Land wird begehrt. Ich verspotte kein Volk. Mein Volk wird verspottet. Und du Bruder, was wirst du sagen?

Die gläubigen Christen in allen Völkern und Rassen meinen dasselbe, wenn sie Gott nennen. Die Nationalsozialisten aber, ihre Führer, sprechen vom deutschen Gott, der den arischen Menschen ausersehen habe zum Retter der Menschheit. “Was wir Gott nennen“, sagt Herr Alfred Rosenberg“, nennen die anderen Teufel.“ Das mag für die Zeit Geltung gehabt haben, in der die kindlich-naive Gottesvorstellung der primitiven vorchristlichen Völker sich überall einen Stammes oder Nationalgötzen zurecht machten, der von den feindlichen Nationen als Teufel verschrien wurde.

Christlicher Glaube weiß von solchen Nationalgötzen nichts; nach ihm gibt es auch keine Erwählung irgendeiner Rasse. Wir haben das Judentum nicht darum als „das auserwählte Volk“ überwunden, damit an seine Stelle das gottgewollte Ariertum treten solle. Wir stellen an die Stelle des Rassentums das Menschentum. Das Göttliche, das durch Gott in jedem Menschen Aufgerufene soll die Menschheit befreien, nicht irgendeine Rasse‚ irgendein Volk. Menschentum ist für uns kein “lockendes schönes Phantasiegebilde“ wie für den nationalsozialistischen Führer Rosenberg, sondern eine Aufgabe, eine werdende Wirklichkeit!

(2) Das Kreuz, das Symbol Christi, erinnert uns immer daran, daß, “nachdem vor Zeiten Gott manchmal und mancherlei Weise geredet hat zu den Vätern durch die Propheten, er am letzten in diesen Tagen zu uns geredet hat durch seinen Sohn“, um uns den Sinn und das Ziel menschlichen Lebens zu verdeutlichen. Darum muß sich alles, was sich christlich nennt, mit der Art und dem Wesen Christi in Einklang bringen lassen oder doch als ein Streben nach der Art Christi erkannt werden können. Gewiß, Gottes Wille wird auch heute noch unmittelbar in Menschen lebendig und reißt sie fort zu Bekenntnis und Tat. Aber wir können nur dann sagen‚ daß ein Mensch Gottes Willen in unserer Zeit offenbare, wenn sein Wollen und Handeln sich mit den im Evangelium durch Christus geoffenbarten Wahrheiten und Forderungen vereinbaren läßt. Ist das nicht der Fall, dann ist das Reden von der Gottgesandtheit eines Menschen und Führers eine Blasphemie, eine Gotteslästerung. Ich behaupte, daß die Verherrlichung Hitlers - als des gottgesandten Retters des deutschen Volkes und der ganzen Welt im Zeichen des Hakenkreuzes - für einen Christen eine unerhörte Lästerung seines Glaubens an Gott, den Herrn der Welten, darstellt, die nur erklärlich ist aus einer hysterischen Überspannung des hakenkreuzlerischen Geltungsbedürfnisses.

Was aber sind die uns durch Christus für das Leben der Menschen untereinander geoffenbarten Wahrheiten, an denen sich alles entscheidet? Ich bin aus Gottes Gnade sein Kind. Der tiefste‚ letzte Grund meines, jedes Menschen Wesens ist aus Gott selbst, ganz unabhängig von jeder Rasse und von jeder völkischen Gebundenheit. Nicht mein Fleisch und Blut, nicht die irdische Hülle ist das an mir wesentliche, sondern meine Seele, die Kraft Gottes, die Kraft die Guten, Ewigen in mir. Der Völkische Beobachter aber schreibt am 17. Mai 1930: “Wir Nationalsozialisten gründen unser Wollen in den reinen Werten deutschen Blutes. Dieses Blut als erdnaher Träger deutschen Wesens gibt uns Sicherheit, Lebenswillen und Tatkraft; in diese Ströme des wach und bewusst gewordenen Blutes haben wir die Anker gesenkt, haben neuen Grund gefunden, neuen Halt und neue Besinnlichkeit“.

Und der Herr Rosenberg, Chefredakteur des Völkischen Beobachters, schreibt in seinem Buche: “Mythos des zwanzigsten Jahrhunderts“: “Heute erwacht aber ein neuer Glaube: der Mythus des Blutes, der Glaube, mit dem Blute auch das göttliche Wesen des Menschen überhaupt zu verteidigen. Dieser Glaube, diese Überzeugung lehrt uns: Der Mann hat für sein Volk zu kämpfen in täglicher Arbeit, wenn es nottut unter Einsatz des Blutes. Aufgabe der Frau ist es: Hüterin dieses Blutes zu sein, auf daß es rein erhalten und nicht verfälscht werde. Denn zum Untergang verurteilt von der Geschichte wird ein Volk immer erst dann, wenn es sein Blut nicht gewahrt hat‚ wenn sein Blut so weit vermischt wurde, daß es vom Edeling herabsank zum Köter“.

Diese Verherrlichung und Vergötzung des Blutes, und zwar des arischen Blutes, der “nordischen Edelrasse“, diese Behauptung der Nationalsozialisten, als ob das Blut, der Instinkt, wie Hitler in München sagte, der Träger, die Ursache eines höheren, besseren Seins, des “göttlichen Wesens des Menschen“ wäre, ist durch und durch unchristlich, ist nicht der Mythus des 20. Jahrhunderts, wie Herr Rosenberg meint, sondern der Mythus der primitiven Horden- und Nomadenvölker etwa des 12. Jahrhunderts vor Christi Geburt, und darum der größte Unsinn des 20. Jahrhunderts! Wie wenig das Blut an und für sich der Träger des höheren Lebens ist, erhellt daraus: Ich kenne eine ganze Menge höchst‚ „edelrassiger germanischer Schufte“ und ich kenne sehr edle, innerliche Menschen, die Christus nahe stehen, in allen Rassen und Völkern der Erde. Interessant ist was der Schweizer Flieger Mittelholzer über Afrika sagt: “Schon hoffte ich, nun endlich ungestört schlafen zu können, als es gegen 11 Uhr draußen klopfte. Es waren die zuerst da gewesenen Neger, die mir in einer Platte zwei große gesottene Fische sowie ein halbes Dutzend Eier brachten. Wie richtig hatte ich doch gehandelt, als ich das von der eidgenössischen Militärverwaltung freundlichst zur Verfügung gestellte Maschinengewehr zu Hause gelassen und sogar am Viktoriasee an Stelle von Filmmaterial meine persönliche Offizierspistole zurückgesandt hatte. Für einen Kenner des jetzigen Afrikas ist es ein offenes Geheimnis, daß man im sogenannten ‚schwarzen’ Erdteil viel sicherer reist, als im zivilisierten Europa“.

Bis zu welcher Torheit sich aber die Anhänger der hakenkreuzlerischen Bluttheorie versteigen, soll ein Zitat aus dem Völkischen Beobachter vom 15. Februar 1930 beweisen: “Der Germane huldigte zu allen Zeiten einem heldischen Vorbild. Der Lichtrecke Siegfried des Nibelungenliedes ist sein spätgeborener Enkel. Jahrhunderte lang später tritt uns dasselbe Vorbild im Lauf der Zeit gewandelt entgegen im Ritter, dann kam der Zusammenbruch. Und da geschah das Wunder: Ein gütiger Gott sandte dem Volk einen Retter. Adolf Hitler stand auf und schuf dem deutschen Volk im Nationalsozialismus ein neues Bekenntnis, gab ihm den verlorenen Glauben an sich selbst zurück. Aus dem Boden stampfte er das braune Heer vom Hakenkreuz. “So wurde das Hakenkreuz zur einzigen letzten Hoffnung aller deutschen Menschen, in deren Adern das Blut der nordischen Edelrasse lebendig ist. Jetzt hat das deutsche Volk wieder Vorbilder!“

Hier ist der Platz zu einem Wort über die armselige Judenhetze der Nationalsozialisten. Das Kreuz ist das Symbol Christi, der ein Jude war seiner Rasse nach. Alle Versuche der Nationalsozialisten, das zu bestreiten, sind für einen Wissenden so kindisch wie ihre Versuche, Teile des Alten Testaments, die Psalmen, als ein Machwerk mittelalterlicher Fälscher hinzustellen. “Die Psalmen sind bekanntlich“, schreibt der Völkische Beobachter vom 18/19. Mai 1930, “arischen Vorbildern nachgedichtet!“.

Trotzdem veranlaßt ihr Christentum die Hakenkreuzler, die Juden auf das gemeinste zu beschimpfen, als ob sie der Ausbund von Gemeinheit der ganzen Welt wären, die “Weltpest“.

Es gibt auch unter den Juden gemeine Naturen, und die Jahrhunderte, Jahrtausendelange Verfolgung der Juden durch die am römischen Imperium gebildeten germanischen “Christvölker“ hat sie weithin zu einer Lebensart gezwungen, die uns zuwider ist, an einem kriecherischen, sich immer wieder sichern müssenden Durchschlängeln im Leben. Hätten wir als Christen nicht eher Ursache, diese Verächtlichmachung und Unterdrückung der Juden zu bedauern und ihre angeblich schlechten Charaktereigenschaften, “Rassenminderwertigkeiten“, wie die Nationalsozialisten sagen, durch unsere angeblich besseren und stärkeren geistigen Kräfte zu überwinden?

Aber mir scheint, als ob der abgründige Haß der Hakenkreuzler gegen die Juden, die gemeinen Schimpfworte, die Morddrohungen, keine Zeichen einer besonderen höheren Kultur wären. Es hat, das läßt sich nicht bestreiten, auch immer unter den verachteten Juden Menschen gegeben, die Christus näher standen, als viele ehrbare Katholiken und Protestanten. Einer unter ihnen war Rathenau, den die “Richter“ Deutschlands‚ wie der Herr Rosenberg sagt, “gerichtet haben“; wir sagen, den irregeleitete „Edelarier“, Fememörder, feig ermordet haben. Lassen Sie mich einen kurzen Abschnitt aus dem Brief Rathenaus an einen jungen völkischen Leutnant, Hanns Breisig, vorlesen, den er am 29. November 1919 geschrieben hat: „Wir Juden aber haben unsere Sendung nicht erfüllt, deshalb mögen Sie uns verurteilen. Denn wir haben uns der Führung Christi nicht anvertraut, weil wir nur den katholischen und den protestantischen, nicht den lebendigen Christus erblickten. Der aber wird uns, alle führen, und einer Führung durch Zeitgenossen bedarf es nicht. Nicht zur Vollendung des Familienstammes wird er uns führen, sondern zu dem Hause mit den vielen Wohnungen, das keine Proletarierkaserne, aber auch kein Wolkenbau und Luftschloss ist. Es handelt sich nicht darum, aus den Proletariermassen “ungezählte Talente“ herauszufischen‚ auch nickt darum, aus Gewerkschaftssekretären Minister zu machen, alles das ist nebensächlich und unschädlich. Aber aus dem, was sie Mob nennen, sollen Menschen und Gotteskinder werden, trotz aller Schwächen und Laster, die in ihnen stecken mögen, freie Menschen, nicht braves Gesinde und ehrbare Untertanen.“ Das Kreuz ist für uns das Symbol der allgemeinen Schuld der Menschen und nicht der Juden. Nach christlicher Auffassung sind wir all zumal Sünder und mangeln des Ruhmes vor Gott. - Alle Menschen sind im Angesicht des Kreuzes Christi schuldig! Luther spricht von der “angeborenen Verderbnis menschlicher Natur und der reizenden Lust zum Bösen“, die sich bei Juden, bei Griechen und Germanen gleichermaßen auswirkt. An anderer Stelle sagt er: “Ich will in einer Kirche sein und bleiben, darin Kleinmütige, Schwache und Kranke sind, die ihre Sünde‚ Jammer und Elend erkennen.“

Die Nationalsozialisten aber sagen (Prof. Günther/Jena)‚ daß “nur in einem sittlich so fragwürdigen Volk wie dem jüdischen diese Lehre von der Erbsünde entstehen konnte. Und der Krontheologe der Nationalsozialisten Hase in Leipzig, verstieg sich sogar zu folgenden programmatischen Sätzen über “Nationalsozialismus und Christentum“: “Wir behaupten, daß nicht das Christentum uns erst die Gesittung gebracht hat‚ sondern daß das Christentum seine dauernden Werte dem germanischen Charakter zu verdanken hat.“

Vielleicht ist es das Einfachste zu sagen, wie die Nationalsozialisten: “Es gibt keine Sünde außer der Sünde wider das Blut, nicht alles zu tun für die Nation“, wobei “für Nation“ für sich, für die Partei, bedeutet. Das allergefährlichste aber ist für einen Menschen nicht, daß er der Sünde verfallen ist und von ihr beherrscht wird, sondern daß er es gar nicht merkt, wie der Hass, die Lüge, die Triebhaftigkeit, die gemeine Gesinnung ihn beherrschen. Ja, manchmal ist es so‚ daß dieser Schuldiggewordene die Mächte des Niedrigen, das ihn gefaßt hat, noch verklärt. In dieser Gefahr aber stehen die Nationalsozialisten.

Das Kreuz ist für den Christen das Symbol der Erlösung. Christus hat am Kreuz die Sünde unter seine Füße getreten, ihr die Macht und uns die Furcht vor ihr genommen. Das Hakenkreuz braucht keine Erlösung. Sein Weg ist der “Weg der Reinheit und des Guten“, der Weg Gottes aus dem “gesunden Instinkt“ des Herrn Hitler. Welche Überheblichkeit!

Vor dem Kreuze Christi sind alle angeklagt‚ die das Reine beschmutzen, die Lüge Herrschsucht, Hass, Machtgier treibt und die die Erlösung aus dieser Macht ablehnen. Das Kreuz Christi ist so eine unerhörte Anklage gegen die Nationalsozialisten, denn sie rufen zum Hass auf, sie sind bereit, um die politische Macht zu bekommen zu lügen und zu morden. Sie sind entschlossen zu Krieg und Zerstörung. Sie haben noch nicht genug daran, daß Christus im Krieg millionenfach gekreuzigt worden ist. Sie wollen aufs neue unser Volk in die Sünde führen und seine Erlösung unmöglich machen.

(3) Bei Matthäus Kapitel 20 Vers 25-27 aber steht ein Wort Jesu: „Ihr wißt, daß die weltlichen Fürsten herrschen und die Oberherren haben Gewalt. So soll es unter euch nicht sein. Sondern so jemand will unter Euch gewaltig sein, der sei Euer Knecht – gleichwie ich nicht gekommen bin, daß ich mir dienen lasse, sondern daß ich diene und gebe mein Leben zu einer Erlösung für viele“.

Und Matthäus Kapitel 25 Vers 40: „Was ihr einem unter diesen meinen geringsten Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan.“ Aber der Führer der Nationalsozialisten, Adolf Hitler, der “uns von Gott geschenkt ist“ (Opferdienst der völkischen Frauen, Nummer 17) sagt in seiner Aussprache mit Otto Strasser, der seine eigene Nationalbolschewistische Partei aufgetan hat, folgendes: “Die große Masse der Arbeiter will nichts anderes als Brot und Spiele, sie hat kein Verständnis für irgendwelche Ideale, und nie werden wir damit rechnen können, die Arbeiter in erheblichem Maße zu gewinnen. Wir wollen eine Auswahl der neuen Herrenschicht, die nicht von irgendwelcher Mitleidsmoral getrieben wird, sondern weiß, daß sie das Recht hat, zu herrschen, und diese Herrschaft über die breite Masse rücksichtslos aufrechterhält und sichert.“

Die Nationalsozialisten behaupten, dem Volk, dem ganzen Volk aus christlicher Nächstenliebe helfen zu wollen zu einer menschenwürdigen Existenz aller durch die Brechung der Zinsknechtschaft – und wollen im Grunde die wirtschaftlich Mächtigen, die Besitzenden durch die Ausschaltung des Finanzkapitals‚ des Zinszwischengliedes um so besser rüsten für eine neue brutale Unterdrückung und Ausbeutung der wirtschaftlich abhängigen Massen. Nicht helfen, herrschen wollen sie, das zeigt ihr Gesellschafts- und Staatsideal. Das Herrenmenschentum wird verherrlicht - und die Masse, das rote “Pack“‚ verachtet. In den nationalsozialistischen Zeitungen werden die “Marxisten“, die proletarischen Organisationen, die darum kämpfen, daß jeder, der Menschenantlitz trägt, menschenwürdig leben soll, auf das gemeinste beschimpft. “Marxistische Verbrecher“, „Mob“, „Untermenschentum der Masse“ - das sind täglich in der völkischen Presse wieder kehrende Schlagworte. Die Nationalsozialisten möchten aus der Masse‚ die der Kapitalismus um ihr Menschsein betrügt, Herdenmenschen, Untertanen machen, die Zeiten der Barbarei wieder einführen, von denen Fichte schon 1793 sagt: “Die Zeiten der Barbarei sind vorüber, ihr Völker, wo man euch im Namen Gottes anzukündigen wagte, ihr seid Herdenvieh, die Gott deswegen auf die Erde gesetzt habe, um ein Dutzend Göttersöhnen zum Tragen ihrer Lasten, zu Knechten und Mägden ihrer Persönlichkeit, und endlich zum Schlachten zu dienen. Ebenso wenig werdet ihr noch weiterhin glauben, daß ihr alle blind, hilflos und unwissend seid, und daß ihr selbst euch nicht zu retten wisst, wenn sie euch nicht wie unmündige Kinder an ihren väterlichen Händen leiten. Sie haben erst in diesen Tagen durch Fehlschlüsse, die der Einfältigste unter euch nicht gemacht hätte, gezeigt, daß sie auch nicht mehr wissen als ihr, und daß sie sich und euch ins Elend stürzen, weil sie mehr zu wissen glauben.“

Wir danken für das neue „Dutzend Göttersöhne“ – von Herrn Hitlers und Mussolinis Gnaden. – Christliche Gesellschaftsauffassung will brüderliche Gemeinschaft, Dienst der Starken für die Schwachen, nicht Herrschaft, will die aus der Freiheit Aller wachsende Bruderschaft. Das gesellschaftliche Ziel der Nationalsozialisten aber ist auch nur vorübergehend allein zu erreichen durch einen Bürgerkrieg. Sie wollen darum auch den Vernichtungskrieg gegen den Marxismus. Hitler schreibt in seinem Hauptwerk „Mein Kampf“: „Nein, eine wirkliche nationale Regierung musste damals (1923) die Unordnung und die Unruhe wünschen, wenn nur unter ihren Wirren endlich eine prinzipielle Abrechnung mit den marxistischen Todfeinden unseres Volkes möglich wurde und stattfand. Unterließ man dies, dann war jeder Gedanke an Widerstand purer Wahnsinn.“

Und an einer anderen Stelle: „Gegen Frankreich kämpfen zu wollen mit dem Todfeind in den eigenen Reihen, war heller Blödsinn. Ehe man äußere Feinde besiegt, muß erst der Feind im eigenen Innern vernichtet werden. Man rede durchaus nicht von der Fraglichkeit eines militärischen Erfolgs gegen Frankreich. Denn wenn man das Ergebnis des deutschen Handelns gegenüber dem Ruhreinfall der Franzosen nur die Vernichtung des Marxismus im Innern gewesen wäre, so würde schon damit der Erfolg auf unserer Seite gewesen sein.“

Man erinnere nur daran, daß Kaiser Wilhelm II. in einem Briefe an Bülow vom 31. Dezember aus Anlaß der Marokkokrise schrieb: „Erst die Sozialisten abschießen, köpfen und unschädlich machen – wenn nötig per Blutbad – und dann Krieg nach außen! Aber nicht vorher und nicht à tempo. Mit herzlichen Grüßen und Wünschen zum neuen Jahr, welche uns gesegnete Arbeit bringen möge“ (Berliner Tageblatt Nr. 487 vom 14. Oktober 1928). Dieselben Methoden, aber diesmal unter der Maske des nationalen, positiv christlichen „Sozialismus!“

Die Methoden der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten sind ebenfalls sehr christlich. Ihr Hauptmann Göring hat Ende Oktober 1923 die Losung ausgegeben: “Bei der Übernahme der Gewalt durch die Nationalsozialisten muß mit schärfstem Terror vorgegangen werden, wer die geringste Schwierigkeit macht‚ ist zu erschießen. Es ist notwendig, daß sich die Führer jetzt schon die Persönlichkeiten heraussuchen, deren Beseitigung notwendig ist. Mindestens einer muß zum abschreckenden Beispiel nach Erlaß des Aufrufes überall erschossen werden.“

Im Illustrierten Beobachter Nr. 10 (1930) wurde folgende Dichtung veröffentlicht: Rache. Nähret die Flamme der Rache gut! Rache für Wessels edles Blut. Deutscher Entstammung, viehisch vergossen von Marxismus und Satansgenossen. Keinen Pardon einst! Blut nur im Blut! Rache reife der roten Brut.

Im Völkischen Beobachter vom 22. 2. 30 heißt es: “Der Geist des Kampfes ist wach. Er lebt in uns. Der alte Gott der Rache schläft nicht. Bald wird er sich gürten und wappnen.“ Diese Hetze zum Bürgerkrieg ist systematisch vorbereitet in dem Propagandamaterial der Nationalsozialisten. In dem offiziellen, von der “Reichspropaganda-Abteilung“ des Herrn Goebbels herausgegebenen 1. Heft heißt es auf Seite 19: “Die andere Art, Versammlungsthemen zu finden‚ ist: Sensationelle Tagesereignisse, Skandale jüdischer oder marxistischer Art, besonders politische Geschehnisse‚ in kürzesten Schlagworten - meist bloß drei bis vier großgedruckte Worte - aufzustellen, so daß die Masse aus Neugierde - aus Wut über politische Ereignisse‚ in der Hoffnung, für ihre materiellen Standes- und Klasseninteressen etwas Vorteilhaftes zu hören, hereingeht.“

Direkte auch praktische Hetze zum Bürgerkrieg - Aufhetzung der Triebhaftigkeit in der niedrigsten und berechnendsten Weise - das ist der “Idealismus“ der positiv christlichen “Arbeiterpartei“‚ daß sie durch Plakate in den Massen die Hoffnung erweckt, sie höre in der Versammlung etwas “für ihre materiellen Standes- und Klasseninteressen Vorteilhaftes“.

Im Völkischen Beobachter erscheinen jeden Tag Bürgerkriegs- und Heeresberichte über gewonnene Saalschlachten, bei denen immer die “Rotmordbanditen“ die Angreifer sind.

Etwas Verlogeneres als diese Berichte‚ die unter dem Schutz der Immunität der Reichstagsabgeordneten von den Redakteuren herausgegeben werden, habe ich nirgends gelesen.

Die beim Hitlerputsch am 9. November 1923 ums Leben gekommenen, irregeleiteten Männer werden in der völkischen Presse als Vorbilder glorifiziert - ja, die “Reichsleitung der NSDAP verlangt von den Pfarrämtern, es “möchten am 9. November“ Feiern abgehalten werden zu Ehren der im Weltkrieg gefallenen Soldaten und der in der Nachkriegszeit von marxistischem Mordgesindel getöteten Kämpfern für eine neue Deutsche Zukunft.“

Wir leiden unter den Methoden des politischen Kampfes, die mit Notwendigkeit zum Bürgerkrieg führen müssen, - wir betrauern jeden, der in politischen Schlägereien ums Leben kommt, gleichgültig, ob er Sozialist oder Faschist ist, die Nationalsozialisten aber verherrlichen die bei politischen Schlägereien ums Leben gekommenen Faschisten als “Deutsche Helden, die auf dem Feld der Ehre und der Pflicht geblieben sind“. Regelmäßig heißt es in den Nachrufen: “Von einer Horde Marxisten (einer marxistischen Übermacht) angefallen und nach tapferer Gegenwehr erschossen.“
Wie die von den Nationalsozialisten kopierte faschistische Bewegung den Bürgerkrieg zur Machtergreifung durchgeführt hat, ist in der Erinnerung aller, die damals die Vorgänge in Italien verfolgt haben.

Damals brachen die Faschisten auf dem Lande in die Häuser der Gewerkschaftsbeamten ein, holten sie aus dem Bett und ermordeten sie. Auf schweren Lastautos fuhren sie, bis an die Zähne bewaffnet, von einem Teil des Landes zum anderen, machten die Städte unsicher, verwüsteten die Wohnungen der sozialistischen Bürgermeister und Stadtverordneten, plünderten Geschäfte, brannten Häuser an, sozialistische Zeitungen und Redaktionsstuben wurden zerstört. Wer Geldsummen an oppositionelle Blätter schickt, den holt die faschistische Miliz auf das Wachlokal. Dort wird er beschimpft, bedroht, geschlagen. Die Wortführer der Opposition holt man mit dem Auto ab, fährt sie meilenweit fort und erschießt sie irgendwo draußen im flachen Land hinter einer Hecke. Pietro Ferrero, der nichts anderes verbrochen hat, als daß er Sekretär des Metallarbeiterverbandes war, haben die Faschisten mit den Füßen an ein Auto gebunden und als einen blutenden Klumpen zerfetzten Fleisches durch Turin geschleift. - Als Matteotti im Parlament eine kluge, scharfe, aber völlig sachliche Anklagerede gegen die Gräuel dieses politischen Kampfes gehalten hatte, setzte er sich und sagte halb im Scherz und halb im Ernst zu seinen Freunden: „Jetzt, meine Freunde, könnt ihr meine Leichenrede vorbereiten.“ Zehn Tage später wurde Matteotti auf der Straße von fünf Personen aufgehalten, in ein Auto gedrängt. Im fahrenden Auto kommt es zu einem furchtbaren Kampf, der damit endet, daß einer der Mordgesellen dem tapferen Matteotti den Dolch in die Brust stößt. Das Bürgertum verachtete die Kampfmethoden der Faschisten, aber es rührte sich auch nicht ein Finger zur Verteidigung des Rechts. Der Staat war machtlos. Die Polizei hatte Angst. Sie schritt regelmäßig dann ein, wenn das Unglück geschehen war, und die Täter nicht mehr erwischt werden konnten.
Die Kirche schwieg.

Die Kirche schweigt auch bei uns, bis es zu spät sein wird. Sie schweigt aber nicht nur zu dem offensichtlichen Bürgerkriegsvorbereitungen der Nationalsozialisten – sie schweigt auch zu der Kriegspropaganda der Faschisten, die mit der Weltanschauung, die das Kreuz Christ kennzeichnet, unvereinbar ist.

Herr Goebbels schreibt: „Das aber ist Christentum: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Mein Nächster ist mein Volksgenosse. Liebe ich ihn, dann muß ich seine Feinde hassen.“ Die Auslegung Jesu Christi über die Nächstenliebe in dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter lautet anders, Herr Goebbels! Dort haben gerade die “Volksgenossen“ den ausgeplünderten und halb totgeschlagenen Nächsten liegen lassen und der dem “Kötervolk“ angehörende, der Samariter, um mit ihrem Freund Rosenberg zu sprechen, hat dem in der Not Zugrundegehenden aus dem internationalen, denken sie Herr Goebbels, internationalen Liebeszwang eines in Gott gegründeten Gewissens geholfen.

Der “militärische Sachverständige“ des Dritten Reiches, der Oberst a. D. Constantin Hierl, schreibt in der parteiamtlichen Broschüre Nr. 12 “Grundlagen einer deutschen Wehrpolitik“‚ Seite 3: “Der Staat ist nach unserer Auffassung die Machtorganisation, die ein Volk braucht damit es den schicksalsverhängten Kampf um sein Leben auf dieser Erde bestehen, seine natürlichen Fähigkeiten und Anlagen entwickelte und damit seiner göttlichen Bestimmung dienen kann (!)“

Sehr christlich, diese Auffassung vom Staate. Seite 4 zitiert als Definition des Krieges das Wort vom Clausewitz: „Der Krieg ist ein Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen und es gibt in der Anwendung der Gewalt keine Grenzen.“
Sehr christliche Auffassungen, positiv christliche Auffassungen, Herr Oberst Hierl!

Seite 4: „Es gibt nur einen unparteilichen Richter über die Völker, das ist der geschichtliche Erfolg. Dieses Gottesgericht gibt dem Starken Recht.“
Dann wäre also unser Volk, das den Weltkrieg verloren hat, von “Gott gerichtet“, Herr Oberst Hierl. - Der unparteiliche Richter der Welten aber und der Völker, Herr Oberst, ist für einen Christen wenigstens nicht „der geschäftliche Erfolg“, sondern Jesus Christus.

Seite 3: „Blut allein treibt die Räder der Weltgeschichte“, meint Mussolini, und der Herr Oberst Hierl zitiert diese abgrundtiefe, positiv christliche Erkenntnis im Sperrdruck.

Die ganze Broschüre des nationalsozialistischen Kriegssachverständigen ist eine einzige Blasphemie für den Christen, der in seiner Seele die Sehnsucht nach dem Frieden auf Erden trägt‚ der uns durch Christus Jesus verheißen ist: Das Kreuz ist das Symbol des Friedens - und der Friedensbereitschaft -‚ und nicht der Wehrhaftmachung unseres Volkes.

Es ist traurig, daß in der SA-Beilage des Völkischen Beobachters die Gedichte von 1914 Auferstehung feiern. Am 24. Dezember 1930 war da zu lesen: „Volk, steh auf! Volk, werde frei! Brich deine Sklavenketten entzwei: Volk, stehe auf! Blick auf zu den Ahnen, den Heldengestalten. Greife zum Schwert, wie sie die Faust einst ballten! Mut nur und Stolz kann Achtung erzwingen. In feiger Angst kann nichts gelingen. Trau deiner Kraft! Trau dir allein! Gott wird dir Helfer sein. Zu ihm schau trotzig - wild empor. Tu ab den Trauerflor: Denn du stirbst nicht.

Wir werden auf keinen Fall uns der Kriegspropaganda der Nationalsozialisten beugen. Wir halten es mit Berthold Auerbach: Solange noch eine Kanone gegossen wird, solange noch ein Mensch den andern tötet, ist keine Religion auf der Welt. Solange noch ein Geistlicher einen Menschen schwören läßt, auf Kommando seinen Bruder zu töten, ist alles Kirchentum eitel Lüge.

Wir halten es mit Chr. Blumhardt: Wer in den Geboten des Heilandes steht und sein Leben in sich aufgenommen hat‚ der kann Frieden haben unter allem Streit der Menschen. Es soll aber auch Frieden werden auf der Erde. Auch die Völker und Gesellschaften untereinander sollten Frieden haben. Es soll Frieden werden in der ganzen Welt und in dieser Hoffnung dürfen wir stark werden. Wir wenden uns um des lebendigen Christentums, um des Evangeliums willen mit aller Entschiedenheit gegen das “positive Christentum“ der Nationalsozialisten - wir kämpfen im Zeichen des Christuskreuzes gegen das Hakenkreuz.

Zu dieser Rede waren die Nationalsozialisten öffentlich durch Plakate eingeladen; es wurde ihnen eine Stunde Redezeit zugebilligt. Sie haben nicht gewagt, in der Diskussion zu sprechen.

In: Der Religiöse Sozialist“, 13. Jg., (1931), (1) Nr. 7 vom 15. Februar 1931, S. 27; (2) Nr. 8 vom 22. Februar 1931, S. 32; (3) Nr. 9 vom 1. März 1931, S. 38.


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2. Erwin Eckert: Sind wir Marxisten?

Es scheint mir wichtig, diese Frage in unserer Zeitschrift zu klären, weil ich mich nicht damit zufrieden geben würde, in einer Partei zu sein, einer politischen Bewegung anzugehören, die „marxistisch“ ist, in der ich aber nur geduldet bin, weil man mich als Christen nicht voll nimmt. Das wäre nicht nur für mich, sondern für viele unter uns ein nur schwer erträglicher Zustand. Ich kann einer politischen Bewegung praktisch nur dienen, wenn ich auch der Theorie zustimmen kann, aus der ihre Praxis erwächst. Ich kann nur dann mit den Parteigenossen zusammengehören, wenn ihre Grundeinstellung zu den Fragen des politischen Kampfes auch die meine ist. Diese Grundeinstellung aber ist „marxistisch“, d. h. sie geht auf die Erkenntnisse von Karl Marx zurück. Sozialist im Sinne des Eingeordnetseins in die kämpferische sozialistische Front kann also nur der sein, der Marxist ist.

Aber darum handelt es sich, festzustellen, was das heißt, Marxist sein. Es ist nicht nur je nach der Betonung der einen oder andern Stelle in der Marx-Engels-Literatur sehr verschieden, was man unter Marxismus versteht, es wird fast unmöglich, festzustellen, was Marxismus sei, wenn man nach der richtigen, der orthodoxen Interpretation der marxistischen Schriften, dem heute anzuerkennenden marxistischen Dogma frägt. Sollen die von Engels später nach dem Tode von Karl Marx gelegentlich veröffentlichten Ergänzungen marxistischer Gedankenführung mit hinzugenommen werden, sollen die Ausdeutungen der Lafargue, Kautsky, Max Adler, Bernstein, Trotzki, Lenin oder einer der vielen marxistischen Epigonen des „Marxismus“ gelten, und welche unter ihnen?

Bucharin hat in seiner Rede auf der V. erweiterten Exekutive der KJI an der Stelle, an der er die Frage aufwirft, ob Marxismus und „Leninismus“ etwas von einander Verschiedenes seien, eine für unsere Überlegung wichtige Formulierung gefunden: „Wir müssen“, so sagt er, „im Marxismus selbst zweierlei unterscheiden:

  1. Man kann den Marxismus als eine gewisse Methode zur Untersuchung der kapitalistischen Gesellschaft und der Gesellschaft überhaupt betrachten.
  2. Man kann unter Marxismus aber auch die Summe der Ideen und Gedanken verstehen, die von Marx entwickelt wurden, also z. B. die Lehre von der Konzentration des Kapitals, die Lehre über die Profitrate usw.“
    Wir könnten hinzufügen:
  3. Man kann unter Marxismus auch die Summe aller gelegentlich geäußerten und andeutungsweise von Karl Marx gemachten Auffassungen überhaupt verstehen.

Wenn man den Begriff Marxismus so erweitert, wie es in dieser dritten Definition von uns geschehen ist, dann kann ein Christ, ein bewußt religiöser Mensch, nicht Marxist sein; denn Worte von Karl Marx wie die folgenden schließen das aus:
„Der Mensch macht die Religion, die Religion nicht den Menschen. Und zwar ist die Religion das Selbstbewußtsein und das Selbstgefühl des Menschen, der sich selbst entweder noch nicht erworben oder schon wieder verloren hat“ (Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, Deutsch-Französische Jahrbücher 1843, neu herausgegeben von Mehring, Gesammelte Schriften von Marx und Engels, Stuttgart 1902, Band 1, Seite 384 ff.)

„Die Wurzel für den Menschen ist der Mensch selbst. Der evidente Beweis für den Radikalismus der deutschen Theorie, also für ihre praktische Energie, ist ihr Ausgang von der entschieden positiven Aufhebung der Religion.“ (Seite 392.)

„Das religiöse Elend ist in Einem der Ausdruck des wirklichen Elends und in Einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes.“ (S. 384).

„Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glückes des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glückes.“ (Seite 385.)

„Das Christentum predigt die Feigheit, die Selbstverachtung, die Erniedrigung, die Demut, kurz alle Eigenschaften der Canaille, und das Proletariat, das sich nicht als Canaille behandeln lassen will, hat seinen Mut, sein Selbstgefühl, seinen Stolz und seinen Unabhängigkeitssinn noch viel nötiger als sein Blut“. (Marx - Engels Nachlaßausgabe von Mehring 1902, Bd. II. Seite 442/43 in einem Aufsatz aus der „Deutschen Brüsseler Zeitung“ vom 12. 9. 1847 über den „Kommunismus des Rheinischen Beobachters.“)

„Die religiöse Welt ist nur der Reflex der wirklichen Welt.“ (Kapital Band 1, Seite 42. Volksausgabe.)

„Die Religion gilt uns nicht mehr als der Grund, sondern als das Phänomen der weltlichen Beschränktheit. Wir erklären daher die religiöse Befangenheit der freien Staatsbürger aus ihrer weltlichen Befangenheit.“

„Wir behaupten nicht, daß sie ihre religiöse Beschränktheit aufheben müßten, um ihre weltlichen Schranken aufzuheben; wir behaupten, daß sie ihre religiöse Beschränktheit aufheben, sobald sie ihre weltlichen Schranken aufheben.“

„Wir verwandeln nicht die weltlichen Fragen in theologische, wir verwandeln die theologischen Fragen in weltliche.“ (Kapital 1 5. 43.)
Aber das ist nicht „Marxismus“. Wir müssen den Mut haben, auch Karl Marx im Licht des Marxismus zu sehen, müssen die Methoden des historischen Materialismus auf ihn selbst anwenden.

Dann ergibt sich folgendes: In der Zeit des kämpferischen Frühkapitalismus waren die Bewußtseinsformen der Masse noch fast restlos von der Vorstellungs- und Begriffswelt der Feudalzeit bestimmt, von der sich auch vor allem die religiöse kirchliche Verkündigung jener Zeit nicht freimachen konnte. In dem geistigen Leben der bürgerlich vorwärts drängenden Kreise aber, aus denen auch Karl Marx und Friedrich Engels hervorgingen, kündigte sich der neue ideologische Überbau des jungen liberalen Kapitalismus eben an. Die Aufklärung und der philosophische Materialismus erscheinen als dialektisches Widerspiel zu der Überspannung und Übersättigung idealistisch feudalistischer Verflüchtigung alles Lebendigen, als die der kapitalistischen Zweckmäßigkeit adäquate weltanschauliche Grundhaltung der entstehenden bürgerlichen Klasse.

Zu dieser also bürgerlich materialistisch begründeten Ideologie gehört m. E. vor allem die Einstellung von Karl Marx zur Religion.
Die praktische Haltung der soziologisch feudal gebundenen Kirche wird von ihm als durch und durch reaktionär erlebt, so daß es nur zu verständlich ist, wenn er in dem von ihr verwalteten Gut, der Religion, eine reaktionäre Kraft sah.

Daß Marx in diesen Dingen ideologisch mit abhängig war von dem „Geist der Zeit“ um 1850 und sich darum eigentlich nie so recht wohl fühlte, wenn es um die Frage der Religion und des Christentums ging, erhellt daraus, daß wir bei ihm nirgends eine längere und grundsätzliche Abhandlung über diese immerhin auch systematisch wichtige Frage finden. Die gelegentlichen Äußerungen über Religion und Christentum, die in den verschiedenen Werken von Marx und Engels auftauchen, sind stets eingestreut in den größeren und ihnen scheinbar allein wichtigen Zusammenhang ökonomisch soziologischer Studien und Beweisführungen, sie sind stets unter dem Gesichtswinkel der Notwendigkeit des Klassenkampfes auf allen Gebieten gesehen. Bezeichnend ist die Stelle aus dem kommunistischen Manifest, in der Karl Marx über die Bedeutung der „Ideen“ in der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft spricht, am Ende des zweiten Abschnittes, der über „Proletarier und Kommunisten“ handelt. Für unser Thema sind vor allem die Sätze wichtig:

„Aber“, wird man sagen, „religiöse, moralische, philosophische, politische rechtliche Ideen usw. modifizierten sich allerdings im Lauf der geschichtlichen Entwicklung. Die Religion, die Moral, die Philosophie, die Politik das Recht erhielten sich stets in diesem Wechsel.

Es gibt zudem ewige Wahrheiten, wie Freiheit, Gerechtigkeit usw., die allen gesellschaftlichen Zuständen gemeinsam sind. Der Kommunismus aber schafft die ewigen Wahrheiten ab, er schafft die Religion ab, die Moral, statt sie neu zu gestalten, er widerspricht also allen bisherigen, geschichtlichen Entwicklungen.“
Worauf reduziert sich diese Anklage? Die Geschichte der ganzen bisherigen Gesellschaft bewegte sich in Klassengegensätzen, die in den verschiedenen Epochen verschieden gestaltet waren.

Welche Form sie aber auch immer angenommen, die Ausbeutung des einen Teiles der Gesellschaft durch den anderen ist eine allen vergangenen Jahrhunderten gemeinsame Tatsache. Kein Wunder daher, daß das gesellschaftliche Bewußtsein aller Jahrhunderte, aller Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit zum Trotz, in gewissen gemeinsamen Formen sich bewegt, in Bewußtseinsformen, die nur mit dem gänzlichen Verschwinden des Klassengegensatzes sich vollständig auflösen.
Die kommunistische Revolution ist das radikalste Brechen mit den überlieferten Eigentumsverhältnissen; kein Wunder, daß in ihrem Entwicklungsgang am radikalsten mit den überlieferten Ideen gebrochen wird“

Marx behauptet hier also nicht mehr und nicht weniger, als daß die kommunistische Gesellschaft keine Religion, keine Moral, keine Philosophie, kein Recht mehr kennen wird. Religion, Moral, Philosophie, Politik, Recht fallen weg, wenn „die Ausbeutung der einen durch die andern wegfällt.“ Diese Bewußtseinsformen lösen sich mit dem gänzlichen Verschwinden des Klassengegensatzes vollständig auf. „Die Idee der Freiheit, der Gerechtigkeit usw.“ d. h. also etwa Brüderlichkeit, Gemeinschaft, Friede, Freude, Reinheit, Güte als sittliche Ideen, „verschwinden in der klassenlosen Gesellschaft vollkommen.“ Man ist versucht, zu fragen, was dann eigentlich noch übrig bleibt.

Allerdings ist der ganze Passus als eine am Rand gegebene Antwort auf einen Einwand bürgerlicher Ideologie gegen die Kommunisten behandelt und das Schweigen in der marxistischen Literatur gerade über diese Stelle zeigt die Verlegenheit, in die die marxistische Systematik kommen muß, wenn sie Überspitzungen und ultramarxistische Übertreibungen interpretieren soll.

Es ist in diesem Zusammenhang nützlich, ein Wort Lenins anzuführen, dem man sicher keine „Verbürgerlichung des Marxismus“ vorwerfen kann, das er in seinem „Materialismus und Empiriokritizismus“, in der Auseinandersetzung mit der philosophischen Relativitätstheorie gebraucht: „Die materialistische Dialektik von Marx und Engels schließt unbedingt den Relativismus ein, reduziert sich aber nicht auf ihn, d. h. sie gibt die Relativität aller unserer Kenntnisse zu, aber nicht im Sinne der Verneinung der objektiven Wahrheit, sondern im Sinne der geschichtlichen Bedingtheit der Grenzen der Annäherung unserer Kenntnisse an diese Wahrheit.“ Und weiter unten heißt es: „Auf dem Wege der marxistischen Theorie nähern wir uns der objektiven Wahrheit immer mehr und mehr (ohne sie jemals zu erschöpfen); auf jedem anderen Wege aber können wir zu nichts anderem gelangen als zu Konfusion und Lüge.“

Ich wüßte nicht, warum wir religiösen Sozialisten dieser Kennzeichnung des Verhältnisses zwischen der Relativität aller unserer Erkenntnisse und der letzten objektiven Wahrheit nicht zustimmen könnten. Nach der oben angeführten Stelle des kommunistischen Manifestes ist es aber zum mindesten fraglich, ob Karl Marx eine „objektive Wahrheit“ überhaupt anzuerkennen bereit war, der wir uns durch die marxistische Theorie „mehr und mehr“ nähern „ohne sie jemals zu erschöpfen“.

Es scheint also doch etwas daran zu sein, wenn Karl Marx in einer Diskussion von sich selbst sagte: „Ich, ja ich selbst, bin kein „Marxist“.
Aber selbst wenn wir in diesem eingeengten Sinn von Marxismus reden, müssen wir unterscheiden zwischen der Methodik marxistischer Erkenntnis des Geschehens in der Gesellschaft und, wie Bucharin sagt, der „Summe von Ideen“, in denen Karl Marx den Weg des gesellschaftlichen Lebens durch die Analyse der kapitalistischen Ordnung zu zeichnen versucht. Ob man im einzelnen und in allen Stücken „die Lehre von der organischen Zusammensetzung des Kapitals“, die Mehrwerttheorie, die Akkumulationstheorie, die Lehre von der Surplusbevölkerung oder der industriellen Reservearmee, die Verelendungstheorie, die Krisen- und die Zusammenbruchstheorie gelten läßt, sie auch nach den Erfahrungen der letzten Jahre als bestätigt und richtig erklärt oder bei einer kritischen Betrachtung über ihre Zulänglichkeit starke Abstriche macht, ist durchaus irrelevant.

Der Revisionismus aller Spielarten, die teilweise Erweichung und Verbiegung des „marxistischen Gerippes“ durch die SPD und den Austromarxismus, hat ebensogut das Recht von marxistischer Einstellung zu sprechen, wie die Verschärfung und Vergröberung marxistischer Systematik zum Dogma und Zauberwort durch einen Teil der bolschewistischen Theoretiker.

Ich für meinen Teil bin überzeugt, daß Karl Marx die Funktionen der kapitalistischen Ordnung und der sich daraus ergebenden Weiterentwicklung richtig gesehen hat.

Ungeduld und Verzagtheit, Kritizismus und geistige Hybris, gedankliche Auswirkungen grundsätzlicher Koalitionsbereitschaft mit bürgerlichen Parteien, Angst vor der Wirklichkeit oder gar der direkte Kampf gegen die Klarheit einer marxistischen Analyse der Gegenwart, haben den von den bürgerlich liberalen Philosophen jeden Kalibers schon seit 50 Jahren fortlaufend getöteten Marxismus für unsere Zeit nur allzu oft in Frage zu stellen versucht. Inwieweit und warum die wirtschaftspolitischen und soziologischen Einzeltheorien des Marxismus richtig sind und aus der Gegenwart belegbar, kann hier nicht untersucht werden.
Man könnte sogar, theoretisch mindestens, bei einer Betrachtung der gegenwärtigen Epoche im Einzelnen zu ganz anderen Thesen der Bewegungsgesetzlichkeit des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Geschehens, das den Sozialismus fordert, kommen und trotzdem „Marxist“ sein, wenn - ja wenn man bei der Art der systematischen Betrachtung und der Analyse der Gegenwart sich der marxistischen Methodik bedient.

Man kann sich dann mit gutem Gewissen sehr wohl „Marxist‘ nennen, wenn man nicht von einem vorher konzipierten System irgend einer zukünftigen sozialistischen Ordnung (sozialistische Utopie) aus an die Gegenwart Forderungen stellt, sondern aus der dialektischen Entwicklungsgesetzlichkeit auch der heutigen Wirtschaft den Weg zu ihrer Überwindung und zur Verwirklichung der sozialistischen Ordnung zu zeigen bestrebt ist. Das zweite wesentliche Merkmal „marxistischer“ Einstellung sehe ich darin, daß man nicht vor irgend einem Wunder oder gar der sittlichen Gesinnung und Einsicht der herrschenden Schichten die Neugestaltung des wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Lebens erwartet, sondern von dem entschlossenen physischen und geistigen Kampf der Arbeiterklasse, an dem man selbst beteiligt ist. „Die Befreiung der Arbeiterklasse kann nur das Werk der Arbeiterklasse selbst sein.“

Ohne die Zustimmung zu diesen beiden Punkten kann sich m. E. niemand mit Recht „Marxist“ nennen. Die religiösen Sozialisten aber, die bekanntlich in der kämpferischen Front des Proletariats stehen, sind in diesem letzten Sinne durchaus Marxisten, wenn sie auch als religiöse Sozialisten zu dem „historischen Materialismus“ und zum „Klassenkampf“ als dem „Motor der Entwicklung“ manches Kritische zu sagen haben.

in: Zeitschrift für Religion und Sozialismus, 2. Jh. (1930), H. 1, S. 163-168

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3. Die Kirche und der Kommunismus.

Stadtpfarrer Eckert kommt zur KPD.
Herausgegeben von der Bezirksleitung der Kommunistischen Partei, Bezirk Baden-Pfalz

Mannheim 1931
(Auflage 100.000)

Ein Schritt von großer Bedeutung

In einer vom Einheitskomitee sozialdemokratischer und kommunistischer Arbeiter Mannheims einberufenen Riesenkundgebung erklärte unter dem tosenden Beifall aller 7000 Anwesenden der Mannheimer Stadtpfarrer Erwin Eckert seinen Übertritt zur Kommunistischen Partei Deutschlands.
20 Jahre lang war Eckert Mitglied der Sozialdemokratischen Partei und Führer des Bundes der religiösen Sozialisten Deutschlands.
Dieser Schritt des Pfarrers Eckert, der nach langen, schweren inneren Kämpfen erfolgte, hat nicht nur in Mannheim und Baden, sondern darüber hinaus in ganz Deutschland größtes Aufsehen erregt. Die gesamte bürgerliche Presse, allen voran die Presse der Sozialdemokratie, erhebt ein wütendes Geheul und bezichtigt Eckert des Verrats und der Unaufrichtigkeit.

In einer groß angelegten Rede hat Pfarrer Eckert ausführlich in einer Mannheimer und Stuttgarter Riesenkundgebung seine Gründe dargelegt, die ihn bewogen haben, mit der Sozialdemokratischen Partei zu brechen und seinen Übertritt zur Kommunistischen Partei zu vollziehen.
In seiner Rede sprach der ehemalige sozialdemokratische Pfarrer das aus, was heute Zehntausende, ja Hunderttausende sozialdemokratischer Arbeiter noch unklar empfinden. Sie sind zwar noch Mitglieder der SPD, aber der volksfeindlichen Tolerierungspolitik der Sozialdemokratischen Partei stehen sie ablehnend gegenüber.

„Es fällt mir schwer, mich von den sozialdemokratischen Massen zu trennen. Aber die Sozialdemokratie hat keinen Funken revolutionärer Ideen mehr in sich. Die kämpferische Idee ist allein bei der KPD lebendig. Hätte ich anders gehandelt, hätte ich das Proletariat im Stich gelassen.“
„Wen ich in dieser Stunde mitten hineinschreite in die Reihen der KPD, so weiß ich, daß dieser Weg furchtbar schwer sein wird, daß viel Mißtrauen und Widerwärtiges mir begegnen werden. Aber das schadet nichts. Einer muß beginnen. Christentum und Kapitalismus müssen auseinander.“
„Solange das Proletariat in sich zerrissen und gespalten ist, hat es nicht die Kraft, den Kapitalismus zu stürzen. Es gibt nur einen Weg, den bewußten revolutionärem Klassenkampf unter der Führung der KPD.“

Bei diesen Worten durchbrauste tosender Beifall aller Anwesenden den Saal Ob sozialdemokratische oder christliche Arbeiter, kommunistische oder parteilose Arbeiter, ob Angestellter oder kleiner Beamter, niemand im Saal konnte sich dem Eindruck solcher Worte, entziehen. Jeder empfand: Hier spricht ein Mann, durchdrungen von dem glühenden Gedanken, die Einheitsfront aller Werktätigen unter revolutionärer Führung herzustellen im Kampfe gegen Not und Reaktion, für Arbeit, Brot und Freiheit.

Als dann der Redner seinen Eintritt in die Kommunistische Partei erklärte, brauste spontan die „Internationale“, das Kampf- und Trutzlied aller klassenbewußten Arbeiter, durch den Saal.

Eine große Anzahl ehemaliger sozialdemokratischer Funktionäre und Arbeiter erklärten schon an diesem Abend ihren Übertritt zur Kommunistischen Partei. Unter den Übergetretenen befanden sich solche, die bis zu 35 Jahren Mitglied der SPD waren und die jetzt den Trennungsstrich zogen.
Stürmisch begrüßen die notleidenden werktätigen Massen die Tatsache, daß sich in Deutschland in immer schnellerem Tempo die rote Einheitsfront bildet. Der Schritt des ehemaligen Stadtpfarrers Eckert hat bei der klassenbewußten Arbeiterschaft freudigen Widerhall gefunden. Aus allen Teilen des Reiches kommen Zustimmungserklärungen.

Im Lager der Gegner der Arbeiterklasse hat der Übertritt Eckerts Angst, Verwirrung und Entsetzen hervorgerufen. Die Feinde der Werktätigen spüren nur zu deutlich, daß durch die im Entstehen begriffene rote Einheit ihr System, das System der brutalsten Ausbeutung und Niederknüppelung des werktätigen Volkes, in dem Moment aufgehört hat zu existieren, wo sich das Proletariat, alle Ausgebeuteten und Unterdrückten unter der Führung der Kommunistischen Partei zu einem einheitlichen und geschlossenen Block zusammenfinden. Rote Einheit ist der Tod des Kapitalismus.

Das war das Leitmotiv, das viele sozialdemokratische Funktionäre bewogen hat, ihren Eintritt in die Reihen der Kommunistischen Partei zu vollziehen, wenn sie nicht zu bewußten Verrätern an ihrer Klasse werden wollten.

Unter dieser Parole entsteht, bildet und formiert sich jene rote Einheit, die durch den Sturz des Kapitalismus, den Aufbau des Sozialismus für alle Werktätigen Arbeit, Lohn und Brot schaffen wird.

Eckerts Bekenntnis für den Kommunismus.

Bei seinem Übertritt von der SPD zur KPD übergab Eckert nachfolgende Erklärung der Bezirksleitung der KPD Bezirk Baden-Pfalz:
In seiner Sitzung vom 2. Oktober hat mich der Vorstand des badischen Unterbezirks der SPD nach beinahe 20jähriger Mitgliedschaft und Mitarbeit aus der Partei ausgeschlossen wegen „Zellenbildung“ und „groben Vertrauensbruchs“.

Die „Zellenbildung“ bestand darin, daß ich mit anderen Genossen zusammen das Publikationsorgan der SPD-Opposition, die „Fackel“, systematisch verbreitete, die „Freie Verlagsgesellschaft“ unterstützte und zu der von Sydewitz nach Berlin einberufenen Reichskonferenz zu fahren beabsichtigte.
„Vertrauensbruch“ gegen den Vorstand der SPD war es, daß ich an einer Zusammenkunft oppositioneller Genossen in Heidelberg teilnahm und in Mannheim nach einer vom SPD-Apparat gesprengten Mitgliederversammlung, die in ihrer Mehrheit auf meiner Seite stand, mit den zu einer neuen Partei drängenden Genossen in einem öffentlichen Lokal verhandelte. Die angegebenen formalen Gründe sind natürlich nicht ausschlaggebend gewesen bei dem Vorgehen gegen mich, sie sollen nur die eigentlichen Ursachen meines Ausschlusses verdecken.

Der allgemeine Hinauswurf der oppositionellen Wortführer aus der SPD sollte die Partei verhandlungs-, koalitions- oder doch wenigstens weiterhin tolerierungsfähig machen für die Regierung Brüning.

Am Tag nach dem Ausschluß von Seydewitz und Rosenfeld waren die Führer der SPD bei Brüning, um mit ihm über den Preis zu verhandeln, für den die SPD gewillt sei, auch weiterhin die Sanierung des kapitalistischen Systems auf Kosten der werktätigen Massen zu dulden und dadurch erst zu ermöglichen.
Man schloß die Genossen, die seit einem Jahrzehnt die verkehrte Taktik der SPD bekämpfen, die endlich Schluß mit der Tolerierungspolitik verlangten, aus.
Man wollte die unbequemen Mahner los werden. Man fürchtete ihre Meinung, ihren Ruf zur revolutionären Entschiedenheit.
Darum unterband man systematisch de Meinungsfreiheit in der Partei. Der Vorstand der SPD, der „Retter der Demokratie“, übte mit den Mitteln einer unaufrichtigen und verdeckten Sekretariats- und Presseregie eine rücksichtslose Diktatur zur Unterdrückung jeder wirkungsvollen Opposition in der Partei aus.

In den 5 Jahren, in denen ich im hiesigen Parteiverein mitarbeite, habe ich beispielsweise so wenig wie ein anderer oppositioneller Genosse weder in einer allgemeinen Mitgliederversammlung, noch in einer Zahlstelle, die politisch taktische Meinung der Opposition grundsätzlich in einem Referat vertreten können!

Die SPD ist keine revolutionäre Partei mehr, sie ist zu einem Stillhaltekonsortium, zu einem Beruhigungsapparat der Arbeiterschaft in der Periode der nationalkapitalistischen Reorganisatonsversuche, zur festesten Stütze der Regierung Brüning geworden. Sie ist eine Partei zur Vertretung kleinbürgerlicher Interessen. Sie hat darum unter der Leitung eines verbeamteten Funktionärkörpers jede innere Kraft, jede große Sicht auf die kommende Entscheidung verloren.

Die Politik der SPD führt zur Schwächung der Kampfkraft der Arbeiterklasse. Die SPD träg die Verantwortung dafür, wenn jetzt nach dem offensichtlichen Zusammenbruch ihrer Koalitions- und Tolerierungspolitik die nationalfaschistische Front die Arbeiterschaft in der brutalsten Form zu unterdrücken versuchen wird, um über die Krise des Kapitalismus hinweg. zukommen. Einer starken geschlossenen, in der Opposition stehenden Arbeiterschaft gegenüber hätten die Kapitalisten es nicht gewagt, dem Proletariat die Lasten der Brüningschen Notverordnungen aufzuerlegen.

Der Kampf der SPD gegen den Faschismus endigt mit einem politischen Fiasko.

Die große Parole: „Wo bleibt der zweite Mann?“ ist ein Eingeständnis der inneren ideologischen Schwächen der SPD, die krampfhaft eine aufgeplusterte Organisation erreichen möchte.

Die maßlosen, oft direkt lügnerischen Verdächtigungen des tapferen und erfolgreichen sozialistischen Aufbaues in Sowjetrußland durch die SPD waren für mich immer ein Zeichen dafür, daß die SPD ihre frühere Werbekraft verloren hat.

Die SPD ist schuld an der Spaltung der Arbeiterklasse, weil sie durch ihre politisch taktische Haltung die revolutionär-sozialistische Tradition der früheren Sozialdemokratie aufgegeben und in der revisionistischen Taktik des „kleineren Übels“ versandete.

Seit Jahren versuchten meine Freunde und ich, die SPD von unten her auf den alten Weg der Vorbereitung und Bereitschaft zur proletarischen Revolution zu dringen, suchten wir die Wände des Mißtrauens und der Gehässigkeit zwischen SPD und KPD niederzulegen. Ich glaubte an die SPD und an den guten Willen ihrer Führung, durch entschlossene sozialistische Klassenpolitik die Massen aus dem Elend und der Not der kapitalistischen Gegenwart herauszuführen. Schon frühere Unterredungen mit führenden Genossen, so vor allem auch mit Sollmann, hatten meine Hoffnungen sehr heruntergeschraubt. Die Unterdrückung der Meinungsfreiheit, die Abwürgung auch nur des Versuchs, die SPD wieder aus einer dauernd feilschenden zu einer kämpfenden Partei zu machen und der Ausschluß der parlamentarischen Führer der Opposition hat mich endgültig von der Illusion befreit, die SPD könne noch einmal die Führung des Proletariats in seinem Kampf um die Freiheit aufnehmen.

Was sollte ich nach meinem Ausschluß tun und mit mir die vielen Genossen und Genossinnen der Opposition?

Seydewitz und Rosenfeld wollten eine neue Partei gründen, die „Sozialistische Arbeiter-Partei“. Für diese Neugründung setzte auch ich mich ein, weil es mir das Beste schien, die in der SPD heimatlos Gewordenen in einer Partei zusammenzufassen, die zwischen SPD und KPD die Einigung des Proletariats vorbereiten und erreichen könnte.

Ruhige Überlegung vor der endgültigen Entscheidung über die objektiven Folgen dieser auch von mir gewünschten und begrüßten Neugründung der „Sozialistischen Arbeiter-Partei“ zwang mich aber dazu, die Gefahren dieses Weges und seine sichere Erfolglosigkeit zu erkennen.

Man kann keine grundsätzliche ideologische Abgrenzung zwischen SPD und KPD zugleich finden, eine neue marxistisch-evolutionäre-revolutionäre Parteitheorie. Man kann nicht mit einer ganzen Anzahl halbresignierter Splittergruppen aus den vergangenen Organisationskämpfen, aus Friedensgesellschaft, KPO, Rote Kämpfergruppe, USP, Opposition und aus frisch gewonnenen Neusozialisten eine zielbewußte proletarische Kampfpartei ins Leben rufen.

Man kann in der heutigen Situation nicht mit einigen Jahren Zeit zur Konsolidierung einer neuen Partei rechnen, die man vielleicht schon in diesem Winter braucht.

Man kann nicht 2. und 3. Internationale zugleich sein. Man kann sich nicht von der KPD scharf abgrenzen und die proletarische Einheitsfront proklamieren.

Aus diesen sachlichen Gründen habe ich mich von Seydewitz getrennt, was mir menschlich sehr schwer gefallen ist.

Für einen politisch tätigen Menschen aber, der den Sturz des kapitalistischen Systems will, weil die Massennot, die Ungerechtigkeit und Gemeinheit der „bestehenden Ordnung“ ihn dazu zwingen, kann es nur einen Weg geben, den Weg des verantwortlich geführten revolutionären Klassenkampfes.

Darum habe ich meinen Eintritt in die KPD erklärt.

Jawohl, auch ich habe die KPD bekämpft. Ich habe noch vor kurzem gemeint, es sei mir unmöglich, in der KPD mitzumachen, wegen ihrer „Gewerkschaftspolitik“, wegen ihrer „Abhängigkeit von Moskau“, wegen ihrer „weltanschaulichen Unduldsamkeit“, wegen ihrer „militaristischen Parolen“ und ihrer „Putschtaktik“.

Was ist von diesen Einwänden geblieben, nachdem ich den entscheidenden ganzen Schritt grundsätzlich tun mußte. Von diesem Augenblick an sind diese taktischen Einwände für mich gegenstandslos geworden.

Die KPD ist mehr als jede andere Partei zu einer rücksichtslosen Selbstkritik bereit. Ich habe erkannt, daß auch bei mir die Hetze der bürgerlichen und sozialdemokratischen Presse Voreingenommenheit und Mißtrauen gesät hatte.

Die Gewerkschaftstaktik der KPD kann nicht verglichen werden mit der Taktik der Freien Gewerkschaftsbürokratie, die im Begriff steht, die Gewerkschaften durch die „Arbeitsgemeinschaft zwischen Unternehmern und Arbeitnehmern“ zu staatlich sanktionierten Syndikaten des Faschismus nach dem Beispiel Italiens zu machen.

Ich kann hier nicht auf alle Einwände der Gegner der KPD eingehen.

Nur eines noch: Ich bin der KPD nicht als Pfarrer, sondern als revolutionärer Marxist beigetreten, um in ihr für die Befreiung der Arbeiterklasse zu kämpfen.

Andererseits wurde mein Eintritt in die KPD nicht davon abhängig ge macht, daß ich meine Weltanschauung und mein Pfarramt aufgeben müßte. Die KPD wird genau so wenig den christlichen Arbeitern um ihrer Weltanschauung wegen den Eintritt in die Partei versperren, wenn sie ehrlich gewillt sind, in den Reihen der KPD mitzukämpfen. Mich wird mit den Freidenkern trotz der Verschiedenheit unserer weltanschaulichen Einstellung der entschiedene Kampf zum Sturz der kapitalistischen Welt vereinigen.

In und durch diesen Kampf werden auch die Formen der heutigen offen oder versteckt bürgerlich-faschistischen Kirchen zerbrechen, um so den lebendigen Kräften brüderlicher Gemeinschaft Platz zu machen, aus der neue höhere Formen des menschlichen Lebens und Bewußtseins herauswachsen werden.

Ich habe manche meiner Freunde in der SPD enttäuschen müssen, weil ich die Neugründung der Partei Seydewitz und Rosenfeld nicht mitmachen konnte; es wäre für mich der bequemere Weg, an der „Sozialistischen Arbeiter-Partei“ mitverantwortlich und mitführend zu werden. Ein Wortführer der proletarischen Bewegung hat aber nicht danach zu fragen, was im Augenblick leichter ist, sondern danach, was aus der Gesetzmäßigkeit des gesellschaftlichen Lebens heraus durchgeführt werden muß.

Ich halte die neue Parteigründung für einen verhängnisvollen Fehler. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, daß die politischen Geschehnisse der kommenden Tage und Wochen eine Masse von neuen Mitgliedern aus der SPD in die KPD bringen werden.

Ich bin überzeugt, daß in kurzer Zeit alle revolutionär denkenden Sozialisten in der KPD sein werden.

Nur unter Ihrer Führung ist es möglich, das Proletariat zum Siege über den Kapitalismus zu führen.

Die ungeheuerliche Hetze vor allem der SPD, der ich seit 20 Jahren mit aller Kraft gedient habe, kann mich nicht irremachen auf meinem Weg. Die schmutzigen Verdächtigungen und der geifernde Haß, den man meinen Freunden und mir zum Abschied nachwirft, treffen uns nicht. Solche Handlungen kennzeichnen nur die Gesinnungslosigkeit und Engstirnigkeit der SPD-Bürokratie.

Wir werden nicht mit denselben Methoden antworten, aber wir werden den Kampf gegen die SPD-Führer und den verkalkten SPD-Funktionärapparat jetzt von außen her mit der ganzen Schärfe marxistischer Kritik führen, bis die SPD im Bewußtsein auch des letzten Proletariers als das erscheint, was sie geworden ist. Die Partei, die durch ihre Politik dem Faschismus in Deutschland den Weg bereitet.

Genossen und Genossinnen der SPD und SAJ, wagt den Schritt, den Sprung über den Graben der Vorurteile und des Mißtrauens. Kommt zu uns, zu der Partei des revolutionären Sozialismus, zur Kommunistischen Partei Deutschlands!

Erwin Eckert

Der Standpunkt der KPD

In der Mannheimer Riesenkundgebung gab der Vertreter der KPD im Namen der Bezirksleitung Baden-Pfalz folgende grundsätzliche Erklärung zum Übertritt des Genossen Eckert ab:

Im Namen der Bezirksleitung der Kommunistischen Partei Deutschlands, Bezirk Baden-Pfalz, im Namen aller revolutionären Arbeiter Badens und der Pfalz begrüßen wir unseren Genossen Eckert und die vielen jetzt zu uns übergetretenen ehemaligen sozialdemokratischen Arbeiter mit einem dreifachen kräftigen „Rot Front“:

Dieser Schritt, der nach längeren und schweren inneren Kämpfen erfolgt ist, ist ein durchschlagender Beweis für die sieghafte Idee des Kommunismus, die trotz allem Terror, trotz alter Verleumdungen und Verdächtigungen in stürmischem Tempo die Hirne und Herzen der werktätigen Massen erobert. Die Tatsache, daß ganze Teile sozialdemokratischer Arbeiter sich von der Partei des systematischen Arbeiterverrats loslösen und viele von ihnen ihren Übertritt zur Kommunistischen Partei vollzogen haben, ist ein unumstößlicher Beweis dafür, daß die SPD ihren Masseneinfluß unter den werktätigen Schichten zu verlieren beginnt und daß sich unter der Führung der KPD alle ehrlichen und klassenbewußten Elemente zu einem Block der roten Einheit zusammenzuschließen beginnen.

Rote Einheit aber ist der Tod des Kapitalismus.

Durch rote Einheit zur Macht heißt unsere Parole, die wir unserer gesamten revolutionären Massenarbeit zugrunde legen.

Unsere Gegner, allen voran die SPD - jene Partei, die seit nahezu zwei Jahrzehnten die roten Fahnen des Sozialismus in den Schmutz getreten hat - versuchen aus feiger Angst vor der im Entstehen begriffenen roten Einheitsfront mit den verlogensten, unsinnigsten und blödsinnigsten Argumenten die klassenbewußte Arbeiterschaft irrezuführen. Daß ihnen das nicht gelingt, dafür ist die heutige Kundgebung ein sichtbarer Beweis. Die rote Einheit formiert sich. Die Arbeiterschaft, alle Ausgebeuteten und Unterdrückten, sammeln sich immer mehr und immer schneller unter den blutroten Fahnen Lenins, um sich unter der Führung der KPD durch den Sturz des Kapitalismus den Aufbau der sozialistischen Gesellschaft, die Freiheit und damit Arbeit, Lohn und Brot zu erkämpfen.

Im Auftrage meiner Partei möchte ich einige grundsätzliche Bemerkungen zu jenem Problem machen, das heute weit über den Rahmen Mannheims hinaus unter den Werktätigen äußerst lebhaft diskutiert wird.

Es ist die Stellung der Kommunisten zur Religion und zur Kirche.

Als Marxisten betrachten wir alle heutigen Religionen und Kirchen stets als Organe des gegenwärtigen kapitalistischen Staates, der bestehenden kapitalistischen Gesellschaft, die zum Schutze der Ausbeutung und der Betäubung der Arbeiterklasse dienen.

Wir wissen jedoch, daß die Wurzel der Religionen sozialer Natur sind. Die Furcht ist es, die die Götter erzeugt hat.

Man predigt heute den Massen die Notwendigkeit der Anerkennung der Obrigkeit, die Gewalt über sie hat. Man sagt den Massen, sie sollen ruhig diese grausame Verelendung ertragen, die der Kapitalismus zwangsläufig mit sich bringt. Wir aber wollen als Kommunisten für die Menschheit nicht erst das Paradies im Jenseits, sondern wir wollen für alle die arbeiten, auf dieser Erde ein menschenwürdiges Dasein, so wie das Lenin in folgenden Sätzen zum Ausdruck brachte:
„Die Einheitlichkeit dieses wirklichen revolutionären Kampfes der unterdrückten Klasse um die Schaffung eines Paradieses auf Erden ist uns wichtiger als die Einheitlichkeit der Meinungen der Proletarier über das Paradies im Himmel.“

Wir werden nach dem Siege der proletarischen Revolution Arbeit und Brot für alle schaffen. Wir werden jedoch dann den Grundsatz verwirklichen: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“

Für die Erreichung dieses Zieles erstreben wir die Einheit der Arbeiterklasse auf dem Boden des revolutionären Klassenkampfes.

Wir wollen die Zersplitterung der Kräfte des wirklich revolutionären, ökonomischen und politischen Kampfes um zweitrangige Meinungen nicht zulassen, die durch den Gang der ökonomischen Entwicklung selbst überholt werden.

Den Schmutzfinken in den Redaktionsstuben der sozialdemokratischen Presse, die heute mit den schmutzigsten Mitteln die Bildung der roten Einheit zu hindern versuchen, antworten wir mit den Worten Lenins, dem größten Revolutionär aller Zeiten, die von ihm bereits im Jahre 1909 geschrieben wurden: „Wenn ein Geistlicher zwecks gemeinsamer politischer Arbeit zu uns kommt, und gewissenhaft Parteiarbeit leistet, ohne gegen das Parteiprogramm aufzutreten, so können wir ihn in die Reihen der bolschewistischen Partei aufnehmen, denn der Widerspruch zwischen dem Geiste und den Grundlagen unseres Programms und der religiösen Überzeugung des Geistlichen könnte unter solchen Umständen ein nur ihn allein angehender persönlicher Widerspruch sein, eine politische Organisation kann aber nicht ihre Mitglieder daraufhin prüfen, ob nicht zwischen ihren Anschauungen und dem Programm der Partei ein Widerspruch besteht [...] Und würde zum Beispiel ein Geistlicher in die bolschewistische Partei eintreten und als seine wichtigste und fast ausschließliche Arbeit eine aktive Propaganda religiöser Anschauungen in der Partei betreiben wollen, so müßte die Partei ihn aus ihrer Mitte unbedingt ausschließen. Wir müssen alle Arbeiter, die den Glauben an Gott noch bewahrt haben, zu der Kommunistischen Partei nicht nur zulassen, sondern sie mit verdoppelter Energie heranziehen; wir sind unbedingt gegen die geringste Verletzung ihrer religiösen Überzeugung, aber wir wollen sie heranziehen, um sie im Geiste unseres Programms zu erziehen, nicht aber, damit sie aktiv gegen dieses kämpfen.“

Diese großen bedeutungsvollen Worte unseres Meisters Lenin haben nach wie vor für uns eine grundsätzliche Bedeutung.

Wenn der Genosse Eckert und die übrigen ehemaligen sozialdemokratischen Funktionäre und Arbeiter, die sich von der SPD getrennt haben, und jetzt Schulter an Schulter innerhalb der KPD auf der Grundlage unseres Programme und auf der Grundlage unserer bolschewistischen Grundprinzipien aktiv mit uns zusammen kämpfen, um den Leidensweg der deutschen Arbeiterklasse und des werktätigen Volkes abzukürzen, sind sie uns als vollberechtigte und gleichberechtigte Mitglieder in unseren Reihen auf das herzlichste willkommen.

Darüber hinaus reichen wir allen ehrlichen proletarischen Elementen - ob im Lager der SPD, des Zentrums oder der Nationalsozialisten - die Bruderhand zum gemeinsamen Kampf gegen Not und Reaktion, gegen Hunger und Faschismus. Wir rufen ihnen zu: Her zu uns, zur KPD, als der einzigen Partei der Arbeiterklasse, die unter ihren Fahnen alle revolutionären Kräfte für die Befreiung der Menschheit aus Not und Unterdrückung, aus Elend und Knechtschaft, aus Sklaverei und Barbarei sammelt zum Kampfe für den Sturz des Kapitalismus, für den Aufbau des neuen sozialistischen Welt.

Als Kommunist für die evangelische Kirche nicht tragbar

Die badische Evangelische Kirchenregierung hat in ihrer Sitzung am Freitag, den 9. Oktober in Karlsruhe unter dem Vorsitz von Kirchenpräsident Dr. Wurth sich auch mit dem Fall Eckert befaßt. Nach langer Diskussion wurde eine Entschließung angenommen, in der Pfarrer Eckert in Mannheim vorläufig vom Amt suspendiert wird. Ferner wird die Zurückziehung des bereits gewährten Rußlandsurlaubs beschlossen, da dieser Urlaub Pfarrer Eckert unter anderen Voraussetzungen gewährt worden war. Pfarrer Eckert ist nach der Gewährung des Urlaubs in die Kommunistische Partei eingetreten. Schließlich wird ein Disziplinarverfahren mit dem Ziel der definitiven Amtsenthebung von Pfarrer Eckert eingeleitet.

Da sich Pfarrer Eckert voraussichtlich nicht an die von seiner vorgesetzten Behörde verweigerte Erlaubnis halten wird, und trotz Verbots am kommenden Dienstag seine Reise nach der Sowjet-Union antritt, wird das Disziplinarverfahren wohl Erfolg haben. Es ist anzunehmen, daß Pfarrer Ecken nach seiner Amtsenthebung auch nicht mehr Mitglied der evangelischen Kirche bleibt und versuchen wird, vor allem mit seinen kommunistischen religiösen Anhängern außerhalb der christlichen Kirche eine Gemeinschaft zu bilden. Die Religiösen Sozialisten, bei denen Mitgliedschaft in der evangelischen Kirche Bedingung ist, werden in einem solchen Fall Pfarrer Eckert ausschließen müssen, falls er nicht freiwillig austritt

Aus dem Mannheimer evangelischen Kirchengemeinderat geht uns folgender Bericht zu:
Auf den Antrag des überwiegenden Teils der Kirchenältesten ist der evangelische Kirchengemeinderat gestern Abend zu einer außerordentlichen Sitzung zusammengetreten mit der Tagesordnung: „Die Lage der evangelischen Gemeinde Mannheim durch den Fall Eckert“. Mit Ausnahme der Religiösen Sozialisten waren alle nicht durch Abwesenheit von Mannheim oder durch Krankheit verhinderten Mitglieder erschienen. Trotz mehrfachen Ersuchens durch den Vorsitzenden hat sich kein Vertreter der Religiösen Sozialisten eingefunden. In der Sitzung ist einstimmig folgende Resolution gefaßt worden:
„Der Übertritt des Herrn Pfarrer Eckert zur Kommunistischen Partei und die Art, wie er ihn vollzogen hat, hat in der evangelischen Gesamtgemeinde Mannheims tiefste Beunruhigung und Erregung hervorgerufen. Es wird nirgends verstanden, daß ein evangelischer Pfarrer Mitglied und Anwalt einer politischen Partei wird, die der Kirche hemmungslos feindlich gegenübersteht und an der die Gottlosenbewegung ihren stärksten Rückhalt hat.

Der Kirchengemeinderat, der als verantwortlicher Vertreter der Gesamtgemeinde von seinen Mitgliedern aus diesem Anlaß aufgerufen worden ist, ist zu der Erkenntnis gekommen, daß ein Diener der evangelisches Kirche nicht zugleich Diener der Kommunistischen Partei sein kann.

Die tief ernste und gründliche Aussprache mußte zu dem einmütigen Ergebnis führen, daß Pfarrer Erwin Eckert im Amt als Pfarrer in Mannheim nicht mehr tragbar ist.

Die Antwort Eckerts in der Riesenkundgebung in Stuttgart

Am Samstag, den 10. Oktober sprach Eckert in einer Riesenkundgebung in Stuttgart vor 10.000 Besuchern. Seine Rede wurde zu einer wuchtigen Anklage gegen das kapitalistische System und gegen die Kirche. Er führte dort folgendes aus:
Ein innerlich lebendiger Mensch muß an den Geschehnissen des gesellschaftlichen Lebens seiner Zeit teilnehmen, wenn sein Leben nicht eine ziemlich nebensächliche Angelegenheit, ein dumpfes Dahinvegetieren in Gemütlichkeit sein soll. Doppelt notwendig ist es, sich um die Zusammenhänge des öffentlichen Lebens zu kümmern in einer Zeit, in der alle Maßstäbe des Überkommenen hinfällig geworden sind, in der alles, was bisher die Ordnung des Lebens bestimmte, innerlich faul geworden ist, in einer Zeit, in der neue Ordnungen, neue Maßstäbe, neue Energien ins Licht drängen, um einer höheren Gestaltung des Lebens zu dienen.

Wir leben in einer solchen Zeit und die letzten Monate, Wochen und Tage haben uns deutlich gezeigt, daß wir mitten in einer Umgestaltung des ganzen Lebens der Völker stehen, daß wir mitten in einem revolutionären Prozeß leben, den viele nur noch nicht sehen, weil sie außerordentlich romantische Vorstellungen von Revolutionen haben.

Und wenn das so ist, dann ist es notwendig, sich ohne jede Selbsttäuschung klarzumachen, was notwendig ist, was getan werden muß, um dieses morsch Gewordene zu beseitigen und dem Neuen den Weg zu bereiten.

Die Symptome der unzulänglich gewordenen Ordnung unserer Tage sehen wir in der Massenarbeitslosigkeit in allen kapitalistischen Ländern, eine Massenarbeitslosigkeit, die sich nicht mit der herkömmlichen, aus der Saison, oder aus den immer wieder einsetzenden Krisen der kapitalistischen Wirtschaftsordnung ergibt, sondern die in dem gewaltigen Ausmaß nur damit zu erklären ist, daß es der bestehenden Wirtschaftsordnung unmöglich geworden ist, die Aufgaben zu erfüllen, Brot und Arbeit zu schaffen für Alle. (Stürmische Zustimmung.)

Wir leben in der Endkrise des Kapitalismus und es wird diejenigen, die Interesse daran haben, die kapitalistische Wirtschaftsordnung aufrechtzuerhalten, gar nichts mehr nützen, daß sie mit rücksichtslosen Mitteln sich an der Macht zu halten suchen.

Die kapitalistische Wirtschaftsordnung ist gerichtet und muß fallen, sie mögen machen was sie wollen.

Warum ist das der Fall? Es ist so, weil alle, die krampfhaft versuchen, die kapitalistische Wirtschaftsordnung zu erhalten, die Schwierigkeiten noch größer machen, unter denen sie leidet. Diejenigen, die sich von der bestehenden kapitalistischen Wirtschaftsordnung etwas versprechen für sich, versuchen sie zu erhalten auf Kosten der breiten werktätigen Massen. Sie versuchen, durch eine Konzentration der Betriebe, durch eine Rationalisierung, durch ständige Lohnsenkungen, die Gestehungskosten zu senken, die Auslagen, die Selbstkosten des Produktionsprozesses herabzudrücken, um dadurch konkurrenzfähig zu bleiben auf dem Weltmarkt, und im eigenen Lande die Konkurrenz der anderen Länder niederzuringen. Doch dadurch werden die Krisenerscheinungen nur vergrößert.
Aber nicht nur wirtschaftliche Mittel, nicht nur eine Verschärfung der Arbeitslosigkeit durch diese Rationalisierung ist es, die die Wirtschaftsordnung immer tiefer in den Abgrund hineinstoßen. Direkte politische Maßnahmen zur Sanierung der bestehenden Wirtschaftsordnung werden benutzt, Massenbelastungen durch Steuern, die auf dem Notverordnungswege durchgesetzt werden. Auf der anderen Seite gibt es aber Unterstützung, Hilfeleistung für die Industrie, für die große Landwirtschaft. Das verschärft von der politischen Front aus die Differenzen und Schwierigkeiten. Kurz und gut, auch die bürgerliche Demokratie versucht alles, um die kapitalistische Wirtschaftsordnung zu retten vor dem Zusammenbruch.

Was wir bei der Umgestaltung des Kabinetts Brüning erlebt haben, ist ein deutliches Zeichen dafür, daß sich die kapitalistischen Machthaber anschicken, durch die Zentralisation der physischen Gewalt im Staate, durch die Verbindungen, die sie aufnehmen, indirekt und direkt zu Hitler und Hugenberg, gerüstet zu sein, wenn der wirtschaftliche Zusammenbruch die Massen auf die Straßen und zum Kampf treiben würde in diesem Winter.

Der Kapitalismus wird nie in einer absolut auswegslosen Situation sein

Der Kapitalismus wird, je schwieriger er sich wirtschaftlich durchzusetzen vermag, versuchen mit dem Mittel der physischen Macht, der Ausnutzung der Staatsgewalt, sich an der Macht zu halten und wenn dagegen nicht alle, die unter ihm leiden, zusammenhalten in einer großen, gewaltigen Einheitsfront, dann ist gar nicht daran zu denken, daß wir den Kapitalismus zu beseitigen vermögen. (Stürmischer Beifall.)

Und darum war es immer meine Absicht, solange ich in der sozialistischen Arbeiterbewegung mitkämpfe, in den letzten zehn Jahren vor allen Dingen, diese Einheitsfront der proletarischen Massen herbeizuführen.

Ich bin 20 Jahre in der SPD gewesen und habe geglaubt, daß die Einheitsfront des Proletariats dadurch herzustellen wäre, daß alle, die den Willen haben, den Kapitalismus durch den Sozialismus zu ersetzen, sich in der SPD konzentrieren sollten. Ich habe in Hunderten von Versammlungen, Sitzungen und Kundgebungen dafür geworben, daß die Massen sich der Sozialdemokratischen Partei anschließen sollten, weil ich die Überzeugung hatte, daß bei aller Zurückhaltung, bei allem Abwarten die Sozialdemokratische Partei doch eine revolutionäre, sozialistische Arbeiterpartei sei. Ich habe in dem Jahrzehnt nicht geschwiegen zu der, von uns aus gesehenen Verratspolitik der SPD in den verschiedensten Situationen.

Ich habe mit meinen Freunden zusammen immer wieder gewarnt und darauf hingewiesen, daß es nicht so weitergehen dürfe, daß die sozialdemokratischen Führer die Macht des Proletariats in die Wegschale werfen für Regierungen und ihre Maßnahmen, die nicht von uns, sondern von den Interessenvertretungen des Groß-Bürgertums bestimmt waren. (Zurufe Sehr richtig!)

Ich habe umsonst gewarnt vor den Koalitionsregierungen, die in ihrer Wirkung immer gegen die Arbeiterklasse beschlossen haben. Ich habe umsonst gewarnt vor der zuletzt getätigten Tolerierungspolitik der SPD. Wir haben gewarnt und haben gedroht, weil wir wussten, daß, wenn diese Art und Weise der politisch-taktischen Haltung der SPD nicht geändert wurde, sie das Vertrauen der werktätigen Massen verlieren müsse, ob sie will oder nicht. Es hat alles nichts genützt. Am 14. September 1930 und nach diesem Wahltag zu diesem Reichstag versuchten wir, die Parole durchzusetzen in den Organisationen der SPD: Nun aber Schluß mit aller Beteiligung oder Duldung dieses Kabinetts durch die Arbeiterklasse. Nun mögen diejenigen, die zwangsläufig aus der Situation des Kapitalismus die Verantwortung auch politisch tragen, die Regierung bilden. Damals hatte man Angst vor dem Faschismus, weil er die Errungenschaften von 1918, Arbeitslosenversicherung, Sozialversicherung, Pressefreiheit und Versammlungsfreiheit aufheben würde. Damit würde die Kampfkraft des Proletariats vernichtet. Doch was man vom Faschismus fürchtete, führte Brüning mit Unterstützung der SPD durch.

Genossen und Genossinnen! Was hinter uns liegt, ist nicht mehr zu ändern, aber was vor uns liegt, kann noch geändert werden und wenn es schon so ist, daß die SPD mit ihrer ganzen Politik, mit der Duldung des Kabinetts Brüning Schiffbruch erlitten bat, daß die nationale Einheitsfront sich bereits vorbereitet zur Machtübernahme in Deutschland und wenn es so ist, daß Herr Goebbels in Berlin im Sportpalast behauptet hat, der Bürgerkrieg steht vor den Toren dann hat das Proletariat die Pflicht, nicht mehr der ewig feilschenden, nachgebenden SPD zu folgen, sondern der einzigen klassenbewußten, revolutionären Partei des Proletariats, der Kommunistischen Partei Deutschlands. (Beifall.) Jeder politisch geschulte und verantwortliche Mensch muß dieser Erkenntnis folgen und sich entschließen, aus dieser Erkenntnis die Konsequenzen zu ziehen. Leider aber ist es in der breiten Masse auch derer, die bisher der SPD gefolgt sind, unendlich schwer, die Umkehr, die neue Einstellung zu erzwingen, weil die Gewohnheit, weil Herkommen, weil gefühlsmäßige Gründe nur zu stark den Bruch mit der Partei, der man lange Zeit gedient hat, für die man gekämpft hat, beschwert. Und es ist mir vielleicht in meinem ganzen Leben nichts schwerer gefallen, als mich von der Partei, von der SPD zu trennen, für die ich zwei Jahrzehnte gekämpft habe. Aber man darf nicht danach fragen, wo der bequemere Weg in die Zukunft weist, man muß danach fragen, was geschehen muß, um den Weg zur Befreiung des Proletariats vorzubereiten. Und darum habe ich diesen schweren Weg gewählt.

Die Opposition in der SPD.

Lange haben wir Oppositionellen in der SPD versucht, die Partei herumzureißen, sie aus einer ewig feilschenden Partei zu einer Kampfpartei des Proletariats zu machen, der all die auch nachfolgen könnten, die in der Kommunistischen Partei sich zusammengeschlossen haben. Alle Versuche waren umsonst. Und trotzdem wären meine Freunde und ich heute noch nicht in der KPD, wenn der SPD-Vorstand nicht die Führer der Opposition innerhalb der Partei ausgeschlossen hätte, um eine saubere Partei zu haben. (Stürmische Heiterkeit.) Man hat die Genossen Seydewitz und Rosenfeld ausgeschlossen aus der SPD, weil sie sonderorganisatorische Bestrebungen in Szene gesetzt hätten, weil wir es gewagt haben, unsere, die oppositionelle Meinung, in der SPD systematisch zum Ausdruck zu bringen, weil wir ein Organ geschaffen haben, eine Zeitung „Die Fackel“, die in ganz Deutschland verbreitet wurde, um unsere Ansichten zu verkünden. Weil wir die Kolporteure dieser Zeitung zusammenfaßten, darum waren wir in den Augen des Parteivorstandes schon gefährliche Leute geworden, die die Partei „an den Rand des Verderbens“ bringen, wegen ihrer gegen den Parteivorstand gerichteten Meinung über die politisch-taktische Haltung der Partei.
Die Meinungsfreiheit in der SPD ist immer so hoch gepriesen worden. Die SPD hat sich immer als die Retterin und Bewahrerin der Demokratie angepriesen. Aber den Genossen gegenüber, die aus innerster Verantwortung den Weg, den die SPD-Mehrheit ohne Hemmung gegangen ist, nicht mehr mitmachen konnten und davor warnten, die hat man aus lauter Demokratie heraus ausgeschlossen aus dieser Partei.

Am 2. Oktober hat man auch mich ausgeschlossen und zwar nicht nur wegen dieser organisatorischen Sonderbestrebungen, sondern auch wegen „groben Vertrauensbruchs“.

Da wir zur Zeit in Baden keine eigene kommunistische Presse haben (die „Arbeiter-Zeitung“ Mannheim war 4 Wochen verboten), ist es außerordentlich schwer, gegen solche unwahren, verleumderischen Behauptungen sich zur Wehr zu setzen. Man würdige: die Sozialdemokratische Partei, die früher keine Gelegenheit vergehen ließ, um mich im Kampf des politischen Lebens mit zu verwenden, die zu mir ein großes Vertrauen hatte, sie spricht nun plötzlich von grobem Vertrauensbruch, weil ich diejenigen Genossen, die durch den Ausschluß des Genossen Seydewitz aufs tiefste empört waren, zusammenfasste, um mit ihnen zu besprechen, was nun geschehen soll. Ich hatte in der Funktionärversammlung im August, in der wir uns über diese Frage ausgesprochen hatten, zum Ausdruck gebracht, daß, wenn innerhalb der Partei die Möglichkeit bestünde, die politischen und taktischen Fragen zu besprechen, wir nicht notwendig hätten, uns zu solchen Zusammenkünften zusammenzufinden. Die SPD ist auf das brutalste gegen die Genossen vorgegangen, die ihre eigene Meinung um des innersten Gewissens willen nicht aufgeben konnten, weil sie wußten, daß ihre Meinung für den Befreiungskampf des Proletariats wichtiger ist als die ewigen Besänftigungsversuche der SPD-Bürokratie. Aber das ist der Vertrauensbruch!

Man wollte meine Freunde und mich zu sittlich nicht ganz einwandfreien Menschen stempeln, um damit die Gefahr abzubremsen, daß große Kreise, große Massen ans der SPD mit uns zusammen austreten. (Stürmisches: Sehr richtig!)

Es ist begreiflich, daß nun in der SPD-Presse über diejenigen, die den Schritt zur KPD getan haben, auf das maßloseste geschimpft wird. Wir schimpfen nicht dagegen. Aber wir werden die SPD-Führung, die auch weiterhin den Herrn Brüning und sein Kabinett tolerieren will, wir werden um der Zukunft des proletarischen Klassenkampfes willen, die SPD-Führung sachlich bekämpfen und nicht aufhören mit Agitation und Arbeit in der KPD, in der Öffentlichkeit, bis der letzte SPD-Arbeiter erkannt hat, es gibt keinen anderen Weg, als den, in der KPD revolutionäre Arbeit zu leisten. (Stürmischer Beifall!)

Genossen! Nachdem wir aus der Partei ausgeschlossen worden waren, wurde die Frage diskutiert, ob wir nicht eine neue Partei gründen sollten. Das war eine große Versuchung auch für mich, diese neue Partei ins Leben zu rufen, eine Versuchung deswegen, weil eine neugegründete Partei zunächst gar nicht so ohne jede Aussicht gewesen wäre. Es hätten sich bestimmt eine große Masse von sozialdemokratischen Arbeitern zu dieser neuen Partei geschlagen und es hätten diejenigen, die ein Jahrzehnt lang die Opposition geführt haben, bestimmt auch die Führung dieser Partei in die Hände bekommen. Es wäre für mich persönlich viel leichter gewesen, dieser Partei beizutreten und in ihr maßgebenden Einfluß auszuüben, und trotzdem habe ich mir bei nüchterner und ruhiger Überlegung sagen müssen, daß diese Parteigründung nicht der Einheit des Proletariats dienen wird, sondern eine neue Zersplitterungsgefahr für das Proletariat ist. (Zurufe: „Sehr richtig!“)
Man kann einmal nicht ein Programm aufstellen, das einerseits evolutionär, sozialdemokratisch ist und andererseits revolutionär sein will, ohne es zu sein. Man kann nicht zu gleicher Zeit II. Internationale und III. Internationale sein. Man kann nicht mit einer Summe von allen möglichen kleinen Splittergruppen, die aus den organisatorischen Kämpfen der sozialistischen Parteien in der Vergangenheit übriggeblieben sind, mit der KPO, mit den alten Leuten von der USP, mit verärgerten Friedensgesellschaftern, mit neugewonnenen Sozialisten, die jetzt plötzlich ihr sozialistisches Herz entdeckt haben, mit Leuten, die einmal im „Leninbund“ waren und sonstigen Einzelläufern eine Kampfpartei gründen, vor allen Dingen dann nicht, wenn man von vornherein erklärt, daß in dieser neuen Partei alle diese Gruppen in der zentralen Leitung vertreten sein sollen.

So etwas kann ein verantwortlicher Politiker nicht mitmachen. So etwas kann auch ein Arbeiter, ein politisch denkender Mensch nicht mitmachen. Und wenn dann die Gründer dieser Partei von vornherein sagen, diese Partei soll nur vorübergehend bestehen, sie soll nur ein Sammelbecken sein für die, die in der SPD nichts mehr suchen wollen, die aber zur KPD nicht können, dann muß ich schon sagen, daß in einer solchen großen Zeit der Entscheidungen, solche Einwendungen nichts mehr zu tun haben, daß es jetzt Entweder Oder heißt. Darum habe ich mich, so schwer es mir menschlich gefallen ist, von diesen Genossen getrennt. Nachdem ich eingesehen hatte, daß mein Versuch in Berlin, den Genossen Seydewitz herüberzunehmen zur KPD, aussichtslos war, mußte ich weitergehen zu der Stelle, von wo aus die Zukunft des Proletariats allein gestaltet werden kann, weitergehen zur Kommunistischen Partei, die mich aufgenommen hat als einen, der mit ihr zusammen revolutionär, marxistisch kämpfen will bis zum Sieg des Proletariats. (Minutenlanger Beifall)

Ich habe damit schon zum Ausdruck gebracht, warum ich in die KPD gegangen bin. Nicht um dort als Pfarrer zu wirken, sondern um dort einer von den vielen Tausenden und Millionen zu sein, die es nicht mehr tragen können, daß Ungerechtigkeit und Gemeinheit das Leben der Menschen zerstört. Ich bin zur KPD gegangen, weil ich glaube und überzeugt bin, aus marxistischer Erkenntnis und heißem Glauben an die Kraft des Guten, daß nur in der kommunistischen Bewegung der ganzen Welt die Kräfte sich zusammenfinden, die einmal imstande sein werden, diese ganze heutige Unmöglichkeit hinwegzufegen, die imstande sein werden, eine gerechte 0rdnung aufzurichten, eine Ordnung, in der jene, die nicht arbeiten, nicht essen werden, eine Ordnung in der das Kriegsgeschrei verstummen, in der Friede und Gemeinschaft unter den Menschen sein wird. (Lebhafter, lang anhaltender Beifall.)

Darum bin ich in der KPD. Ich habe die KPD auch bekämpft, scharf, sachlich. Ich kenne die Einwände wohl, die Gewerkschaftsfrage, die „Abhängigkeit von Moskau“, politische „Putschtaktik“, militärische Organisation, zentralistischer, „diktatorischer Apparat“, „brutale Sprache in der Presse usw.“ Ich kenne diese Einwände wohl. Ich kenne vor allem den Einwand, der mich immer innerlich gequält hat und der auch quält Hunderttausende von Christen, d. h. jene Menschen, die in Christus eine Verdeutlichung der letzten und stärksten Kraft menschlichen Lebens sehen, den Einwand von der weltanschaulichen Unduldsamkeit der Kommunistischen Partei. Als ich aber auf dem Zentralkomitee der Kommunistischen Partei in Berlin war und als ich dort meinen Eintritt erklärte, sagte man mir: Jawohl, wir verlangen nicht, daß Du Deine Weltanschauung und Dein Pfarramt aufgibst!

Da habe ich gestaunt über die Selbstverständlichkeit, mit der die Genossen mich als einen, der eine bestimmte Art des Nachdenkens über die Angelegenheit des Lebens mit sich bringt, aufgenommen haben als einen der ihren, wie sie sich gefreut haben darüber, daß ich zu ihnen gekommen bin.
Ich weiß sehr wohl, daß nun behauptet wird, ja, die KPD hat den Eckert nur deswegen freudig aufgenommen, weil er durch agitatorische Kraft und durch Reden, durch die Sensation, die es gibt, wenn ein Pfarrer zur KPD kommt, viel für die Partei tun kann, daß man durch die Sensation, die er auslöst, viel für die Partei erreichen kann. Das weiß ich sehr wohl. Jawohl, wir nützen das aus, daß das Spießbürgertum darin eine Sensation sieht, daß ein Pfarrer Kommunist wird. (Bravo! Langanhaltender Beifall.) Wir nützen das allerdings aus, damit wir an diejenigen herankommen, die bisher, von Vorurteil und Engstirnigkeit geplagt, gemeint haben, daß die Kommunisten gleich nach den Verbrechern kommen.

Wir nützen es aus, um an sie heranzukommen, um ihnen klarzumachen, daß der Kampf der Kommunisten nichts Verbrecherisches an sich hat, sondern ein Kampf ist um gewaltig hohe Ziele, für die es sich einzusetzen lohnt mit der ganzen Kraft seines Lebens. Und wenn wir das tun, tun wir nichts Schlechtes, auch wenn wir diese „Sensation“ ausnützen.

Noch eins: Sie werden fragen, wie kann man denn als Pfarrer zu einer Partei gehen, die die Kirche bekämpft, die die Gottlosenbewegung aufzieht, zu einer Partei, die von Gott und Christus nichts hält, die systematisch jede Religion bekämpft, weil sie in Ihnen eine Einflußsphäre der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft zur Verdummung der Massen sieht? Wie kann man als Pfarrer zu einer solchen Partei gehen? Ich will Ihnen einmal etwas sagen über Religion.
Glauben Sie denn, daß Religion überall da ist, wo man davon redet? Glauben Sie denn, daß wirklich überall da, wo im Namen Gottes etwas verlangt wird, Gott etwas verlangt? Ich bin überzeugt, daß der Glaube an eine Gottheit nie schlimmer mißbraucht worden ist zu menschlichen Zwecken als in unserer Zeit, in der der Faschismus behauptet, daß er im Namen Gottes die Welt vom Bolschewismus befreien müsse. (Lebhafter Beifall.)

Ich glaube, daß da, wo kommunistisch gekämpft wird, mehr von der Aufgabe begriffen ist, die der Menschheit für die Zukunft gestellt ist, als da, wo man mit aller Macht das Vergangene halten will, auch dann, wenn Hunderttausende und Millionen dabei um des Profites willen zugrunde gehen und elend ihr Leben verlieren müssen. Darum kann mich das nicht irre machen. Gottlosenbewegung? Wer ist denn Schuld an der Gottlosenbewegung? Wer ist denn schuld, daß das Proletariat nichts mehr von der Kirche hält? Das Proletariat ist nicht schuld. Schuld sind diejenigen, die aus einer unheilvollen Verflochtenheit der kirchlichen Organisationen nichts anderes zu tun gewußt haben, als die ganze Ideologie der bürgerlichen und kapitalistischen Gesellschaft in Schutz zu nehmen gegen das vordrängende Proletariat.

Und darum soll sich die Kirche nicht wundern, wenn die Masse nichts mehr von ihr hält.
Jetzt, wo eine große Anti-Gottlosenbewegung durch die deutschen Lande organisiert wird, jetzt ist es natürlich außerordentlich unangenehm, wenn da ein Pfarrer plötzlich ausgerechnet zur KPD geht, die man natürlich mit dieser Anti-Gottlosenbewegung treffen will. Es kommt ihnen gar nicht so sehr auf die Gottlosen an, es kommt ihnen darauf an, daß man die kommunistischen Kampforganisationen zerschlagen kann, weil sie der Schutz und die Führung des Proletariats sind, wenn es sich wehrt gegen seine Unterdrückung.

Nun hat die Kirche mich meines Amtes enthoben.

In derselben Zeit, als ich in Karlsruhe in einer überfüllten, polizeilich geschlossenen Massenversammlung sprach, hat der gemeinsame Kirchengemeinderat beschlossen, daß ich als evangelischer Pfarrer von dem Augenblick an nicht mehr tragbar sei, wo ich in die Kommunistische Partei eingetreten bin. Der Kirchengemeinderat hat nämlich Angst gehabt, daß ich morgen Sonntag früh auch als Kommunist auf der Kanzel gestanden wäre.
Das wird alles nichts nützen. Wenn man mich jetzt meines Amtes enthoben hat, wenn man mich nicht mehr auf die Kanzel läßt, wenn man mir das Recht abspricht, Pfarrer zu sein als Kommunist, dann schließt man mich damit auch aus dieser Kirche aus. Nicht ich gehe aus der Kirche heraus, man schließt mich aus, der ich im Innersten meiner Seele getroffen bin von den Wirklichkeiten des Lebens. Ich habe früher und jetzt so viel von Gott gesprochen, daß ich aus innerster Verbundenheit gekämpft habe um eine neue Menschheit, gekämpft habe, damit die Menschen aufwachen aus ihrer Gleichgültigkeit. Man schließt mich aus, der sich bemüht hat, die jungen Menschen zu erziehen, damit sie Kämpfer werden für den Geist der Gerechtigkeit und des Friedens und der Liebe. Man schließt mich aus und damit auch alle diejenigen, die mit mir geglaubt haben, daß man innerhalb der Kirche Gott dienen kann. Und damit hat die Kirche etwas getan, von dem sie noch gar nicht weiß, wie sich das auswirken wird. (Lebhafte Zustimmung.) Die Kommunistische Partei Deutschlands, die Gottlosen, haben mich als Pfarrer, so wie ich bin, genommen und getragen und haben mich zu verstehen gesucht, aber die Kirche, die kann mich nicht als Kommunisten tragen, weil sie christlich ist und duldungsvoll!

Die Kommunistische Partei hat in dieser historischen Stunde nicht versagt, aber die evangelische Kirche hat ein kleines Führertum an der Spitze gehabt. Und darum wird es in der Zukunft einmal heißen: Schuld daran, daß das Proletariat endgültig irre geworden ist, daß in der überlieferten Religion, ihren Formen und in dieser Kirche auch nur irgendetwas in die Zukunft hineingerettet werden kann, schuld daran sind die, die die Kirche in dieser Zeit führten, ohne daß sie dazu innerlich stark und groß genug gewesen wären. (Beifall.)

Eckerts Weg, der Weg zur Einheit!

Verehrte Zuhörer! Ich werde keine neue Kirche gründen, o nein, ich werde ganz einfach den Kampf eines Kommunisten führen um die Befreiung der Brüder und Schwestern, die leiden. Wenn man mich ausschließt, weil ich als Pfarrer durch die Zugehörigkeit zur Kommunistischen Partei so ungefähr gottlos geworden sei, wenn man mich ausschließt, und es als Gottlosigkeit empfindet, daß ich als Kommunist auf der Kanzel stehe, dann ist für mich das Wort Gott so mißbraucht, daß ich es gar nicht mehr in den Mund nehmen möchte.

Ich werde, ganz ohne von diesen Dingen zu sprechen, in der Kommunistischen Partei meine Arbeit tun und kämpfen, und ich bin überzeugt, daß ich damit vielleicht mehr Gottesdienst - um das zu sagen - tue, als wenn ich vielleicht weiter nur von Gott hätte reden können.

Wissen Sie, es ist ein schwerer Weg, der nun vor mir ist und doch ist er leicht, denn jetzt ist er eindeutig und klar. Durch all die Schwierigkeiten habe ich mich hindurchgerungen, die mich mit der SPD verbanden. Ich habe mich durch die Schwierigkeiten hindurchgerungen, die weltanschauliche Hemmungen von außen her waren.

Nun stehe ich da, wo wirklich der Kampf geführt wird, zur Umgestaltung des gegenwärtigen Lebens. Nun stehe ich da, wo wirklich versucht wird, den Mühseligen und Beladenen zu helfen, wo eine Ordnung erkämpft werden soll, die den Hungernden Brot gibt, die den Kranken beisteht, wo eine Ordnung erkämpft werden wird, die besser ist als die, in der wir heute leben.

Viele werden meinen Schritt jetzt noch nicht verstehen. Das ist bitter, aber ich kann es nicht ändern. Es kommt die Zeit, in der auch sie begreifen, daß es gar keinen anderen Weg gibt, als den, den ich ihnen vorangegangen bin. Und wenn ich das so sage, denke ich an alle diejenigen, die mit mir ein Jahrzehnt und noch länger gekämpft haben in der SPD, in der freien Gewerkschaft, und ich möchte nichts lieber als das, daß sie möglichst heute schon zu uns kommen, mit uns kämpfen.

Denn es ist nicht sicher, wie viel Zeit wir noch haben.

Es ist nicht sicher, daß die Katastrophe nicht schneller kommt, als wir alle denken. Es ist nicht sicher, daß dieser Winter auch wieder so durchlaviert wird, es ist nicht sicher, daß das Kabinett Brüning nicht über Nacht nicht mehr ist, und daß der Versuch einer faschistischen Diktatur gemacht wird, ein Versuch, der einer der Anfänge wäre, zu einer Situation, in der es dann um das Ganze geht.

Mancher ist in unserer Zeit, der vor den großen Entscheidungen der Zukunft zurückbebt, der Angst hat, der unklar ist, über das, was wir wollen, der nicht offen in die Zukunft zu schauen wagt. Wir wollen nicht zu denen gehören. Wir wollen vielmehr erreichen, daß unter der Führung der KPD eine so breite Einheitsfront aller unter der gegenwärtigen Not Leidenden geschaffen wird, daß dem Faschismus die Lust vergeht, etwa wie in Italien in Deutschland seine Diktatur aufzurichten. (Großer Beifall) Aber was muß da alles noch geschehen! Unendliche Arbeit ist zu leisten, eine gewaltige Aufklärungsarbeit, eine opferbereite Hingabe ist nötig an unsere Idee und wer von Ihnen mitwirken will, den jetzt sein Herz und seine innerste Erkenntnis zu uns drängt, er soll die Hemmungen überwinden, die er als Vorurteils in sich trägt, er soll zu uns kommen, mit uns kämpfen und er wird merken, daß die Kommunistische Partei Deutschlands kein Sammelsurium von Menschen ist, mit denen man nichts gemein haben kann.

Es ist eigentlich das schmerzvollste überhaupt, daß ein revolutionär gesinnter Mensch unserer Zeit erleben kann, daß die Arbeiterklasse gespalten und auseinandergerissen ist.

Wenn aber der Weg der SPD, die dem Faschismus den Weg bereitet bat, wenn dieser Weg nicht zur Einigung des Proletariats führt und wenn die neue Zwischenpartei höchstens neue Zersplitterung schafft, dann kann es doch eigentlich nur noch den anderen Weg geben, nämlich den, der Kommunistischen Partei zu vertrauen und zusammen mit ihr die Zukunftsaufgaben in Angriff zu nehmen. (Stürmischer, langanhaltender Beifall)
Es kann kommen, wie es will, für mich sind die Entscheidungen gefallen Viele denken: jetzt bat der Mann sein Amt verloren, ach, der arme Mann. Viele denken: jetzt ist er nicht mehr Pfarrer, da wird ihn niemand mehr ansehen, er ist ja degradiert, er ist herabgewürdigt in der öffentlichen Meinung. Verehrte Zuhörer! Das ist einem Menschen, der seinem innersten Gewissenszwang folgend, seinen Weg gehen muß, vollkommen gleichgültig. Hauptsache ist, daß er seiner Überzeugung treu bleibt bis in den Tod. (Langanhaltender Beifall.)

Sie müssen nicht denken, daß der Weg, den ich gegangen bin, einfach war und einfach sein wird. Aber ich freue mich auf diesen Weg, freue mich, weil ich die Überzeugung habe, daß mein Leben nicht besser eingesetzt werden kann, als bei den Kommunisten, als da, wo es sich darum handelt, den Massen zu helfen, die leiden, die Kinder zu sättigen, die hungern, die Frauen zu unterstützen, die krank sind, als da, wo es sich darum handelt, die Leidenden zum Licht, die Unterdrückten durch Kampf zum Sieg zu führen. Mein Leben kann keinen besseren Inhalt haben als den, entschlossen mitten im Proletariat zu kämpfen um Freiheit und Sozialismus, um ein menschenwürdigeres Dasein, um Frieden und Gemeinschaft auf dieser Erde. (Minutenlanger Beifall. Die Massen erheben sich und singen spontan die Internationale.)

Statt eines Nachwortes

Der Übertritt des Stadtpfarrers Eckert zur KPD, sein offenes und mutiges Bekenntnis zur sieghaften Idee des Kommunismus ist mehr als eine Einzelerscheinung. Es ist ein Symptom für die sich immer mehr vertiefende Krise innerhalb der SPD. Aber nicht nur das. Eckerts Übertritt zur revolutionären, zur einzigen Partei der Arbeiterklasse, ist ein flammendes Signal für die sich immer rascher formierende rote Einheit im Kampfe gegen Not und Reaktion, gegen Hunger und Faschismus.

Eckert ging nicht zur Sumpfpartei der Seydewitze und Rosenfelde. Keine weitere Zersplitterung der Kräfte der Arbeiterschaft darf geduldet werden. Einheit auf dem Boden des zielklaren Programms der KPD ist das Gebot der Stunde. Wer das Tempo der sich rasch formierenden roten Einheit in Deutschland abschwächt und hemmt, begeht ein Verbrechen am proletarischen Befreiungskampf.

Eckert hat allen religiösen Arbeitern den Weg und die Aufgaben der heutigen Situation aufgezeigt. Nicht die religiöse Überzeugung des Einzelnen, nicht die Herumbalgereien über diese Frage ist das, was heute not tut, sondern der Lebenskampf um das Sein oder Nichtsein der großen Masse des Volkes. Der Kampf gegen die Existenzvernichtung durch ins Maßlose gesteigerte Ausbeutung, durch die keine Grenzen kennende Arbeitslosigkeit, durch den brutalen Terror des Faschismus verlangt gebieterisch die Einheit aller Arbeiter, ob christlich, sozialdemokratisch oder kommunistisch, zur Schaffung eines unbesiegbaren Blockes gegen die Volksfeinde.

Mit jedem Tag wird der Kapitalismus morscher, fauler, menschenunwürdiger. Mit immer größerer Wucht prallen die Klassengegensätze in der kapitalistischen Welt aufeinander. Die Erkenntnis in den werktätigen Massen bricht sich immer mehr Bahn: der Kapitalismus muß sterben, damit das Volk leben kann.
Von allein aber wird das kapitalistische System der neuen höheren sozialistischen Wirtschaftsweise nicht Platz machen. Eckert und mit ihm Tausende und Zehntausende sozialdemokratischer Arbeiter hatten bisher geglaubt, unter der Führung der SPD könne das, was fallen muß, hinweggefegt werden. Seit Jahren sahen sie jedoch, wie ihre Partei und ihre Führer immer mehr zu Ärzten und Heilgehilfen des todkranken Kapitalismus wurden.

Noch auf dem Leipziger Parteitag der SPD prägte Tarnow, einer der Führer der reformistischen Gewerkschaften den Satz, daß die Arbeiterklasse die Aufgabe hätte, Arzt des Kapitalismus zu sein. Die Arbeiterklasse aber hat die historische Aufgabe, nicht Arzt, sondern Totengräber des kapitalistischen Systems zu sein, das geschichtlich dem Untergang geweiht ist.

Es ist Eckerts großes Verdienst, daß er den geraden, für ihn schwierigen und opferreichen Weg gewählt und diesen Weg vielen Zehntausenden und Hunderttausenden heute noch Schwankenden gezeigt hat. Sein offener und mutiger Schritt wird und muß dazu beitragen, viel bisher Trennendes zwischen sozialdemokratischen, christlichen und kommunistischen Arbeitern aus dem Wege zu räumen. Sein Beispiel wird und muß anfeuernd wirken, daß sich unter den blutroten Fahnen des sieghaften Sozialismus alle ehrlichen, klassenbewußten Elemente in einer einheitlichen Kampffront zusammenfinden, zum gemeinsamen Kampf gegen den gemeinsamen Feind.

Die Krise innerhalb der SPD ist da. Sie kann auch nicht mehr durch noch so viele Aufrufs des sozialdemokratischen Hauptvorstandes aus der Welt geschafft werden. Die Kluft, zwischen sozialdemokratischen Arbeitern und sozialdemokratischen Führern, die sich jetzt offen aufgetan hat, muß sich zwangsläufig immer mehr vertiefen und verschärfen. Jene sozialdemokratischen Arbeiter, deren Klassenbewußtsein durch das jahrelange Gift des Revisionismus und Opportunismus vorübergehend getrübt ist, werden in Bälde erkennen, daß die Befreiung der deutschen Arbeiterklasse aus den Fesseln des Kapitalismus nur möglich ist auf dem Weg der Liquidierung des Einflusses der SPD unter den werktätigen Massen.

Das heutige kapitalistische System kann sich nur noch aufrechterhalten, indem es das gesamte werktätige Volk in die grausamste Barbarei hinabstößt. Die dem Kapitalismus gesetzmäßig innewohnenden Widersprüche haben jenen Grad erreicht, wo die kapitalistischen Eigentums- und Produktionsverhältnisse zur Fessel für die weitere Entfaltung der Produktivkräfte geworden sind. Sollen sich die Produktivkräfte wieder frei entwickeln können, müssen diese Fesseln gesprengt werden. Die Kapitalisten sind heute nicht mehr in der Lage, ihren Lohnsklaven Arbeit, Lohn und Brot zu geben. Über 5 Millionen Arbeiter in Deutschland liegen zur Zeit erwerbslos auf der Straße. Für sie gibt es keine Möglichkeit mehr, jemals wieder unter dem heutigen System in die Produktion eingereiht zu werden. Will die deutsche Arbeiterschaft Arbeit, Lohn und Brot, dann muß sie eine grundlegende Änderung des bestehenden Gesellschaftssystems herbeiführen.
Die Angriffe des Unternehmertums auf die Lebenslage der deutschen Arbeiterklasse werden immer brutaler, umfassender und unerhörter. Die ungeheure Massennot und das Massenelend ergreift alle Schichten der werktätigen Bevölkerung.

Immer drohender erhebt sich das Gespenst der nahe bevorstehenden Katastrophe vor den werktätigen Massen Deutschlands.
Wie kommen wir heraus aus dem Dreck und dem Elend der kapitalistischen Lohnsklaverei? Wie kann der ungeheuren Massenverelendung ein Ende bereitet werden?

Diese bange Frage wird heute täglich und stündlich von Millionen Werktätiger Deutschlands gestellt.
Eckert gibt darauf die Antwort:
„Solange das Proletariat in sich uneinig, in sich zerrissen ist, hat es nicht die Kraft, den Kapitalismus zu stürzen und eine neue Welt, ihre Welt des Sozialismus aufzubauen.“ Hie Kapitalismus - hie Sozialismus ist heute das Problem, das zur entscheidenden Achse der gesamten Weltlage geworden ist.
„Das Gespenst des Kommunismus geht um in Europa“ und in der gesamten kapitalistischen Welt. Aber es ist nicht nur ein Gespenst mehr, es hat bereits greifbare Formen und Gestalt, Fleisch und Blut angenommen.

Während unter den vernichtenden Schlägen der Weltwirtschaftskrise die kapitalistische Wirtschaft bis in ihre Grundfesten erschüttert wird, während die gegenwärtige Weltwirtschaftskrise alle kapitalistischen Länder ohne Ausnahme erfaßt hat, während in einigen entscheidenden kapitalistischen Ländern sich die Wirtschaft nahe am Abgrunde des Zusammenbruchs befindet, bauen auf einem Sechstel der Erdoberfläche die Arbeiter und Bauern des befreiten Rußlands in immer stürmischerem Tempo den Sozialismus auf. Die Sowjet-Union ist das einzige Land, das keine Krise kennt. Dort unter der proletarischen Diktatur vollzieht sich der gigantischste Aufbau, den je die Weltgeschichte erlebte.

Auf Einladung der Sowjet-Union sind 40 sozialdemokratische Arbeiter aus Deutschland in das Land der Arbeiter und Bauern gereist, um sich mit eigenen Augen von der tatsächlichen Lage in der Sowjet-Union zu überzeugen, um sich mit eigenen Augen ein Bild zu machen, wie die wirklichen Verhältnisse in der Sowjet-Union gelagert sind.

Auch der jetzt zur KPD übergetretene Pfarrer Eckert befindet sich bei der Delegation. Er und mit ihm alle sozialdemokratischen Arbeiter werden dort erschauern vor der abgrundtiefen Gemeinheit und Niedertracht, mit der die bürgerlich-faschistisch-sozialdemokratischen Zeitungen, Parteien und Literaten, die Kirche und ihre Diener über die Sowjets gelogen haben.

In diesen Tagen der 13. Wiederkehr der Geburtsstunde der demokratisch-kapitalistischen Republik in Deutschland und der 14. Wiederkehr des grandiosen Sieges der proletarischen Revolution in Russland erlangt die Entsendung der Delegation sozialdemokratisch-oppositioneller Arbeiter höchste Bedeutung.
14 Jahre Herrschaft der Arbeiter und Bauern in Sowjet-Rußland und 13 Jahre kapitalistische Diktatur in der „demokratischen“ deutschen Republik, wird und muß viele Werktätigen zum Nachdenken anregen, gleichgültig in welchem Lager sie heute noch stehen.
Wenn heute in Deutschland nach 13ährigem Bestehen der demokratischen Republik drohender denn je der Faschismus sein Haupt erhebt, die Katastrophe immer näher heranrückt, das Volk immer grausamer verelendet, dann muß in diesen Tagen an den Ausspruch prominenter Führer der Soziademokratie erinnert werden, die erklärten, dass „In den Novembertagen 1918 die Sozialdemokratie die einzige Kraft war, die den Bolschewismus von den Grenzen Deutschlands fernhalten konnte.“

Jawohl, die Sozialdemokratische Partei stand in diesen denkwürdigen Tagen und auch in den folgenden Jahren immer, überall und in jeder Situation auf der Seite der Kapitalisten gegen das Volk. Und heute, in der Zeit der schwersten Krise, die der Kapitalismus je durchlebte steht die Sozialdemokratie und stehen die sozialdemokratischen Führer als Ärzte am Krankenlager des todkranken kapitalistischen Systems bereit, durch das Hinabstoßen der werktätigen Massen in die grausamste Barbarei, dem Kapitalismus noch einmal eine vorübergehende Atempause zu verschaffen.

Immer mehr erkennen auch die sozialdemokratischen Arbeitermassen, daß die Regierung Brüning niemals ihre volksfeindlichen Pläne zur Durchführung hätte bringen können, wenn sie sich nicht in erster Linie auf die aktive Unterstützung der Sozialdemokratie und des ADGB hätte stützen können.
Jahrelange Tolerierungspolitik, die Politik des sogenannten „kleineren Übels“ war niemals ein Kampf gegen den Faschismus, im Gegenteil, diese Politik ebnete dem Faschismus in Deutschland die Wege, um Schritt für Schritt seine blutige Herrschaft in Deutschland zu ermöglichen.

Die zweite Regierung Brüning hat sich dem Reichstag vorgestellt. Ihre Zusammensetzung, ihr Programm und die Erklärung des Reichskanzlers im Reichstag zeigt mit aller Deutlichkeit, daß diese Regierung eine weitere Verschärfung in der Durchführung der faschistischen Diktatur bedeutet. Wie nicht anders zu erwarten, ist die Sozialdemokratie bereit, die zweite Regierung Brüning auch weiterhin zu tolerieren. Sie befindet sich hier in schroffstem Widerspruch zu ihrer proletarischen Mitgliedschaft, die immer stürmischer die Aufgabe der Tolerierungspolitik fordert. Die sozialdemokratischen Führer stellen Brüning als den Mann hin, der angeblich den Kampf nach rechts führt, um so die proletarische Mitgliedschaft über die volksfeindliche Politik hinwegtäuschen zu können. Es klingt für die sozialdemokratischen Arbeiter wie ein Hohn, wenn der „Vorwärts“ - das Zentralorgan der SPD am 4. Oktober unter der Überschrift „Brüning haut nach rechts“ folgende Sätze bringt: „Brüning ist keine Kampfnatur, kein Rednertemperament, mit seinem Herzen mehr rechts als links. Trotzdem hat er eine leidenschaftliche Kampfrede gegen rechts gehalten. Weiter denn je klafft der Riß zwischen dem Zentrum und der Rechten.“

Wie lange noch wird die SPD imstande sein, das Stillhaltekonsortium für die Brüning-Regierung abzugeben? Die richtige Antwort auf diese Frage liegt in den Händen der sozialdemokratischen Arbeiterschaft. Von ihrer Entscheidung hängt es ab, wann diesem schändlichen, grausamen Spiel sozialdemokratischer Führer mit den Klasseninteressen des Proletariats ein Ende bereitet wird.

Die Fronten stehen klar: Kapitalismus oder Sozialismus.

Diese Frontstellung bedingt zwangsläufig eine klare Entscheidung.
Eckert, Torhorst, Oettinghaus und Tausende ehemalige sozialdemokratische Arbeiter haben ihre Entscheidung in positivem Sinne gefällt, indem sie ihren Übertritt zur kommunistischen Partei vollzogen. Wir zweifeln nicht daran, daß in kürzester Zeit Hunderttausende sozialdemokratische Arbeiter dem Beispiel ihrer ehemaligen Parteifreunde folgen werden. Die kommenden Wintermonate werden in Deutschland entscheidende Kämpfe, Kämpfe von historischer Bedeutung bringen. Jeder, der dem Elend der leidenden Menschheit nicht mehr länger tatenlos zusehen kann, jeder, der bereit ist, den ökonomischen und politischen Kampf auf der Grundlage des revolutionären Marxismus aktiv zu unterstützen, hat die Möglichkeit, durch seine Einreihung in die Front des revolutionären, kämpfenden Proletariats den ungeheuren Leidensweg des deutschen Volkes abzukürzen.

Mehr denn je hat der Satz Karl Marx in der heutigen Situation der drohenden Katastrophe größte Bedeutung:

„Die Befreiung der Arbeiterklasse kann nur das Werk der Arbeiterklasse selbst sein.“


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Griff in die Geschichte. Vor 75 Jahren: Die Septemberwahlen 1930.

Eine Analyse von Erwin Eckert.

Vorbemerkung:
In einigen der zahlreichen Buchbesprechungen zu den Wochenberichten von Erwin Eckert und Emil Fuchs „Blick in den Abgrund. Das Ende der Weimarer Republik im Spiegel zeitgenössischer Berichte und Interpretationen, Bonn 2002“ (siehe jW vom 20.12.2002) waren Rezensenten überrascht und verwirrt über das Maß an Klassenkampfdenken unter bekennenden Christen. Bereits in den Nachbemerkungen zu den Wochenberichten zeigte sich Reinhard Kühnl erstaunt über die „Schärfe des Blicks“ christlicher Sozialisten. (S. 542) Er wie andere halten es wohl immer noch für undenkbar, dass Christen – Theologen zumal – etwas vom Marxismus begriffen haben könnten, ja selbst – ohne Preisgabe ihres christlichen Glaubens – marxistische Analysen liefern können. Nicht so Wolfgang Abendroth. In seiner SPD-Geschichte „Aufstieg und Krise“ billigte er den „religiösen“ Sozialisten mehr Marxismus-Rezeption (Marxismus als Methode nicht als abgeschlossenes Weltanschauungssystem) zu als denen, die den Marxismus in der Weimarer Republik an Feiertagen wie eine Monstranz bzw. leere Worthülse vor sich her trugen oder ihn in linksopportunistischer Weise missverstanden bzw. ihren tagespolitischen Rechtfertigungsideologien anpassten. Ausgeschlossen scheint es für manche Linke heute immer noch zu sein, dass Wortführer der religiösen Sozialisten auf dem linken Flügel der Arbeiterbewegung standen und beachtliche Beiträge zur Analyse des heraufziehenden Faschismus geliefert haben. Eric Hobsbawm sprach dagegen im Zusammenhang mit der Erstveröffentlichung der Wochenberichte in Buchform von einer „significant contribution to the history of Germany in the years of transition to Hitler“ und erinnerte daran, daß der „Blick in den Abgrund” nicht nur ein wichtiges Zeitzeugnis aus der Aufstiegsperiode des Faschismus darstellt, („important contemporary testimony of the time when Hitler rose to power“), sondern auch daran, dass es sich bei diesen beiden Pfarrern um etwas handelt, „which is too often forgotten – the radical leftwing element in German Protestantism in the Weimar Republic“.

Als Beleg mag der folgende Aufsatz dienen, den Erwin Eckert nach dem katastrophalen Wahlergebnis bei den Septemberwahlen 1930 im Organ der SPD-Linken, im „Klassenkampf“ schrieb. Reinhard Opitz hielt diesen Aufsatz für „ein eindrucksvolles Zeugnis“ der damaligen Auseinandersetzung um die Deutung des Faschismus „und vor allem für die relativ frühzeitige Klarsicht wie für das persönlich unerschrockene, geradlinige politische Engagement Erwin Eckerts“. Sein Erklärungsversuch ziele in die richtige Richtung und fasse „mit sicherem Instinkt“ den Faschismus „als eine Ausgeburt und - worauf es im Gegensatz zu Thalheimer ankommt - ein alleiniges Instrument des Kapitalismus“ auf. In den Grenzen des damaligen Diskussionsstandes erweise er sich als der „klarsten Position zuneigend und im übrigen als ein Mann von höchst sympathischer Konsequenz der Gesinnung“. Eckert sehe, „daß das Monopolkapital den Faschismus in Deutschland nicht nur objektiv benötigte, sondern auch zunehmend selbst aktiv anstrebte“. Er gewinne daraus die aktuelle politische Einsicht, „daß es unmöglich ist, der Entwicklung zum Faschismus durch ein Paktieren mit den Parteien des Monopolkapitals entgegenzuwirken“. Er gelange „zu im wesentlichen richtigen Schlußfolgerungen für die in der damaligen Situation notwendige Politik“ ( in: Friedrich-Martin Balzer, Klassengegensätze in der Kirche, Erwin Eckert und der Bund der Religiösen Sozialisten, 3. Auflage, Bonn 1993, S. 214f.). Kurt Gossweiler seinerseits wertete Eckerts „Klassenkampf“-Aufsatz als „eine warnende Stellungnahme eines linken Sozialdemokraten und religiösen Sozialisten zur Politik der Führung seiner Partei gegenüber dem deutschen Imperialismus und der wachsenden faschistischen Gefahr im Herbst 1930“. Er sei „sehr bemerkenswert, weil klarsichtiger und konsequenter als alles, was sonst von linken Sozialdemokraten aus dieser Zeit, seine Freunde Rosenfeld und Seydewitz eingeschlossen, (Hervorhebung FMB) bekannt ist.“ (Brief vom 4.4.2002). Um sich einen eigenen Eindruck vom marxistischen Niveau dieses Denkens zu verschaffen, sei der Aufsatz mit gelegentlichen Kürzungen im folgenden nachgedruckt. Ob er immer noch Aktualität besitzt, möge der Leser selbst entscheiden. Analogie bedeutet nicht Gleichsetzung, aber ohne Analogien gibt es keine geschichtliche Erkenntnis. Der Reiz des Vergleichs mit der vor 75 Jahren erstellten Analyse nach den Septemberwahlen 1930 mit den Septemberwahlen 2005 ist unübersehbar.

Friedrich-Martin Balzer

4. Pfarrer Eckert, Mannheim: Opposition, nicht Koalition!

Wir müssen die tieferen Ursachen der sozialdemokratischen Wahlniederlage suchen und feststellen. Es ist töricht, den Versuch einer ehrlichen, öffentlichen Selbstkritik als Defätismus, als mangelndes Parteibewußtsein zu bezeichnen. Gerade das gesteigerte Verantwortungsbewußtsein für die Aufgaben und die Arbeitsmöglichkeiten der Partei zwingt uns zu einer ganz ehrlichen, rückhaltlosen Kritik und zu dem Willen, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Denn nur aus den Fehlern der Vergangenheit ist die Niederlage der Partei zu erklären, ob das die Parteigenossen, die bisher die politische Linie der Partei bestimmt haben, wahrhaben wollen oder nicht. Es wäre verhängnisvoll, wollte man das irgendwie verschleiern.

Die Bedeutung des Stimmenverlustes von etwa 600.000 Stimmen wird dann erst richtig eingeschätzt, wenn man sich klarmacht, daß unter den am 14. September abgegebenen Stimmen eine nicht unbeträchtliche Zahl von früher demokratisch wählenden Volksgenossen enthalten ist, die ihren Führern Erkelenz und Potthoff gefolgt sind, um die „große, linke, demokratische Partei zu stärken“. Ist das richtig, dann haben wir fraglos eine große Zahl von bisher entschieden sozialistisch Wählenden verloren, die zur KPD gegangen sind. Es gibt keine gefährlichere Version, als die geflissentlich immer wieder in der Parteipresse vertretene Behauptung, es handle sich um „Krisenwahlen, um Arbeitslosenwahlen, um Konjunkturwahlen“. Die Signatur unserer Zeit und der zukünftigen Jahre wird eben die Arbeitslosigkeit, das Massenelend, sein. Was „Konjunktur“, also vorübergehender Zustand, genannt wird, ist Dauerzustand für unsere Zeit, jedenfalls für die Zeitspanne, in der die nächsten politischen Entscheidungen fallen.

Es ist keine Entschuldigung und keine Erklärung für unsere verlustreichen Wahlergebnisse, daß die Arbeitslosigkeit „daran schuld“ sei, es ist eher eine scharfe Anklage in dieser Entschuldigung enthalten dagegen, daß unsere Partei nicht vermocht hat, die Arbeitslosen an sich zu ketten, die Partei der Arbeitslosen, der eigentlichen Opfer der heutigen kapitalistischen Krise, zu werden und als solche zu gelten. Es ist töricht, immer wieder davon zu sprechen, daß in Zeiten wirtschaftlicher Depression“ solche Wahlen verständlich seien. Die SPD hat nach meiner Auffassung in erster Linie die Pflicht, gerade in solchen Zeiten der wirtschaftlichen Depression die Zuflucht aller Bedrückten und Hoffnungslosgewordenen zu sein.

Wir haben diese Wahl verloren, weil wir eine verkehrte politische Linie eingehalten haben. Diese verkehrte Linie aber ist die Folge der falschen Analyse des gegenwärtigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens. Die führenden Parteigenossen waren des besten Glaubens, daß man in einer Zeit der kapitalistischen Krise sich, um das Schlimmste zu verhüten, an der Regierung beteiligen müsse. Man konnte das noch zugeben Anfang 1928 und noch nach den Maiwahlen. Man konnte der Auffassung sein, daß es einen Weg der Verhandlung und der Kompromisse mit den politischen Vertretern der bürgerlich-kapitalistischen Front gebe. Aber schon die Schwierigkeiten bei der Bildung des Kabinetts Müller und die ersten entscheidenden Kämpfe innerhalb des Kabinetts machten es klar, oder sollten es wenigstens auch den vertrauensseligsten Genossen deutlich gezeigt haben, wie unmöglich es ist, in einem in seiner Majorität kapitalistisch orientierten Kabinett unter sozialistischer Kanzlerschaft etwas für die Arbeiterklasse Entscheidendes zu erreichen. Auch die „großen Erfolge“ der Außenpolitik, auf die sich die Befürworter der Koalitionsbereitschaft soviel zugute halten, sind, bei Licht besehen, sehr fragwürdig.

Die Abmachungen des Youngabkommens lagen in erster Linie im Interesse der großbürgerlichen Kreise der Deutschen Volkspartei, die ganz mit Recht den Abschluß des Youngabkommens als einen Erfolg der kapitalistischen Interessenpolitik Stresemanns bezeichneten. Die „vaterländischen Tiraden, die man gern mit der „Rheinlandräumung“ und der Sicherheit der geregelten Nachkriegsverpflichtungen verbindet, „sollen nur den durchaus kapitalistendienlichen Charakter des Youngplanes verdecken“. Wir haben auf alle Fälle kein Interesse, den Youngplan, der die Ankurbelung der kapitalistischen Wirtschaft bedingen sollte, als „unser“, der SPD Werk zu bezeichnen, oder gar stolz darauf zu sein. Wir werden, wenn wir die Interessen der werktätigen Massen im Auge behalten wollen, alles daran setzen, um den Youngplan durch unseren Einspruch gegen seine Untragbarkeit revidieren zu lassen. Die Übernahme der Mitverantwortung für die in dieser Zeit der Wirtschaftskrise zur Erhaltung der kapitalistischen Wirtschaft notwendigen Maßnahmen hat unsere Partei als die Vertretung der Arbeitnehmerschicht zu stark belastet, als daß ihr das alles vergessen werden konnte in den wenigen Wochen, die sie zwangsläufig in eine Opposition gedrängt war von den Koalitionspartnern, die glaubten, des Deckmantels der SPD für ihre Interessenpolitik nicht mehr zu bedürfen. Es ist nicht notwendig, alle Stadien der verlustreichen Regierungsbeteiligung unter allen Umständen, über den Panzerkreuzer bis zu den Entwürfen für die Massenbelastungen um des Youngplanes willen, und den Verhandlungen über die Gestaltung der Arbeitslosenversicherung. Es genügt darauf hinzuweisen, daß die ganze Zeit der Regierung Müller eine Leidenszeit gewesen ist für die SPD, die auch durch die von den koalitionsbereiten Genossen sehr betonte Staatsverantwortlichkeit nicht verklärt wird.

Aus dieser unklaren und zu immer neuen Kompromissen und Zugeständnissen an die bürgerlichen Partner zwingenden Haltung der Partei ist es zu verstehen, daß die Agitation der Partei im Wahlkampf wie gelähmt war. Die auf eine bereits neue in Aussicht genommene Koalition bedachten Reichstagskandidaten hüteten sich „mehr zu versprechen, als sie erfüllen imstande sein würden“. Die in der Opposition stehenden Genossen, die ohne innere Hemmung eine klassenbewußtere Linie der Politik verlangen konnten in der Wahlkampagne, und damit spontane und laute Zustimmung der proletarischen Wählermassen fanden, empfand man als eine Art „enfant terrible“, als eine Gefahr für die vorsichtige staatsmännische Klugheit der Regierungsbereiten, als Genossen, die sich zu weit vorwagten. Es ist klar, daß man mit einer so lauwarmen Agitation die Angriffe der faschistischen Front nicht bestehen konnte, man hatte keine wirkliche, keine innere Radikalität der Gesinnung und der Kampfentschlossenheit zum Sturz der untergangsreifen kapitalistischen Wirtschaft gegenüber der radikalen Phrase der faschistischen Banden.
Aus dem Vergangenen zu lernen, ist die erste Voraussetzung eines zukünftigen Sieges, die gegenwärtige Situation richtig erkennen, die eigenen Kräfte richtig einzuschätzen, aber ist der erste Schritt einem neuen Ziele zu. Für einen Sozialisten und Marxisten sind nicht die Ansichten eines einzelnen oder irgendeine Idee maßgebend für die zu fassenden Entschlüsse, sondern die objektive Situation des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens. Erst die nüchterne Analyse der wirtschaftlichen und staatspolitischen Lage kann uns das im Augenblick notwendige Handeln zeigen.

Das Tempo der kapitalistischen Entwicklung ist unheimlich. Noch vor kurzem hofften die Kapitalisten, und wir fürchteten das mit ihnen, daß die internationale Konsolidierung der kapitalistischen Wirtschaft trotz der offensichtlichen Krisen und Spannungen würde erreicht werden können. Die westlichen Demokratien schienen als politisches Werkzeug wohl geeignet zu sein, die wirtschaftliche Kräftigung des kapitalistischen Systems durch gesetzliche Maßnahmen zu fördern und zu verteidigen. Es ist anders gekommen, über Nacht beinahe. Die Wirtschaftskrise ist vor aller Augen, sie ist überall, auch in den siegreichen Ländern, die glaubten, durch die Kontributionen der Besiegten der Schwierigkeiten Herr zu werden. Ja, gerade die Übersättigung der Märkte und die Desorganisation der Produktion, die durch die Stauungen in den verschiedensten Absatzgebieten verursacht wurde, treibt die internationale Bourgeoisie zu immer neuen, sich überstürzenden Sicherungsmaßnahmen, die allerdings nur neue Schwierigkeiten schaffen und zur Evidenz zeigen, daß die kapitalistische Wirtschaft nicht mehr imstande ist, die jeder Wirtschaft obliegende Pflicht zu erfüllen, Brot und Arbeit für alle zu schaffen. Das deutlichste Symptom der sich verschärfenden Krise ist die Massenarbeitslosigkeit bei gesteigerter Produktion, der Hunger der Massen bei vollen Scheuern und Warenlagern.

Insbesondere der kommende Winter wird uns eine wirtschaftliche Krisis bringen, deren Folgen noch nicht abzusehen sind. Es ist möglich, daß nur die politische und wirtschaftliche Machtergreifung durch das Proletariat der Rat- und Hilflosigkeit wird abhelfen können. Die Vorzeichen der nahenden Entscheidung kann jeder, der guten Willens ist, sehen. Die Börse ist unsicher, die Zahlungsmittel sind nicht mehr stabil, Kredite werden bereits jetzt gekündigt. Lohndruck auf der ganzen Linie steht bevor; die Berliner Metallindustriellen haben nur angefangen mit ihren 15 Prozent Abbau. Massenentlassungen sind vorbereitet. Preissteigerungen der lebenswichtigsten Produkte sind unaufhaltbar. Die Kartelle und Syndikate halten nicht umsonst die Preisgestaltung in der äußersten Spannung. Es ist ganz sinnlos, etwa durch staatliche Maßnahmen diese Entwicklung aufhalten zu wollen, und der kapitalistischen Methode nicht zugleich das Lebenslicht auszublasen. Der Kapitalismus wehrt sich mit allen Mitteln um sein Leben, er ist zwangsläufig dazu gezwungen. Er muß die Maske fallen lassen und brutal werden, um am Leben bleiben zu können - vorläufig.

Die Verelendung der Massen ist größer als derer, die noch im Produktionsprozeß stehen; man glaubt die Redensarten, mit denen sich die bürgerlich-kapitalistischen Parteien ihre Wählerschaft zusammenidealisiert haben, nicht mehr, die nationale Phrase zieht nicht mehr, auch die von der „gesicherten Volksgemeinschaft“ nicht, auch nicht mehr die Beschwörung der großen herrlichen Vergangenheit der Tradition, das Bürgertum muß von der Demokratie, seiner Waffe gegen den Absolutismus, Abschied nehmen. Sie rentiert sich nicht mehr, die Phrase von der Freiheit und Gleichheit der Bürger, sie wird nicht mehr geglaubt. Man muß sich umstellen. Der verschärften Methodik der Rationalisierung, der Abwälzung der Soziallasten, der Massenentlassungen und des Lohnabbaus entspricht die neue Methode des um seine Existenz ringenden Kapitalismus auf dem politischen Gebiete. Die Demokratie wird ausgehöhlt, der Faschismus wird als das Instrument und als die Waffe bürgerlicher Macht ausgebildet, zunächst unter revolutionär klingenden Parolen. Er wird solange zurückgehalten, bis nach menschlichem Ermessen das Risiko von Seiten der physischen Gewalten der Republik, der Reichswehr etwa und der Polizei, nicht mehr groß ist.

Man macht „Revolution“, lies „bürgerliche Revolution“, nicht gegen die Machtmittel des „Staates“, sondern mit ihnen! Die durchsickernden Absichten der Nationalsozialisten lassen das deutlich erkennen. Es gibt keine Macht gegen die faschistische Gefahr als das klassenbewußte Proletariat. Das Proletariat von der Illusion zu befreien, als ob die Mittel der „Demokratie“ - welcher Demokratie und welche Mittel? - ausreichen würden, um gegen das seinen Verzweiflungskampf kämpfende Bürgertum die Interessen des ganzen Volkes, also auch des Proletariats, zu verteidigen, ist die gegenwärtige Hauptaufgabe der sozialistischen Agitation.

Wenn die Lage so ist, wie ich sie zu umreißen versuchte, dann wäre es ein Verbrechen, die große Arbeiterpartei der SPD zu einer Koalition aufzumuntern.

Auch der tüchtigste sozialistische „Staatsmann“ müßte an der Logik des Geschehens scheitern, auch Otto Braun, dem man nachrühmt, die Fähigkeiten zu haben, die allzu großen Ambitionen bürgerlicher Parteien in den für das Proletariat erträglichen Grenzen zu halten. Das wird auch dem optimistischen Beurteiler der Lage sofort klar, wenn wir die konkreten Forderungen aufzählen, die als Mindestforderungen von der SPD gestellt werden müßten für jede Koalition und Regierungsbeteiligung, wenn eine solche, rein zahlenmäßig als Große Koalition möglich wäre, und wenn die bürgerlichen Gruppen eine solche Koalition überhaupt wollten. Sie glauben vorerst immer noch, daß es höchste Zeit sei, ohne und gegen die Sozialdemokratie die tatsächliche Macht der Bourgeoisie zu sichern. Da in diesem löblichen Tun die SPD sie immerhin etwas hindern könnte, soll sie gar nicht mehr mit in die Regierung nach dem Willen Brünings und des Herrn Scholz.

Was aber müßte die SPD in einer imaginären Koalition verlangen? Aufhebung der Brüningschen Notverordnungen, Arbeitszeitgesetz zur Herabsetzung der Arbeitszeit auf 7 Stunden, Arbeitsbeschaffungsprogramm für die Arbeitslosgewordenen. Besitzsteuern. Maßnahmen gegen Steuerflucht und die Kapitalverschiebungen. Durchführung der Reichsreform. Abbau des Wehretats. Herabsetzung der hohen Gehälter und Pensionen. Einstellung des Lohnabbaus. Sicherstellung der Mittel zur Arbeitslosenunterstützung durch den Staat. Sicherung der Demokratie gegen alle Versuche, die Diktatur zu errichten. Sofortige und /S.626 nachdrücklichste Bestrafung aller politischen Gewalttätigkeiten.

Man braucht diese Forderungen nur auszusprechen, um zu erkennen, wie ganz unmöglich es ist, eine tragfähige Regierung auf dieser Grundlage mit den bürgerlichen Gruppen zu bilden. Brüning, der Führer des Zentrums, der auch bei der unmöglichen Regierungsbildung, die uns vorschwebt, die Schlüsselstellung innehätte, wird niemals zu unseren Forderungen der Sozialpolitik seine Zustimmung geben, ganz abgesehen von den Interessen der Deutschen „Volks“partei, dem politischen Instrument der Schwerindustrie, und dem einstimmigen Beschluß der Wirtschaftspartei des Herrn Bredt, mit der SPD keine Koalition einzugehen.

Es bleibt darum nach nüchterner Überlegung der SPD nichts übrig, als zu einer entschlossenen Opposition bereit zu sein. Sie hat in jeder denkbaren Koalition nichts zu gewinnen und alles zu verlieren, das Vertrauen der werktätigen Massen, das Vertrauen ihrer 8 Millionen Wähler.


Außerordentlich bedenklich muß es uns stimmen, wenn die bürgerlichen Blätter des Auslands davon reden, daß nur eine Regierung der Mitte mit der SPD eine Sicherung des politischen Lebens darstellen würde. Wir sollen uns sehr in acht nehmen, daß wir nicht zu den Beschützern und Hütern der internationalen Interessen der kapitalistischen Bourgeoisie werden, ja schon davor, daß wir als solche angesehen werden können.
Linke Opposition, nicht etwa Linksopportunismus! Ehrliche, klassenbewußte Opposition ist die Forderung der Stunde!

Auch dann Opposition, wenn man uns mit dem Schreckgespenst der faschistischen Diktatur bange machen und uns veranlassen will, das „kleinere Übel“ einer Duldung des Minderheitenkabinetts Brüning oder gar der Beteiligung an einem Minderheitenkabinett zu wählen! Es hat den Anschein, als ob die allenthalben veröffentlichten strengen Maßnahmen Brünings eine Angstpsychose bei der SPD auslösen soll, die schließlich bei einer Minderung der „ursprünglich beabsichtigten schärferen Maßnahmen“ bereit sein soll, zur „Rettung der Demokratie und des Staates“ die Verantwortung wieder mit zu übernehmen!

Wir warnen vor einer solchen Politik! In solchen entscheidenden Situationen braucht das Proletariat sein Selbstbewußtsein und seinen Mut mehr als das tägliche Brot.

Die konkrete Aufgabe der Partei aber ist es darum, der Masse jede Illusion zu nehmen, die Betriebe zu politisieren, die Erwerbslosen organisatorisch zu erfassen durch besondere Ausschüsse, das Reichsbanner zu einer Arbeiterwehr zu machen, und die Gewerkschaften aus „Wirtschaftsvertretungen“ zu Kampforganisationen des Proletariats. Nichts anderes, als bereit sein zum Entscheidungskampf zwischen Kapital und Arbeit, das ist die Aufgabe unserer Partei. Die Vertreter in den Parlamenten haben m. E. die Aufgabe, bei jeder Gelegenheit die Unfähigkeit der kapitalistischen Wirtschaft zu brandmarken, als Anklägerin der Massen Gesetze zu verlangen, die den Sturz der kapitalistischen Unordnung erzwingen.

Es gibt keinen anderen Weg mehr, als diesen der entschlossenen Opposition, die zu allem bereit ist, um das Elend der Massen zu lindern durch die Errichtung der sozialistischen Ordnung.

in: Der Klassenkampf, 4. Jahrgang, Nummer 20, 15. Oktober 1930; S. 622-626.
   

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Eckert ist dem Dienst der Kirche entlassen.
Der theologische Kampf der religiösen Sozialisten gegen das nationalsozialistische Christentum (1931)


Eckert ist dem Dienst der Kirche entlassen.

Eckert ist aus der Kirche und aus dem Bund religiöser Sozialisten ausgetreten.

Nach 8 ½ stündigen Verhandlungen hat das kirchliche Dienstgericht unter dem Vorsitz des Karlsruher Oberbürgermeisters Dr. Finter am 11. Dezember 1931 folgendes Urteil gefällt:

Eckert ist aus dem Dienst der Kirche entlassen mit der Wirkung des Verlustes der Amtsbezeichnung, des Einkommens, des Anspruchs auf Ruhegehalt und der Hinterbliebenenversorgung sowie des Rechts zur Vornahme von Amtshandlungen.


Die schriftliche Urteilsbegründung liegt noch nicht vor. In der mündlichen Begründung wurde dem Sinn nach etwa folgendes gesagt:

  1. Das Programm der 3. Internationale von 1928 fordere den Kampf gegen die Religion und die Kirche. Es gestehe zwar die Freiheit des Bekenntnisses zu, verlange aber gleichzeitig antireligiöse Propaganda.
  2. Die Grundlage des Kommunismus sei der wissenschaftliche Materialismus, aus dem sich der Atheismus ergebe, den die kommunistische Internationale propagiere.
  3. Die KPD betätige dies Programm, sie führe einen entschiedenen Feldzug gegen Religion und Kirche durch besondere Organisationen, die ihr angegliedert sind.
  4. Es bleibe dahingestellt, ob es an sich mit dem Pfarramt vereinbar sei, daß ein Pfarrer Mitglied der KPD werde. - Untragbar für die Kirche aber sei ein Pfarrer, der zur KPD als „revolutionärer Marxist“ gegangen sei und für sie agitiere. Wenn ein Pfarrer nicht mit der Absicht der KPD beitrete, dort das Evangelium zu verkünden, dann verstoße er gegen seine Amtspflichten.
  5. Die Erklärung der KPD beim Übertritt des Pfarrers Eckert, daß sie ihm wegen seines Berufes und seiner Weltanschauung keine Bedingungen stelle, bedeute keine Abkehr der KPD von ihrer antireligiösen Taktik.
  6. Eine Vertagung der Entscheidung bis zu dem Zeitpunkt, wo Erfahrungen darüber vorlägen, ob Eckert als Pfarrer in der Partei Einfluß gewinnen könne, könne das Gericht nicht beschließen, da eine Prüfung dieser in der Zukunft liegenden Möglichkeit Aufgabe der Verwaltungsbehörde sei. Man habe den Begriff „Strafe“ vermieden, um zum Ausdruck zu bringen, daß man kein ethisches Werturteil fällen wolle, sondern nur feststelle, daß die agitatorische Wirksamkeit in der KPD. mit dem Pfarramt unvereinbar sei.
  7. Auch eine Pensionierung komme nicht in Frage, da Eckerts politische Betätigung damit doch unter der Disziplinargewalt der Kirchenbehörde verbleibe. - Dagegen werde die Anwendung des § 21 des Dienstgesetzes offen gelassen, wonach die Kirchenregierung das Recht der „Begnadigung“ habe für den Fall, daß Eckert als Pfarrer und Vertreter seiner Kirche in der KPD wirke, und diese sich dadurch in ihrer Haltung gegenüber der Religion und Kirche umstelle.

Eckert schreibt zu diesem Urteil in der Mannheimer „Arbeiterzeitung“ vom 12. Dezember 1931 folgendes:

„Die Regierung der badischen Landeskirche und das kirchliche Dienstgericht haben durch meine Dienstentlassung bewiesen, daß sie den Aufgaben und Spannungen des wirklichen Lebens in unserer Zeit verständnislos gegenüberstehen. Sie haben durch meine Amtsenthebung bestätigt, daß ihnen nicht das Geringste daran gelegen ist, mit dem klassenbewußten revolutionären Proletariat in Zusammenhang zu kommen. Sie haben die Kirche nun eindeutig in die kapitalistisch-faschistische Klassenfront eingeordnet. In der gleichen Zeit, in der die Kirche mich wegen meines Übertritts zur KPD entläßt, duldet sie nationalsozialistische Geistliche in ihrem Pfarramt, die besondere SA-Gottesdienste und Feldgottesdienste in der Zeit des angeordneten Gemeindegottesdienstes abhalten, die ungehindert für den Faschismus agitieren und organisieren.

Die Begründung des Urteils zeigt, wie wenig die Kirche darüber nachgedacht hat, woher der „Atheismus“, die Kirchen- und Religionsfeindschaft des Proletariats kommt, wie wenig sie bereit ist, Buße zu tun für die große Schuld, die sie in ihrer Abhängigkeit von der bürgerlichen Gesellschaft der Masse gegenüber auf sich lasten hat Nach meiner festen Überzeugung, das hat auch die grundsätzliche philosophische Diskussion während der Verhandlung ergeben, ist die Kirche rettungslos verloren.

Sie muß als ein Teil der innerlich faul und kraftlos gewordenen bürgerlichen Klassenfront zugrunde gehen.
Ihre Führer sind verstockt und blind. Sie haben Angst vor dem Zorn kleinbürgerlicher „Kirchenchristen“ gegen einen kommunistischen Pfarrer. Wenn mich die Kirche so nicht mehr als Pfarrer tragen kann, weil ich Kommunist bin, so schließt sie mich damit aus ihren Reihen aus. Sie wird das natürlich nicht ausdrücklich tun, sie wird noch nicht einmal zugeben, daß das der Fall sei. Sie will nicht gern die Hunderttausend und Millionen kommunistischer Wähler, die noch in der Kirche sind, offensichtlich ausschließen, das könnte ihrer Existenz doch einen zu großen Stoß geben.

Darum erklärte ich von mir aus meinen Austritt aus dieser Kirche, auch schon deshalb, damit ihre Führer merken, daß ich nicht daran denke, irgendeinmal als kirchlicher „Missionar“ in der KPD. „begnadigt“ zu werden.

Ich glaube, daß ein wirklich frommer Mensch aus dieser Kirche austreten muß, die jeden Kontakt mit den lebendigen schöpferischen Kräften verloren hat und zum Instrument bürgerlicher Ängstlichkeit vor dem Kommunismus, dem die Zukunft gehört, geworden ist.

Mein Kirchenaustritt bedeutet zugleich meinen Abschied vom Bund der religiösen Sozialisten. Über 10 Jahre habe ich mit anderen Genossen versucht, einen Weg von der Kirche zum revolutionären Sozialismus und umgekehrt anzubahnen. Der Ausgang der Kämpfe mit der Kirche in dem Augenblick, in dem ich auch nach außen hin unbezweifelbar von meiner revolutionären Entschlossenheit Bekenntnis ablegte durch meinen Beitritt zur KPD hat für mich bewiesen, daß es aussichtslos ist, die Kirche irgendwie in Kontakt mit dein Sozialismus für den Neubau der menschlichen Gesellschaft einzusetzen. Die Erfüllung der Aufgabe des Bundes „Durch christlichen Glauben zu sozialistischem Kampf! Durch sozialistischen Kampf zu christlichem Glauben!“ ist in den Kirchen nach den bitteren Erfahrungen dieser 10 Jahre für mich aussichtslos. Ja, der Bund ist bei dieser Sachlage eher eine Hemmung für den revolutionären Klassenkampf als eine Hilfe zur Vorbereitung des Sozialismus. Er erweckt die gefährliche Illusion, als könne man von den Kirchen irgend etwas im Kampf des Proletariats um seine Befreiung erwarten. Darum trete ich auch aus dem Bund der religiösen Sozialisten Deutschlands aus.

An meiner inneren Haltung, an meiner Weltanschauung ändert sich weder durch meinen Kirchenaustritt, noch durch meine Trennung vom Bund der religiösen Sozialisten das Geringste.

Ich werde aber keine „kommunistische Kirche“ und keinen „Verband religiöser Kommunisten“, keine Sekte ins Leben rufen, wie voreilige Leute das wissen zu können glauben, sondern in der KPD aus dem Glauben und in der Erkenntnis ihrer großen Aufgaben kämpfen um die Neugestaltung des Lebens in einer Gesellschaft, in der mehr Gerechtigkeit sein wird, mehr Wissen um die Zusammengehörigkeit aller Menschen, als in der heutigen kapitalistischen Gesellschaft.“
Das Dienstgericht.

Der Vertreter der Anklage Dr. Friedrich legte eine 44 Seiten umfassende Anklageschrift vor. Er führt folgenden „Beweis“: Die Weltanschauung, von der Karl Marx beherrscht, sein ökonomisches System schuf, ist der Materialismus, der dialektische und ökonomische Materialismus, für den alles Geistige nur der Widerschein der Materie ist, „Religion Opium für das Volk“, und „die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glückes des Volkes die Forderung des wirklichen Glückes“ ist. Hinsichtlich des Kommunismus beruft er sich auf das „Programm der Kommunistischen Internationale“ vom 6. Weltkongreß der KI Juli/September 1928, worin der „hartnäckige und systematische Kampf gegen die Religion“ gefordert ist. Zwar wird dort die Freiheit des Bekenntnisses zugelassen, aber mit allen Mitteln antireligiöse Propaganda verlangt. Weitere Beweismittel sind ihm die Äußerungen Lenins über die Religion, zitiert nach Band 4 der „Kleinen Lenin-Bibliothek über Religion“, wonach „der Materialismus, absolut atheistisch, jeder Religion entschieden feindlich gegenübersteht“. Daraus zog Lenin den Schluß, daß „eine unermüdliche atheistische Propaganda entfaltet und ein unermüdlicher Kampf für den Atheismus geführt“ werden müsse. Für Dr. Friedrich geht nun die Linie seiner Beweise konsequent (!) zur „Internationale proletarischer Freidenker“ und ihrer Forderung (1925), „daß für den Staat Religion Privatsache ist, aber für jede proletarische Partei die Religion nicht Privatsache sein kann, sondern von den Führern und Funktionären der proletarischen Bewegung verlangt werden müsse, daß sie voll und ganz auf dem Boden des Marxismus stehen, der mit jeder religiösen Ideologie unvereinbar ist“. Nach dem Bruch zwischen sozialistischen und kommunistischen Freidenkern (1930) erklärte die kommunistische IpF als ihr Ziel, daß „die tiefsten Wurzeln des religiösen Aberglaubens ausgerottet und die Menschheit vom Opium der Religion befreit wird“. Mit der Gründung des „Verbandes proletarischer Freidenker Deutschlands“ (1931) sei der Kampf der „Gottlosen“ in Deutschland erst aktiv geworden, eine Scheidung zwischen KPD und VpFD sei unmöglich: „der VpFD ist die KPD in ihrem kulturpolitischen und zwar in ihrem religions- und kirchenpolitischen Programm“ (Dr. Friedrich). Und nun hat Dr. Friedrich freies Feld, um alle freidenkerischen Kulturorganisationen in der KPD bis zu den Schallplatten zu zitieren und grausliche Dinge über die Kampfmethoden der Ifa- und Agitprop-Truppen den Richtern darzustellen. (Jeder von uns religiösen Sozialisten, die wir doch in wirklicher Auseinandersetzung mit dieser Agitation stehen, hätte noch viel schlimmere Dinge berichten können!). Aus dem obigen und weiteren Zitaten aus Lenin, wonach aus Opportunismus zwar einmal, als unwahrscheinlicher Ausnahmefall, ein Pfarrer bei der KPD toleriert werden könne, führt nun Dr. Friedrich „in schlüssiger Form den Nachweis“, daß „die KPD wesensmäßig dem Christentum, auch in seiner evangelischen Ausprägung, und der Kirche, auch der evang. Landeskirche Badens, feindlich gegenübersteht“, sie ist „das Gegenteil der Kirche, ihre Negation“. Deshalb: „Ein Geistlicher unserer Landeskirche kann daher niemals ein sich für diese Partei einsetzendes Mitglied derselben sein“. - Da nun der Pfarrer nicht auf der einen Seite das Wort Gottes verkünden, und auf der anderen Seite sich zu dieser Partei in aller Öffentlichkeit bekennen könne, die Gott leugnet, da ferner der Pfarrer mit einem musterhaft christlichen Lebenswandel in und außer dem Amt den Gemeinden voranleuchten müsse, - sei Pfarramt und Mitgliedschaft bei der KPD unvereinbar. Damit wird von Dr. Friedrich dann die (in Abwesenheit der religiösen Sozialisten und entgegen dem Versprechen des Vorsitzenden gegenüber Eckert, daß keine Festlegung erfolgen werde) Resolution des Mannheimer Kirchengemeinderats vom 9. Oktober 1931 gebilligt, wonach „Eckert im Amt als Pfarrer in Mannheim nicht mehr tragbar“ sei. Als wichtigstes Beweisstück wird aber von Dr. Friedrich die Erklärung Eckerts in den Versammlungen vor seiner Rußlandreise zitiert, daß er „als revolutionärer Marxist und nicht als Pfarrer zur KPD gekommen sei“. Der Pfarrer könne sein Amt nicht zeitweilig abstreifen und dann frei und ohne Rücksicht auf sein Amt sich betätigen.

Dieser Anklageschrift hatte der Verteidiger Dr. Dietz* einen sehr gründlichen Schriftsatz entgegengestellt, welcher das ganze Problem der Vereinbarlichkeit von Marxismus und Christentum aufrollte und nachwies, daß die persönliche atheistische und materialistische Einstellung von Marx und Engels für den von ihnen begründeten „Kommunismus“, d. h. die Verbindung von proletarischer Arbeiterbewegung und Sozialismus, nicht Wesensgrundlage ist, und sie es deshalb abgelehnt haben, Atheismus und Materialismus, Religions- und Kirchenfeindschaft zu Grundsätzen der von ihnen begründeten oder auf sie zurückgehenden politischen und wirtschaftlichen nationalen und internationalen Organisationen zu machen. Dr. Dietz wies auf die Tatsache hin, daß 90 Prozent aller abgegebenen kommunistischen Wahlstimmen auf Angehörige der Kirche entfallen. Er rechtfertigte, daß Eckert eben nur als „revolutionärer Marxist“ zur KPD kommen konnte. Er wies auf die historische Bedeutung der Tatsache hin, daß die KPD mit der Anerkennung des Pfarrers Eckert zum Ausdruck brachte, daß ein auf dem Boden des Christentums und des Bekenntnisstandes seiner Landeskirche stehender amtierender evang. Geistlicher öffentliches und tätiges Mitglied ihrer Organisation sein könne. Er verwies auf Eckerts Erklärung, daß das Zentralkomitee der KPD von ihm weder die Aufgabe seiner Weltanschauung noch seines Pfarramtes verlangt habe, und ferner auf die Antwort des kommunistischen Reichstagsabgeordneten Schneller an Genossen Lic. Dr. Piechowski, wonach „Eckert wegen seiner Zugehörigkeit zur Kirche und wegen seiner Tätigkeit als Pfarrer keinerlei Bedingungen gestellt worden“ seien, und auch „die Aufnahme des Genossen Eckert für uns keine Frage der Opportunität ist, sondern erfolgte in völliger Übereinstimmung mit unseren Grundsätzen“. Dr. Dietz schrieb: „nur eine verständnislose und gehässige politische und wirtschaftliche Gegnerschaft kann es unternehmen wollen, ihm in seinem schweren Kampf in den Rücken zu fallen und ihm wegen seines Übertritts zur KPD den Anspruch auf Achtung und Würde des Amtes abzusprechen. Jeder in dieser Richtung nicht vollständig voreingenommene Angehörige der evang. Landeskirche muß umgekehrt den Schritt Eckerts als eine „Tat“ von historischer Tragweite auch im Interesse der evang. Landeskirche begrüßen und ihm gerade wegen der hiermit übernommenen schweren Opfer und Verpflichtungen in ganz besonderem Maße seine Hochachtung und Wertschätzung als Geistlicher der evang. Landeskirche aussprechen“.
In der fast vierstündigen Beweisaufnahme und Vernehmung zeigte sich die ganze Verständnislosigkeit des Gerichtes für eine dialektische Betrachtung des Verhältnisses von Religion und Marxismus. Eckert erzählte, wie er in Rußland mit den verschiedenartigsten Führern der Gottlosenbewegung diskutiert hatte, wie er seine Ablehnung des praktischen Materialismus dort aufs Schärfste betont und erfahren habe, wie dort um diese Frage gerungen werde und noch alles im Fluß sei. Eckert fragte, mit welcher Begründung ihn denn die Kirche bei seinem Standpunkt absetzen wolle. Er bekannte bei seinem Kampf gegen die zeitgebundene heutige Kirche seinen Glauben an Christus, das ewige Fundament der Kirche, das jenseits von bürgerlich und proletarisch liege. Es sei beim Kommunismus kein grundsätzlich anderes Verhältnis zur Religion als beim Sozialismus. Er sei aus politischen Gründen Kommunist geworden. Auf der politischen Ebene kämpfe er für den Kommunismus, aber in der religiösen Verkündigung, auf der Kanzel, sei er Prediger des Evangeliums.

Die Plädoyers führten die oben zitierten Gedanken noch weiter aus. Dr. Dietz schloß seine Rede mit dem bekannten Zitat aus Lassalle „Die Besten müssen springen in den Riß der Zeit..!“ Eckert erklärte, daß er seinen kommunistischen Kampf mit allen Konsequenzen führen werde bis auf seine Gläubigkeit, die ihn von den Freidenkern trenne. - Nach zwei Stunden wurde das Urteil verkündet.

Was sagen wir zu dem Urteil?

Der Vorsitzende nannte die Situation des Gerichts eine „tragische“. Er hätte gewünscht, daß die Kirchenregierung auf dem Verwaltungswege eine Lösung ohne Urteilsspruch gefunden hätte. Das hatte die Kirchenregierung sich verbaut, indem der Präsident bei der Vernehmung vor jenem Beschluß der Kirchenregierung zur Einleitung des Verfahrens als einzige Lösung die freiwillige Amtsniederlegung von Eckert verlangte. Von allen Seiten war die Kirchenregierung seit ihrem Suspendierungsbeschluß gewarnt worden. In den liberalen und landeskirchlichen Blättern, durch einen Brief von D. Rade an das Gericht, durch unzählige Stimmen war auf das Epochemachende von Eckerts Schritt hingewiesen worden. Auch Präsident D. Wurth hatte wohl ein Gefühl für das Tragische dieser Entscheidung. Aber: es überwog eben doch der Wille, den Mann Eckert loszuwerden; es überwog die Gebundenheit an jene vorläufig einflußreichen Schichten des „Kirchenvolkes“, welche den Marxismus ausrotten wollen; es überwog die kleingläubige Angst, aus der heraus man, aufgerichtet am „Mut der SPD, die konsequenter war als das Dienstgericht vom Juni“, die starke Hand zeigen wollte. Eine weise Kirchenregierung hätte, wenn sie in so politisch bewegten Zeiten eine „Zerreißung der Kirche“ befürchtet hätte, auf dem Verwaltungsweg Eckert solange pensioniert, als seine von ihm freiwillig übernommene politische Aktivität ihn zur Verwaltung eines Gemeindepfarramtes ungeeignet erscheinen ließ. Und sie hätte (und noch viel mehr der Deutsche Evang. Kirchenbund!) Eckert zu ihrer Information über deutsche und russische Verhältnisse in der Frage „Proletariat und Religion“ herangezogen. Sie hätte dann konsequenterweise jeden vorwiegend politischen Pfarrer, etwa jeden Reichstagsabgeordneten, gleichviel welcher Partei, auch pensioniert. Sie hätte damit kein Urteil gefällt, keine Beziehung abgerissen, jederzeit Eckert die Rückkehr in die Gemeindearbeit freigestellt, und ihm während seiner politischen Tätigkeit die Predigtkonzession selbstverständlich gelassen. - So mußte das Gericht entscheiden, starr, über die Gegenwart, statt über das Werdende! Es mußte den Weg Eckerts als unmöglich erklären, bevor überhaupt über die Möglichkeit eine Erfahrung gewonnen war! Von neun Richtern mußten sich sieben auf den Urteilsspruch einigen. Daß dann, ‚wenn unter den Richtern zwei Oberstaatsanwälte, zwei Mitglieder der vorher festgelegten Kirchenregierung, zwei konservativ eingestellte Pfarrer waren, dies Gericht schließlich über den „revolutionären Marxisten“ strauchelte, ist erklärlich.

Der gesamte Bund der religiösen Sozialisten Deutschlands protestiert gegen diese Entscheidung! Er ist jetzt schon die Stimme des Gerichts, das einst über diese Kirchenregierung in derselben Starrheit das Urteil sprechen wird! Und der Bund wird, solange noch eine überwiegende Masse der Sozialisten und Kommunisten in der Kirche sind, alles daran setzen, eine solche unzulängliche Kirchenregierung zu stürzen!

Eckert ist aus der Kirche ausgetreten!

Er hatte schon vorher angekündigt, daß die Kirche, wenn sie ihn als Pfarrer nicht tragen könne, ihn und alle revolutionären Marxisten automatisch ausschließe. Eckert wird kein Freidenker werden. In seiner Schau ist das Soziologische (bürgerlich-reaktionäre) bei der Kirche so heillos überwiegend, daß alles wesensmäßig Christliche nicht mehr in dieser Form zur Entfaltung kommen kann. Er sieht das Gericht über die Kirche sich schnell vollziehen. Er geht nicht aus Ressentiments, sondern aus einer Frömmigkeit, die nichts mehr von diesen Kirchen erhoffen kann. - Das ist das Gefährlichste für die Kirche!

Zweifellos wird sein Austritt der Kirchenflucht bei Kommunisten und Sozialisten neuen Auftrieb geben. Einstweilen sind - in den Wochen des Versammlungsverbots - die Bewegungen latent. Für den Bund bleiben die aus solchen Motiven Ausgetretenen selbstverständlich Bundesgenossen! Wir können nicht mit Pathos rufen: „Kommt herein in die Kirche!“ Diese Kirchenführung hat uns selbst schon allzu sehr den Glauben daran erschüttert, daß die Kirche noch einer Umgestaltung fähig ist. Wir wirken als „Missionare“ unter dem sozialistischen und kommunistischen Proletariat. Aber dadurch, daß wir an ihrem sozialistischen Glauben teilhaben. Und nicht wie jene kirchlichen Apologeten, welche den Freidenkern zuerst ihren Marxismus madig machen wollen, um sie dann zum Christentum zu „bekehren“, hinter denen jeder Proletarier den politischen Agitator wittert. Zu Marxisten kann man nur kommen als Marxist, zu Kommunisten als revolutionärer Marxist. Hat denn die Kirche je bei revolutionären Nationalsozialisten nachgeprüft, ob sie als Pfarrer zu ihrer Partei kamen, ob sie „noch auf dem Boden des Bekenntnisstandes der Landeskirche“ stehen? Man könnte mit unchristlichen Zeugnissen nationalsozialistischer maßgebender Stimmen in schlüssiger Form den Beweis führen, daß Christentum und Nationalsozialismus unvereinbar sind, ja daß, weil man sich zum „positiven Christentum“ „bekennt“, die Unvereinbarkeit zwischen Parteizugehörigkeit und Pfarramt noch viel größer ist. Dort redet man von missionarischen Aufgaben; vielleicht glaubt man sogar, daß sie durch Standartenweihen und SA-Gottesdienste erfüllt werden! Dort läßt man die sich fälschlich auf Luther berufende Rechtfertigung zu, daß Politik und Kirche zwei grundsätzlich getrennte Gebiete seien, die unter eigenen Gesetzen stehen. So tut man vonseiten der Kirche alles, um ja dem Proletariat zu beweisen, daß die Kirche bürgerlich-faschistisch ist.

Die Antwort der KPD zeigt, wie sie den Schlag gegen Eckert parieren wird. Im Leitartikel „Unsere Antwort zur Amtsenthebung des Pfarrers Eckert“ der Mannheimer „Arbeiterzeitung“ vom 14. Dezember 1931 steht (neben sehr infamen Ausfällen gegen die SPD und die Pfarrer in der SPD.): „Die Kirche hat sich unduldsamer erwiesen wie wir, weil sie schwächer ist. Mit ihrem Urteilsspruch hat sie sich, gezwungen durch unseren Angriff, endgültig in die Verteidigung begeben. Sie verteidigt eine unwürdige Vergangenheit und eine qualvolle Gegenwart. Wir sind, Eckert in unserer Mitte, im Angriff.“[...] „Durch ihr Urteil entlarvte sich die Kirche. Die gleichen Kirchenbehörden, die den Gen. Eckert hinausexpedierten, stehen in freundschaftlichem Verhältnis zu nationalsozialistischen Geistlichen. So erweist sich die Kirche als ein Organ der herrschenden Klasse [...] „Der Kommunismus ist eine geschlossene Weltanschauung. Es gibt keinen Kommunismus, der sich teilen und auf bestimmte Gebiete, unseretwegen in der Politik oder auf kulturelle Fragen anwenden läßt. Gerade das untrennbare Gefüge des Kommunismus macht ihn zur stärksten Weltanschauung, der keine Religion gewachsen ist[...]. „Es ist müßig, jetzt darüber zu diskutieren, ob Eckert seinen Glauben behält oder nicht. Entscheidend ist, daß er mit uns als Mitglied der kommunistischen Partei den Kampf gegen alle Volksfeinde in allen Fronten führt. Unsere Antwort an die Kirche ist verschärfter Kampf gegen sie als Organ der Unterdrückung und Irreführung. Die Sozialdemokratie kettet durch ihren Kampf um Pfarrerposten die Massen an die Kirche. Im Kampf gegen die faschistische Reaktion und die Sozialdemokratie entreißen wir der Kirche die Massen und führen sie der proletarischen Klassenfront zu.“

Eckert ist aus dem Bund ausgetreten!

Er hat in seinem Artikel die sachlichen Gründe angegeben. Bei seiner Stellung zur Kirche kann er eine Bewegung, die ein so starkes Gewicht auf die aktive kirchenpolitische Arbeit in der Kirche legt, nicht führen. Und: Verantwortung für eine Bewegung fragen, heißt eben bei Eckert - sie führen. Bei seiner Sicht, daß „in wenigen Jahren schon die Kirche erledigt sein werde“, lohnt für ihn eine Arbeit nicht mehr, welche das Religiöse zu einer Sondersphäre des Lebens macht. Die Hauptsache ist der sozialistische Aufbau. Alle Glaubenskräfte Eckerts verzehren sich also nur in der politischen Tätigkeit. Er wird nur noch mit profanen Worten, d. h. politisch, von seinem Glauben zeugen, wie es ja vor einer Generation die Pfarrer taten, die unter Aufgabe ihres Amtes zum Marxismus der Sozialdemokratie gingen.

Der Bund bedauert Eckerts Austritt aus sachlichen Gründen. Wenn durch diese einseitige Betonung des Politischen, seit dem sich die politischen Gegensätze im Proletariat zuspitzten, also seit dem Frühsommer, die Gefahr der Zerspaltung des Bundes aus politischen Gründen akut geworden ist, und der Bundesvorstand um der eigentlichen religiösen Aufgabe des Bundes willen sich von Eckert schon vor seinem Eintritt in die KPD distanzierte, - so war doch genug Willen zum Ringen um die gemeinsame Aufgabe vorhanden, so daß eine Trennung Eckerts nicht nötig gewesen wäre. Seine Kennzeichnung des Bundes als Hemmnis für den sozialistischen Aufbau, wegen seiner Arbeit in den Kirchen, wäre richtig, wenn nicht gerade unsere Stellung zur Kirche und zum marxistischen Proletariat eine dialektische wäre! Eckerts Urteile sind zu linear und starr, um richtig zu sein.

Daß auch persönliche Mißverständnisse eine Nebenrolle spielen, soll nicht verschwiegen werden. Vor Eckerts Abreise wurde mit seiner Zustimmung beschlossen, daß Göring den 1. Vorsitz und Dr. Schenkel mit Eckert die Schriftleitung übernehmen sollen. Die Schwierigkeiten im Bund erforderten es, daß der Vorstand darüber hinausging und zwar Eckerts Verbleiben im Bundesvorstand für nötig hielt, aber aus praktischen Gründen, solange er als politischer Vorkämpfer der KPD so gut wie ausschließlich wirkte, die Hauptämter des Bundes aus reinen Zweckmäßigkeitsgründen anderweitig besetzen wollte. Definitive Regelungen sollten erst nach Rücksprache mit Eckert getroffen werden. - Eckert müßte die sachliche Motivierung dieser Beschlüsse verstehen und sie nicht als Untreue gegen den bisherigen Führer persönlich nehmen.

Die bitteren und ungerechten Worte, welche im Zeitungskampf und persönlich gewechselt worden sind, als Eckert seinem Austritt aus dem Bund die Proklamation folgen ließ, der Bund sei liquidiert und existiere nicht mehr, müssen vergessen sein. Der Bund lebt und ist heute wichtiger als je. Wenn Eckert aus Glauben in der KPD wirkt, dann ergeben sich mit Notwendigkeit nimmer wieder die Möglichkeiten zu gemeinsamer Arbeit. Der Glaubenskampf um das Reich Gottes unter den Menschen ist das Hauptanliegen des Bundes. Darum ist der Bund allen, die mit gutem Willen als Kommunisten oder Sozialdemokraten um die Verwirklichung des Sozialismus ringen, in gleicher Weise offen, wenn diese religiöse Bindung ihnen das Wesentlichste ist. Wir bejahen die großen Aufgaben, die Eckert in der KPD zu erfüllen hat. Wenn wir trotz der vorläufigen Trennung diese Verbundenheit aufrecht erhalten, dann ist der Bund durch diese Krisis hindurch nur noch weiter, stärker und tiefer geworden. Heinz Kappes.

In: ZRS 1932, S. 5-14

*Vgl. „Das religiöse Problem des Marxismus“ von Dr. Dietz.



Der theologische Kampf der religiösen Sozialisten gegen das nationalsozialistische Christentum (1931)

Vorbemerkungen:

Der folgende (umgearbeitete und erweiterte) Vortrag steht unter dem Gesamtthema: „Reich Gottes - Sozialismus ‑ Marxismus.“ Er sucht darzustellen, wie hinter der gegenwärtigen wirtschaftlichen, politischen und ideologischen Auseinandersetzung zwischen Sozialismus und Faschismus zugleich ein Ringen um die Neuerfassung des Christentums vom Reich‑Gottes‑Glauben her stattfindet.

Dabei wird im Folgenden nur die Auseinandersetzung in der evangelischen Kirche behandelt. In der katholischen Kirche ist ebenfalls ein lebhafter Kampf im Gange. Er ist andersartig und kann hier nur angedeutet werden. Einstweilen wird noch die ganze Autorität des kirchlichen Lehramts gegen den Nationalsozialismus wegen seiner „Irrlehren“ und wegen seiner für den Katholizismus bedenklichen Ethik eingesetzt, und es wird gegen katholische Geistliche, die in der nationalsozialistischen Bewegung aktiv tätig sein wollen, vorgegangen. Der Universalismus der katholischen Kirche kämpft gegen den Universalismus des faschistischen Staatsabsolutismus um die Suprematie auf dem Gebiet der Seelenführung; die Kirche wehrt sich gegen den Rassekult eines „arischen Christentums“, gegen die Proklamierung einer „Deutschen Volkskirche“, welche Protestantismus und Katholizismus harmonisieren will. Die Position der katholischen Kirche ist in den Gegenden mit einer kirchentreuen, gläubigen Bevölkerung aus organisatorischen Gründen noch relativ stark. Aber sie wird dort schwach, wo die katholischen Sozial‑ und Wirtschaftstheorien des Romantismus und Solidarismus sich auseinandersetzen müssen mit den wesensgleichen, nur unvergleichlich stärkeren des faschistischen Romantismus und Solidarismus. Mit ihrer faszinierenden Agitationskraft brechen die Nationalsozialisten über die konfessionellen Grenzen hinaus auch in die Reihen der katholischen Bauern und Kleinbürger ein. „Es besteht die Gefahr, daß dann der katholische Kleinbürger dahin stößt, wo seine nicht‑katholischen Schicksalsgenossen seit dem Aufbruch der nationalsozialistischen Bewegung marschieren, oder daß er innerhalb des Katholizismus eine nachbarlich empfindende Kolonne organisiert“ (Walter Dirks in „Katholizismus und Nationalsozialismus“, in „Die Arbeit“ März 1931). Für eine solche soziale Entwicklung würde dann wohl die katholische Kirche eine nachträgliche ideologische Rechtfertigung geben, welche ihr nach dem Inhalt der neuen Enzyklika zur Arbeiterfrage nicht sehr schwer fallen würde und welche sich mit einer Neutralitätserklärung des Nationalsozialismus gegenüber der katholischen Weltanschauung im Sinne Hitlers zufrieden geben könnte. Aber dann müßte erst recht der Kampf der katholischen Sozialisten beginnen, welche auf dem Boden der marxistischen Kritik des Kapitalismus als entschlossene Sozialisten nun innerhalb des Katholizismus und aus seiner Glaubenswelt heraus mit einem besseren Rüstzeug als die jetzige katholische Kirche auf dem politischen, wirtschaftlichen und religiösen Gebiet die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus führen müßten. Dieser Kampf wäre in der Methode verschieden, aber in der Energie und Zielrichtung dem gleich, den die religiösen Sozialisten in der evangelischen Kirche kämpfen; nur besteht im Protestantismus heute die Situation, daß die Kirche als solche den Nationalsozialismus freundlich toleriert.

Der Nationalsozialismus wie der Marxismus drängen nach einer eigenen Theologie hin. Alle Spannungen und Kämpfe, welche auf der Ebene des politischen und wirtschaftlichen Geschehens entstehen, müssen auch in den höchsten Sphären der Weltanschauung und Theologie ausgetragen werden. Darum wurde der Kampf, der sich auf dem politischen Gebiet seit Ende 1930 fast bis zum Bürgerkrieg steigerte, auch zu einem Kampf in der Kirche, der sie bis in ihre Fundamente erschüttert. Der äußere Anschein verdeckt diese Tatsache. Das marxistische Proletariat ist entweder gleichgültig oder ablehnend gegenüber der Kirche; die Gottlosenbewegung und das Freidenkertum haben heute Werbekraft und bekämpfen die Kirche von außen. Die höheren Schichten des Bürgertums stehen indifferent in der Kirche gegen die Kirche. Die sozialen Schichten des Bauern‑ und Bürgertums, welche das sogenannte Kirchenvolk repräsentieren, sind meist nationalsozialistisch. So könnte es erscheinen, als ob die Nationalsozialisten in der Kirche seien und die Marxisten draußen. Dann müßte eben der Kampf zwischen den beiden Theologien (wie heute schon weithin!) unter der Parole „Für oder gegen die Kirche“ gekämpft werden. Und es wäre zu erweisen, ob wirklich die Gottesgläubigen in der Kirche sind! Solange die religiös‑sozialistische Bewegung noch innerkirchlich arbeitet, wird der Kampf zwischen den Theologien noch in der Kirche ausgekämpft.

Die Kirche hat eine doppelte Funktion in der Welt zu erfüllen. Sie muß unablässig die Wahrheitsfrage stellen und beantworten; sie muß für die wechselnde und verwirrende Welt der Erscheinung eine Sinndeutung aus einer Welt des Absoluten her zu geben versuchen. Und weiter hat die Kirche die Ordnung der sittlichen Werte für das individuelle und soziale Leben zu vergegenwärtigen; sie soll also den persönlichen und gesellschaftlichen Willen durch die Verkündigung des offenbaren Willens Gottes bestimmen.

Im Ringen um die Erkenntnis der Wahrheit und des Willens Gottes steht aber die Kirche wie jedes ihrer Glieder in der gegebenen Welt. In dieser muß jeder Mensch politisch, wirtschaftlich, weltanschaulich Partei nehmen. Wer es vermeintlich nicht tut, bestärkt durch seine passive Haltung nur die Macht des Bestehenden. Infolgedessen muß auch die Kirche die ganze fast brückenlose Zerklüftung unseres Volks durch die politischen und wirtschaftlichen Gegensätze als zu ihrer eigenen Körperlichkeit zugehörig bejahen. Es ist eine unrealistische Fiktion, wenn man meint, Kirche könnte jenseits dieser Parteien existieren, gewissermaßen als eine Friedensinsel im stürmisch bewegten Meer. Das war nie so und wird nie so sein. Die kirchlich‑theologischen Parteibildungen und Parteikämpfe, welche die Kirchengeschichte erfüllen, standen immer in einem direkten Verhältnis zu den wirtschaftlich‑politischen Kämpfen der profanen Zeitgeschichte. Das gilt gerade für die Kämpfe zwischen „Positiv“ und „Liberal“ im vergangenen Jahrhundert.

Die „Kirche jenseits der Parteien“ existiert nie statisch als die vermeintliche „überparteiliche Kirche, in der Alle Brüder sind“, sondern nur dynamisch da, wo in der Verantwortlichkeit vor dem lebendigen, überzeitlichen, gegenwärtigen Herrn der Kirche die realen Antithesen profan und kirchenpolitischer Gegensätzlichkeit gleichzeitig behauptet ‑ und doch in der dialektischen Synthese des gemeinsamen gläubigen Ringens um das Reich Gottes aufgelöst werden. Nur diese kämpfende evangelische Kirche, welche die notwendigen Gegensätzlichkeiten wahrhaftig in sich austrägt, ist auch eine lebendige Kirche mit zentripetalen Kräften. Eine betont „überparteiliche“ evangelische Kirche wird sich bei näherem Zusehen immer als sehr parteiisch offenbaren und wird wegen ihrer fehlenden dialektischen Dynamik an ihren zentrifugalen Tendenzen sicher zugrunde gehen. Die „überparteiliche Kirche“ ist ein ebenso verdächtiger Begriff wie im politischen Leben die „Volksgemeinschaft“. Auch diese ist nie eine statische, sondern nur eine dynamisch‑funktionelle Wirklichkeit, die immer wieder zustande kommt in dem doppelten Kampf des ehrlichen Austragens der Antithesen und des gemeinsamen Ringens um die Synthese.

So ist es nicht nur gegeben, daß dem erbitterten Kampf zwischen Faschismus und Marxismus auf der politisch‑wirtschaftlichen Basis auch die scharfe Auseinandersetzung im kirchlichen „Überbau“ zwischen religiösem Nationalismus und religiösem Sozialismus parallel geht, sondern es ist für die Kirche notwendig, daß dieser Kampf in dem ausgedeuteten dialektischen Sinne prinzipiell und praktisch bis zur letzten Tiefe der Probleme wirklich ausgetragen wird.

Die religiösen Sozialisten dürfen für sich in Anspruch nehmen, daß sie um der Kirche willen schon seit dem Hervortreten der nationalsozialistischen Bewegung diesen Kampf führten, und zwar so, daß wirklich gekämpft und eine klärende Auseinandersetzung herbeigeführt wird. Pfarrer Eckert (Mannheim) als Schriftleiter des „Religiösen Sozialisten“ (früher „Sonntagsblatt des arbeitenden Volkes“) wies seit Jahren durch eine Fülle von Tatsachenmaterial über nationalisti­schen Mißbrauch von Kirche und Christentum und durch prinzipielle Erörterungen auf die Gefahren hin, welche den evangelischen Kirchen in Deutschland drohen. In den Landessynoden, in welchen die religiösen Sozialisten vertreten sind, wurde fast in jeder Tagung dieses Problem erörtert. Der Reichskongreß der religiösen Sozialisten in Stuttgart im August 1930 verhandelte ausführlich über „Faschismus und Christentum“. Und im November 1930 trat die religiös‑sozialistische Internationale auf Grund ihrer Basler Verhandlungen mit einem Aufruf „Christentum und Faschismus sind unvereinbar“ vor die Weltöffentlichkeit. Im „Deutschen Pfarrerblatt“ führten Mitglieder der religiös­sozialistischen Pfarrbruderschaft die Debatte gegen die Verfechter des Nationalsozialismus. Neben der „Zeitschrift für Religion und Sozialismus“ wiesen die der religiös‑sozialistischen Bewegung nahestehenden Zeitschriften „Eiche“, „Unruhe“, „Mutiges Christentum“, „Neuwerk“ immer wieder auf die Widersprüche zwischen faschistischem Geist und der Botschaft Jesu hin. Aber weit über das Literarische hinaus war es eben die öffentliche Rede, die Diskussion mit dem Gegner vor insgesamt mehreren hunderttausend Zuhörern, wo in Hunderten von Versammlungen teils auf der Basis der SPD, teils auf der des Bundes religiöser Sozialisten die Wortführer des Bundes den wirklichen Kampf austrugen. Da wurden die Fragen so entschieden gestellt, daß man sich nicht gut daran vorbeidrücken konnte, z. B. „Christuskreuz oder Hakenkreuz?“ Das war viel wirkungsvoller als die mancherlei literarischen Fragezeichen, welche wohlmeinende bürgerliche Theologieprofessoren den Grundsätzen der völkischen Bewegung beifügten.

Diese Kämpfe führten zu den bekannten politischen Kirchenprozessen um die Pfarrer Kleinschmidt (Thüringen) und Eckert (Baden), wo die Kirchenbehörden im subjektiven Wollen zu jener oben charakterisierten kirchlichen Überparteilichkeit, um die Kirche vor Erschütterungen zu bewahren, gedrängt durch die ihnen nahestehenden politischen Rechtskreise, objektiv parteiisch gegen die religiös‑sozialistischen Pfarrer vorgingen. Die Prozeßakten werden dem späteren Historiker reiches Material zu Quellenstudien darüber bieten, wie stark und aus welchen Gründen die herrschenden positiven Führer evangelischer Kirchen den Nationalsozialismus gegen den Sozialismus stützten und damit den Massenprotest der Linken in Versammlungen, Unterschriftsaktionen und in der Presse hervorriefen, von den sozialistischen bis weithin in die bürgerlichen Kreise hinein.

Die Kirchenbehörden haben in diesen Prozessen Niederlagen erlitten, obwohl z. T. sehr harte Geldstrafen über die religiös‑sozialistischen Pfarrer verhängt wurden. Die Kirchenbehörden mußten erklären und es sich von den Gerichten bescheinigen lassen, daß sie nicht politisch parteiisch sind und sein wollen. Daraus zieht nun die religiös‑sozialistische Bewegung das Ergebnis: Also gibt es für die evangelische Kirche prinzipiell keine bevorrechteten „christlichen“ Parteien mehr! Diese prinzipielle Klärung muß zur praktischen Wirklichkeit werden durch die Entmächtigung jener konservativen und nationalistischen Kreise, welche durch ihre Vormachtstellung der evangelischen Kirche heute noch das Gepräge geben, als ob evangelisch und reaktionär identisch wären. In dem Maß, wie diese Machtverschiebung durch Heranziehung der sozialistischen Kirchengenossen zu verantwortlicher Mitarbeit und Mitgestaltung gelingt, wird die Debatte: „Evangelium ‑ Nationalsozialismus ‑ Sozialismus“ in die breiteste Öffentlichkeit getragen. Dadurch wird die Resonanz geschaffen für die demonstrativen öffentlichen Disputationen, zu welchen die religiös‑sozialistischen Führer nun die nationalsozialistischen Pfarrer auffordern werden. Welche religiösen und theologischen Probleme diesen Disputationen zugrunde liegen, soll im folgenden erörtert werden. Zuerst bedarf es aber noch einer Betrachtung des „nationalsozialistischen Pfarrers“.

Der nationalsozialistische Pfarrer ist ein ziemlich eindeutig zu bestimmender psychologischer Typ. Viele dieser Pfarrer gehören der Generation an, welche sich im Krieg von der Universität weg freiwillig stellte und es bis zum Reserveoffizier brachte. Die stark gefühls‑ und willensmäßig bestimmten Menschen ‑ bzw. die willensschwachen mit deutlichen Überkompensationen ‑ mit Neigungen oder Gaben zur Volkstümlichkeit werden vom Elan der nationalsozialistischen Bewegung mitgerissen. Charakteristisch dafür ist etwa das Urteil eines Pfarrers im „Sonntagsgruß“ vom 5.4.31 über die nationalsozialistische Bewegung:

„Oft scheint es, als ob die Nationalsozialisten die einzigen wären, die trotz allen Zwanges der rauhen Wirklichkeit die Hoffnung auf den Sieg deutscher Wahrheit aufrechterhalten; die auch an eine deutsche Zukunft glauben und den Mut haben, darauf loszumarschieren. Weil ich auch immer noch an eine deutsche Zukunft glaube und darum ringe, habe ich die nationalsozialistische Bewegung lieb. In mir und jenen schlägt ein gleicher Rhythmus. Es ist Bein von meinem Bein, und wenn sie heute zugrunde gingen, würde ich versuchen, morgen Ähnliches neu zu gestalten. Sie mußten kommen, sie müssen da sein und sie werden siegen. ‑ Ich liebe die Nationalsozialisten, weil sie frisch drauf losmarschieren.“

Ganz unproblematisch, rein gefühlsmäßig stellen sich solche Pfarrer in die Bewegung:

„Ich bete jeden Abend mit dem Vaterunser, daß dies korrupte System (Republik) bald zugrunde gehen möchte. Ich wiederhole auch hier in dieser Versammlung, was ich schon in Zittau gesagt habe: daß dann genügend Hanfstricke vorhanden sein möchten!“ (Pfarrer Krieger [Eschefeld] in Meißen am 20.3.31.)

Oder:

„Das Herrlichste, das wir in unserem Kampf gegenwärtig erleben, ist, daß das, was wir hingeben, tausendfach in unsre Brust zurückgeht. Wir wollen nicht eines Tages einen Strohtod erleben, sondern wir wollen im Leben einen Sinn finden; wir wollen wissen, daß wir gelebt haben, zum Sieg und Durchbruch. Ewigkeit, das Wort ist Phrase, wenn wir sie nicht empfinden als Macht, der wir uns hingeben. Der Glaube muß in der Persönlichkeit aufgehen, sonst ist er tot. In Adolf Hitler sehen wir die Kräfte wieder aufbrechen, die einst dem Heiland gegeben wurden.... Unser Weg ist rauh, aber eins wissen wir , daß wir eine reine Seele dabei behalten! Auf ein Golgatha folgt auch eine Auferstehung. Noch stehen wir auf dem Weg nach Golgatha. Mancher wird auf ihm bleiben, doch die Seele, die kann man uns nicht rauben. In deine Hände geben wir unsern Geist, für Adolf Hitler sterben wir gern“ (Pfarrer Leutheuser [Flemmingen] nach „Peniger Tagblatt“ 20. 1. 31.)

Von da bis zu dem geistlichen Rat,

„führende Finanzgrößen an die Wand zu stellen und einige handfeste Männer nicht gerade mit Gesangbüchern ihnen gegenüber“ (Pfarrer Peperkorn (Viöl) in Wyk auf Föhr am 11.3.31)

ist es schließlich kein allzu weiter Weg mehr.

Das ist der Typ nationalsozialistischer Pfarrer, die (sogar im Braunhemd) in nationalsozialistischen Massenversammlungen auftreten, „Politik“ in der Weise treiben, daß sie den „christlichen Charakter“ des nationalsozialistischen Wirtschaftsprogramms herausheben, nämlich „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“ und die „Brechung der Zinsknechtschaft“, die ihren gefühlsmäßigen Nationalismus als „gemäß der göttlichen Schöpfungsordnung“ verkündigen, die Adolf Hitler und den Nationalsozialismus als „gottgesandt“ proklamieren und in Standartenweihen in der Kirche, Feldgottesdiensten, Totengedächtnisfeiern mit waffengeschmücktem Altar, Kampfpredigten bei Bestattungsfeierlichkeiten für solche, die im politischen Kampf getötet wurden, ja die, mit dem Titel „Standartenpfarrer“ dekoriert, verkündigen, daß „sich die evangelische Kirche einig wisse mit der deutschen Freiheitsbewegung“.

Wird so für den Außenstehenden und vor allem für das der Kirche mißtrauisch gegenüberstehende marxistische Proletariat der Eindruck erweckt, daß die evangelische Kirche, wie früher monarchistisch, nun nationalsozialistisch sei ‑ und die Propagandaleitung der NSDAP. legt natürlich Wert darauf, die Kirche mit dem starken seelischen Einfluß ihrer Feiern und ihrer Pfarrerschaft zu Agitationszwecken zu benutzen ‑, so soll doch nicht verkannt werden, daß viele nationalsozialistische Pfarrer nur deshalb parteipolitisch tätig sein wollen, um „die politische Bewegung zu christianisieren“. Sie wollen „den Durchbruch zur letzten Glaubenstiefe herbeiführen helfen“ und bemühen sich deshalb, die heidnischen Symbole christlich auszudeuten. Das geht aus der Debatte im Deutschen Pfarrerblatt, die von Ende 1930 bis Mitte 1931 über „Christentum und Nationalsozialismus“ geführt wurde, deutlich hervor. Man weist auf das Versagen der Kirche gegenüber der marxistischen Bewegung im vergangenen Jahrhundert hin und will gerade durch politische Mitarbeit in Stahlhelm und NSDAP missionarisch wirken. Hierfür entwickelte bei der Tagung des „Gesamtverbands für Innere Mission“ (!) in Karlsruhe im Mai 1931 Pfarrer Willm (Potsdam) das Programm der „christlich deutschen Bewegung“, wonach in die politischen Rechtsparteien Kampfgruppen von Pfarrern und Laien eingebaut werden müssen, welche an der politischen Bewegung und an den politisch tätigen Pfarrern bewußt missionarische Dienste leisten („Neue Wege der Volksmission“[!]). Weit mehr scheint aber jene Tendenz zu überwiegen: die politische und die religiöse Sphäre vollkommen voneinander zu trennen. Es ist typisch, daß man sich dabei auf Luther beruft, welcher „säuberlich zwischen Staat und Gottesreich geschieden habe“ (Pfarrer Schmitt (Nünschweiler‑Pfalz) bei einer Pfarrfreizeit über Kirche und politische Parteien, Pfingsten 1931). In beiden Gebieten herrschten vollkommen unterschiedliche Gesetzmäßigkeiten, man dürfe Christentum und Politik nicht miteinander vermischen. So gewinnt man die Freiheit für Staatsabsolutismus, Imperialismus, Terror, Rassenhaß usw. für die politische Sphäre und „rettet“ die „Gnadenmacht des Christentums“ für die rein persönliche Sphäre des einzelnen Menschen.

„Hitler arbeitet darin ganz aus dem Geist Luthers, daß er sich gegen die Suprematie des Religiösen über den Staat wendet, denn nach Luther gibt es nur eine christliche Bevölkerung im Staat, aber keinen christlichen Staat“ (Pfarrer Schmitt, s. o.).

Es wird auf der einen Seite gegen den Vorwurf der Rassenvergötzung entschieden Stellung genommen und gegen Dinter und ähnliche Verkündiger einer Germanischen Religion gekämpft, ja es werden religiöse Betrachtungen in nationalsozialistischen Tageszeitungen ganz unpolitisch, abstrakt religiös, dogmatisch orthodox abgefaßt ‑ und es wird auf der andern Seite alles Denken und geistig‑seelische Leben auf das „Blut“ zurückgeführt, gegen das A. T. und Paulus gekämpft, Karl Marx einfach deswegen verfemt, weil er Jude war, und in religiösen Betrachtungen eine Übersteigerung jenes aus der Kriegs‑ und Vorkriegszeit genügend bekannten national‑idealistischen deutsch‑evangelischen Bindestrichristentums dargeboten. So wenig, wie auf kirchenpolitischem Gebiet eine Klarheit darüber existiert, ob man überall eine eigene Kirchenpartei, die „Deutschkirche“, aufmachen will, oder ob man in den alten Gruppen, hauptsächlich in der positiven, verbleibt, so wenig besteht eine theologisch‑ideologische Klarheit. Gerade die von uns religiösen Sozialisten eingeleiteten Disputationen werden zur Klarheit führen müssen. Wir haben zu beweisen, daß die Bejahung der nationalsozialistischen Bewegung dazu führen muß, daß die faschistische Ideologie das Evangelium umprägt und verfälscht, und daß es um der Wahrheit willen zu der Entscheidung kommen muß: Christuskreuz oder Hakenkreuz! Wir werden das tun trotz der Mahnung von D. Wahl, dem Schriftleiter des „Deutschen Pfarrerblatts“, der den religiösen Sozialisten zuruft: „Verdirb es nicht, es ist ein Segen drin.“

Wenn wir die Wahrheitsfrage stellen, bedienen wir uns der marxistischen Methode der „materialistisch‑dialektischen Geschichtsbetrachtung“ zur Analyse der nationalsozialistischen Bewegung und zur Klarstellung der Funktion, welche sie ‑ mit oder ohne den Willen der einzelnen Funktionäre und Mitglieder ‑ in der heutigen politischen und wirtschaftlichen Situation zu erfüllen hat. Sie ist eine Bewegung des Bauern‑ und Bürgertums, die in der Weltwirtschaftskrise des Hochkapitalismus, die in Deutschland verstärkt ist durch die Reparationslasten, ausbrach, weil diese Schichten (Bauern, Kleingewerbetreibende, Angestellte, Beamte, Rentner, Intellektuelle) sich wehren gegen einen doppelten Feind: gegen die drohende Proletarisierung als ihr unvermeidliches Schicksal und gegen die Weltplutokratie als die vermeintliche Urheberin dieser Not. Die noch wachsenden Millionenmassen konnten deswegen durch die überaus geschickte Propaganda der NSDAP. und ihre skrupellose Demagogie gewonnen werden, weil sie stimmungsmäßig antikapitalistisch sind. Sie wollen keinen Sozialismus, keine genossenschaftliche oder verstaatlichte Planwirtschaft.

„Wir stehen grundsätzlich auf dem Boden des Privateigentums... Sie haben gar keinen Grund, uns sozialistische Tendenzen zu unterschieben...“ (Gottfried Feder, der von Hitler besonders bevollmächtigte Programmatiker der NSDAP, im Reichstag 4.12.30).

Sondern auf allen Gebieten der Wirtschaft sollen die Gesetze des freien Marktes und die ungebundene Führerinitiative in der Industrie entscheiden, also das System des liberalen Frühkapitalismus gelten.

Nur an einem Punkt, dem des Geldwesens, will man eine Art „Staatssozialismus“ errichten. Um Deutschland aus seiner Abhängigkeit von der Weltwirtschaft möglichst zu befreien, erstrebt man ein autarkes Weltwirtschaftsimperium mit großem Kolonialbesitz und Raumvermehrung nach dem Osten Europas hin. Der Rassegedanke muß zum beherrschenden ideologischen Überbau dieser erstrebten Nationalwirtschaft werden: positiv im Rassedünkel, weil die bevorzugte arisch­germanische Rasse ein absolutes Recht auf Weltherrschaft und Unterdrückung der minderwertigen Rassen hat (z.B. gegenüber Slawen und Ungarn), ‑ negativ im Antisemitismus, weil der Jude als alleiniger Inhaber des „raffenden Kapitals“ nur entrechtet zu werden brauche, damit dann das „schaffende Kapital“ sich ungehemmt zum Segen aller produktiv tätigen Menschen auswirken könne. Diese Wandlung der wirtschaftlichen Verhältnisse zu schaffen, ist Aufgabe des absoluten und wehrhaften Staats. Er diktiert dem Wirtschaftsleben, hält alle revolutionären Bewegungen des „Untermenschentums“ (Proletariats) nieder und stützt sich

„auf eine Auswahl der neuen Herrenschicht, die nicht von irgendeiner Mitleidsmoral getrieben wird, sondern die sich darüber klar ist, daß sie auf Grund ihrer besseren Rasse das Recht hat, zu herrschen, und die diese Herrschaft über die breite Masse rücksichtslos aufrecht erhält und sichert“ (Hitler am 1.7.30 zu Dr. Otto Strasser).

Dieser Staat hat nach dem Vorbild des faschistischen Italien (Mussolini bekennt sich selbst zur hegelianischen Auffassung des Staatsabsolutismus) das alleinige Recht auf die Kinder‑ und Jugenderziehung (daher dessen Konflikt mit dem Papst), militarisiert die junge Generation von früh auf und sieht in der Kriegerkaste, im Kriegsheldentum die Blüte der Nation (vgl. Rosenbergs Staatsorganisation im „Mythus des 20. Jahrhunderts“). Von diesem Ideal des kriegerischen Heroismus aus wird die gesamte soziale und individuelle Ethik bestimmt. Der diktatorische Militärstaat, der prinzipiell jeder Demokratie abgeneigt ist, konstituiert das System der wirtschaftlichen „Korporationen“. Über diesen Staat sagt nach einer eingehenden historischen und juristischen Analyse Hermann Heller in seinem Buch „Europa und der Faschismus“ (Berlin 1929), S. 123:

„erst dadurch, daß der Faschismus neben der militärischen Macht, der Miliz und der politischen Herrschaftsorganisation der Partei auch noch über die ökonomischen Interessenverbände der Massen (Arbeitersyndikate) verfügt, gelingt es ihm, sich an der Macht zu erhalten.... Alles in allem kann der Faschismus durchaus nicht als eine neue Staatsform gelten, sondern als die der kapitalistischen Gesellschaft entsprechende Form der Diktatur“.

Vergleicht man hiermit das Buch des Syndikus des Reichsverbands der deutschen Industrie, Hans Röpke: „Der Nationalsozialismus und die Wirtschaft“ (Verlag Elsner, Berlin), so findet man für die NSDAP. die Bestätigung, daß auch in Deutschland die Zielsetzung dieselbe ist: der kleinbürgerliche Antikapitalismus ist revidiert, Abschaffung des arbeitslosen Einkommens, Verstaatlichung aller bereits vergesellschafteten Betriebe, Gewinnbeteiligung an Großbetrieben usw. stehen nur noch auf dem Papier:

„Es ist gar kein Zweifel, daß die antikapitalistische Parole des Nationalsozialismus, die heute in eine antimaterialistische veredelt worden ist, ursprünglich eine viel zu mechanische war. Die diesbezügliche programmatische Forderung, die später einbezogen wurde in die Brechung der Zinsknechtschaft, lautete: Abschaffung des arbeits‑ und mühelosen Einkommens. Das bedeutet klipp und klar Abschaffung von Rente und Profit. Hier stand schon das schwere Geschütz, mit dem Marx die Position des Kapitalismus beschossen hatte, und wir brauchen uns darüber keiner Täuschung hinzugeben, daß die Forderung heute noch große Popularität besitzt“ (S. 30/31).

Es ist nur ein Zeichen für die dauernd in Programm und Praxis der NSDAP festzustellende „Tarnung“, wenn Röpkes Deutungen jetzt als nicht parteioffiziell abgeschüttelt werden. Sie begründen zu gut, warum Hugenberg und die Schwerindustrie in der national“sozialistischen“ „Arbeiter“partei einen so willkommenen Bundesgenossen erblicken. Man tarnt die Widersprüche im Programm mit angeblichem „Antimammonismus“. „Marxismus und Kapitalismus sind beide materialistisch und mammonistisch; der Nationalsozialismus ist antimammonistisch und idealistisch!“ Die Auguren wissen, daß mit der Parole „Antimammonismus“ innerhalb der Systematik des Kapitalismus zur Vernebelung der Gehirne Camouflage des wahren Sachverhalts getrieben wird. Und sie lächeln über ihren Erfolg, daß alle diese schicksalsmäßig antikapitalistischen Massen nun mit glühender Begeisterung militant geworden sind, durch ihre militärischen Formationen die Macht im Staat zu erobern sich anschicken, welche dann von diesen an der Stabilisierung des Kapitalismus interessierten Herren allein in ihrem eigenen Interesse, gegen jene frühkapitalistischen Romantismen und gegen die Sozialpolitik der bisherigen Republik verwandt werden soll; denn deshalb proklamiert man die „Krise der Demokratie“, weil durch demokratische Mitbestimmung bei der staatlichen Gesetzgebung der Kapitalismus immer mehr entmächtigt wurde. So spielt der Begriff „Antimammonismus“ bei den Nationalsozialisten eine ähnlich verhängnisvolle Rolle wie in der Ideologie jener konservativen christlichen Sozialtheoretiker um den „kirchlich‑sozialen Bund“, welche den Kapitalismus als System bejahen, aber ihm ein soziales Gewissen einsetzen wollen, was nur in jener Fabel Meyrinks von dem „Löwen Alois“ gelingt, der in einer Schafherde erzogen, schließlich zum braven Schaf geworden ist.

In unsern Diskussionen und Kämpfen mit dem Nationalsozialismus spielen diese wirtschafts­theoretischen Fragen eine entscheidende Rolle. Ausführlicher, als es hier dargestellt werden kann, arbeiten wir aus der nationalsozialistischen Theorie und Praxis mit genauer Kenntnis des Materials und durch Vergleiche mit dem italienischen Faschismus den kapitalistischen Charakter dieser „sozialistischen“ Bewegung heraus. Jener Gefühlsnationalismus und Gefühlssozialismus unsrer nationalsozialistischen Amtsbrüder kann einer solchen scharfen Analyse nicht standhalten. So wenig wie die andern durchschnittlichen politischen Führer der NSDAP. Dann müssen eben die fehlenden geistigen Verteidigungswaffen ersetzt werden durch Provokation von Tumulten, und die „geistig unbelasteten“ SA‑Leute führen mit Brachialgewalt die Diskussion weiter. Eckert, Kleinschmidt und ich haben schon solche Erlebnisse gehabt.

Und wie in der Wirtschaftstheorie, so muß vor allem auch bezüglich der Stellung zum Krieg und zur Außenpolitik das gewissenlose Spiel mit Romantismen durch unerbittlichen Realismus niedergezwungen werden. Auch wir waren Kriegsfreiwillige und Frontoffiziere; heute gehören wir zu den vielgeschmähten Pazifisten. Das hat seinen Grund darin, daß wir das tiefste Fronterlebnis darin fanden, daß im letzten Weltkrieg der Krieg an sich selber ad absurdum geführt worden ist und daß ein Sinn für das Sterben von zehn Millionen Menschen nur darin gefunden werden kann ,daß aus dieser Saat die Ernte eines wirklichen Völkerbunds und Völkerrechts, einer Weltabrüstung, eines Zusammenarbeitens der Völker hervorgeht. Das typische Beispiel für einen solchen romantischen Imperialisten bildet der Reichstagsabgeordnete Pfarrer Teutsch, der im Juli 1931 (während der Verhandlungen über das Reparationsfeierjahr) in einer großen Festhalleversammlung in Karlsruhe, in welcher er seinen Austritt aus dem „Christlichen Volksdienst“ und den Eintritt in die NSDAP. begründete, die fulminanten Sätze über begeisterte Tausende hinschleuderte:

„Wir Deutsche sind nicht auf der Welt, um auf uns herumtrampeln zu lassen. ‑ Wenn die andern nicht abrüsten, dann werden wir eben aufrüsten. Das muß jedem ganz klar sein, der sein Volk liebt hat! ‑ Wir sind in diesem Sinne national, weil die ganze Heilige Schrift uns das vorschreibt.“

So sind es gerade die nationalsozialistischen Pfarrer, welche mit einer verdächtigen Leidenschaft immer wieder behaupten, daß das Evangelium mit Abrüstung und Abschaffung des Kriegs nichts zu tun habe. Unaufgelöst bleibt der Widerspruch, daß nach dem 14.9.30 Adolf Hitler in seiner Auseinandersetzung mit Gustave Hervé und die Reichstagsfraktion in ihrer Stellungnahme zum kommunistischen Antrag auf Einstellung der Reparationen den „privatrechtlichen Charakter der Schuldverpflichtungen“ anerkannten, aber nach außen hin in der gewissenlosesten Weise gegen die „marxistische Erfüllungspolitik“ hetzen.

Ist es nicht eine der Öffentlichkeitsaufgaben der Kirche, um der Wahrheit willen sich gegen diese unerträgliche Unwahrhaftigkeit der NSDAP. zu wenden? Soweit ich sehe, ist dies von den bürgerlichen Kirchenführern noch nie versucht worden. Man wendet sich in allgemeiner Form gegen die Anwendung von Gewalt und Terror im politischen Kampf (z. B. in der Thüringer Entschließung gegen die Verwilderung des öffentlichen Meinungskampfes). Aber, gehört nicht gerade das auch zur Funktion der „Kirche als Weckerin des öffentlichen Gewissens“, daß die Kirchenführer, die doch durch wissenschaftlich gebildete Spezialisten in den kirchlichen Sozialämtern und durch das Tatsachenmaterial des internationalen Instituts in Genf genügend über die Wirklichkeit der Wirtschaft orientiert sein sollten, sich gegen diesen gefährlichen Romantismus wenden? Liegt hier nicht eine viel gefährlichere Versündigung gegen den Geist der Wahrheit vor, zumal wenn der Romantismus aus Machtinteressen künstlich genährt wird, als in aller atheistischen Propaganda der Gottlosenverbände?

Auch in der sehr klugen Erklärung des mecklenburgischen Landesbischofs D. Dr. Rendtorff wird diese Aufgabe der Kirche gar nicht gesehen:

„Die Kirche würdigt die nationalsozialistische Bewegung, warnt vor Vergötzung von Volk und Rasse, mahnt, daß die soziale Forderung des Brudergedankens bis zur Tiefe durchgeführt wird, wo sie zum Angriff auf die innerste Haltung des Menschen wird, und begrüßt schließlich in der nationalsozialistischen Bewegung dankbar das große Wollen.“

Man muß eben bedenken, welche Hoffnungen der „deutsch‑evangelische Protestantismus“ auf die Machtergreifung der Nationalsozialisten für die Wiedergewinnung protestantischer Vormacht in Deutschland setzt. Uns religiösen Sozialisten scheint dieser „deutsch‑evangelische Protestantismus“ um das Linsengericht äußerer Macht willen das geistige Erstgeburtsrecht zu verkaufen. Er wird in einer nationalsozialistischen Diktatur noch rettungsloser als die alte evangelische Staatskirche in die Abhängigkeit vom absoluten Staat kommen. Sein Versuch, einen Rückversicherungsvertrag auf Gegenseitigkeit mit dem Faschismus zu schließen, wird dazu führen, daß nach einer etwaigen Epoche nationalsozialistischer Diktatur bei dem notwendig kommenden sozialistisch‑kommunistischen Gegenstoß nur ein unabwendbares russisches Schicksal die deutschen evangelischen Kirchen treffen muß! Von einem nationalsozialistisch umgeprägten Christentum ist in eine sozialistische Gesellschaft schlechterdings keine Brücke zu schlagen! Die Kontinuität kirchlicher Entwicklung ist dann im Protestantismus abgebrochen. Ganz neu, so arm und so reich wie zu der Apostel Zeiten, muß dann Christi Botschaft vom Reich Gottes in der Sprache und Form jener kommenden sozialistischen Ordnung verkündigt werden, nachdem das Blut vieler unschuldiger Märtyrer über die gekommen ist, welche heute in dieser weltgeschichtlichen Auseinandersetzung zwischen Faschismus und Sozialismus nicht erkennen wollen, was der von ihnen geführten Kirche Christi zum Frieden dient.

„Es kommt uns manchmal vor, als ob die heutigen verantwortlichen Führer der Kirche von einer furchtbaren Macht direkt verstockt gemacht worden sind, daß sie nicht sehen können, was ihre Aufgabe ist“ (Eckert in seiner Rede vor dem Dienstgericht am 12.6.31).

Man begreife doch einmal in den kirchlichen Kreisen, die gegen uns religiöse Sozialisten für den Nationalsozialismus Stellung nehmen, daß wir nicht als Parteileute der SPD., sondern als evangelische Christen und Theologen mit solcher Schärfe unsre warnende Stimme erheben, weil wir den Gesichten einer dunkeln Zukunft, einer großen Not für die evangelische Kirche nicht wehren können, die uns bedrängen. Und unsre Ahnungen werden Wirklichkeit werden müssen, wenn man unsre Stimmen nicht hört!

Das offizielle nationalsozialistische „Christentum“, welches jenen wirtschaftlichen und politischen Ideologien entspricht, diesen „religiösen Überbau“ über jene faschistischen, kapitalistischen und imperialistischen Aspirationen lernt man heute nicht so sehr kennen bei den zitierten harmlosen nationalsozialistischen Theologen, sondern man findet es bei den nationalsozialistischen Politikern. Dort erfährt man, was für einen Inhalt das positive Christentum hat, auf dessen Boden nach Punkt 24 des Programmes die NSDAP. steht.

„Positiv wird unsre Einstellung zum Christentum vielleicht am besten umschrieben durch die von Minister Dr. Frick empfohlenen Schulgebete“ (Das Programm der NSDAP. S. 17f.). Z.B.:

„Vater, in deiner allmächtigen Hand
Steht unser Volk und Vaterland.
Du warst der Ahnen Stärke und Ehr,
Bist unsre ständige Waffe und Wehr.
Drum mach uns frei von Betrug und Verrat,
Mach uns stark zu befreiender Tat,
Gib uns des Heilands heldischen Mut,
Ehre und Freiheit sei höchstes Gut.
Unser Gelübde und Losung stets sei:
Deutschland erwache! Herr, mach uns frei!“

Dies hier von Politikern offiziell gemachte Glaubensbekenntnis paßt doch herrlich zu jenem deutsch‑evangelischen Christentum, über welches Karl Barth in seiner Rede „Die Not der evangelischen Kirche“ („Zwischen den Zeiten“ 1931, Heft 2, S. 115) schreibt:

„Was soll man davon denken, daß die Assoziation und der Bindestrich zwischen Christentum und Volkstum, evangelisch und deutsch, nachgerade in der Weise in den eisernen Bestand der mündlichen und gedruckten Rede unsrer Kirche aufgenommen worden ist, daß man sagen muß: das, dieser Bindestrich, ist heute das eigentliche Kriterium der kirchlichen Orthodoxie geworden.... Wehe dem, der hier, in Sachen dieses in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfundenen Bindestrichs, von der allgemeinen Linie abweicht.... Wäre es nicht besser..., überhaupt vieles nicht zu tun, wenn es ohne diese unmögliche Rolle Jesu Christi neben den vaterländischen Gefühlen dabei nicht abgehen kann? Meint man denn auch nur dem Vaterland durch solche Kombinationen einen Dienst zu tun? Meint man wirklich, es gebe irgendeine nationale Not und Hoffnung, die die Kirche berechtigt, in dieser Weise fremdes Feuer auf den Altar zu bringen? Sollte nicht schließlich auch und gerade einem ernsthaft nationalen Denken die Erwägung möglich und notwendig sein, daß das, was das deutsche Volk heute nötig hat, die Existenz einer evangelischen und gerade nicht einer deutsch­evangelischen Kirche ist?“

Sicherlich befindet sich Gottfried Feder im Programm S. 62 auf der Linie der Kontinuität deutsch­evangelischen Christentums, wenn er orakelt:

„Alle Fragen, Hoffnungen und Wünsche, ob das deutsche Volk dereinst einmal eine neue Form finden wird für seine Gotteskenntnis und sein Gottesleben, gehören nicht hierher, das sind Dinge von säkularer Bedeutung, die auch über den Rahmen eines so grundstürzenden Programms, wie es der Nationalsozialismus verkündet, weit hinausgehen.“

Interessant ist die Koordinierung der Religion mit den drei andern Grundprinzipien nationalsozialistischer Erziehung in folgendem Zitat aus der nationalsozialistischen Lehrerzeitung:

„Wir erblickten in den Begriffen Rasse, Wehr, Führer und Religion die Elemente eines gesunden organischen Volkswachstums und die Grundlagen, die ein Volk auf die Höhen der Menschheit führen; sie müssen auch die Fundamente der Erziehung sein.“

Adolf Hitlers persönliche Stellungnahme zum Religionsproblem habe ich schon oben berührt. In „Mein Kampf I“ streift er es an verschiedenen Stellen, z. B. S. 121 und 382. Er wehrt jene Wodanskultschwärmer strikte ab und bekennt sich zu einem positiven, in fester kirchlicher und dogmatischer Form vor Verflüchtigung geschützten Christentum. Wer von Hitler nach jenen Apotheosen, die ihn als „gottgesandt“ verherrlichen und mit Christus vergleichen, ein lebendiges, persönliches, religiöses Bekenntnis erwartet haben sollte, muß sehr enttäuscht werden. Aber man lernt bei ihm verstehen, welchen Sinn im Erziehungsprogramm jene Koordination der Religion hat. ‑ Die Religion, das „positive Christentum“ hat den Wert des stärksten autoritären Erziehungsfaktors im Staat; sie muß deshalb dem Volk erhalten bleiben.

„Der Angriff gegen die Dogmen an sich gleicht sehr stark dem Kampf gegen die allgemeinen gesetzlichen Grundlagen des Staates, und so wie dieser sein Ende in einer vollständigen staatlichen Anarchie finden würde, so der andre in einem wertlosen religiösen Nihilismus.“

Es würde also zweifellos die Staatsmacht im Dritten Reich auch bei Ketzergerichten zur Verfügung stehen und einer kirchlichen Bannbulle die staatliche Achterklärung folgen lassen! Insofern ist allerdings ein gewisser Parallelismus mit Luther, der die Hinrichtung von Schwarmgeistern durch die staatliche Obrigkeit forderte.

Will man also ‑ und darauf kommt es an ‑ den Begriff „positives Christentum“ klären, dann gehe man nicht zu einem nationalsozialistischen Pfarrer theologisch positiver Richtung. Dort wird mit den Begriffen gespielt, wofür vielleicht folgender Nachruf des Vertreters des nationalsozialistischen badischen Pfarrerbunds am Grab eines Demonstrationsopfers charakteristisch ist (Pfarrer Kramer (Meißenheim) in Lahr am 29.5.31):

„Mit tiefbewegtem Herzen stehe ich hier, um des teuren Opfers unsrer Bewegung liebend und trauernd zu gedenken. Angesichts des furchtbaren Geschehens rufe ich über das offene Grab des treuen und furchtlosen Kämpfers das Wort des Glaubens und der Hoffnung:“Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein?“ Die Sache der NSDAP. ist bis zur Stunde noch eine Sache des Glaubens und der Hoffnung. Und es müssen Opfer um Opfer dafür gebracht werden.... Als Christen liegt uns der Opfergedanke überhaupt nicht ferne. Vom Boden des positiven Christentums aus, auf den unsre Bewegung bewußt sich stellt, sehen wir auf zu dem größten und heiligsten Opfer, das auf dieser Welt geschah am Kreuz auf Golgatha.... Und wir meinen, das ist nicht unterchristlicher Geist oder neues Heidentum, wie man von unsrer Bewegung so oft und gern zu sagen pflegt, sondern das ist heiße Liebe zum Vaterland und gläubiges Hoffen auf den geoffenbarten Christengott....“

Der Begriff „positives Christentum“ wird ganz eindeutig bestimmt in Alfred Rosenbergs grundlegendem Werk „Der Mythos (sic!) des zwanzigsten Jahrhunderts“ (München 1930). Dort ist ihm das „negative Christentum“ gegenübergestellt. Dies ist die Bastardisierung des Christentums dadurch, daß seine Verkünder ihr arisches Blut, dessen Träger auch Jesus war, nicht rein erhalten, sondern sich mit asiatisch‑syrischem (jüdischem) in Asien, etruskisch‑pelasgischem in Italien, sonstigem niederrassischem in den germanischen Ländern vermischt haben. „Negativ“ sind der ganze alttestamentliche Prophetismus, die Messiasidee des N. T., Kreuz und Auferstehung des Christus, die Lehre von der Rechtfertigung aus dem Glauben, von der Sündenerlösung durch Gnade, alle christlichen Liebesforderungen, alle Geltung der Demut, der allgemeinen Menschenliebe. Vor allem der Jude Paulus ist verantwortlich für dies negative Christentum; der Papst ist der Medizinmann, der mit der Magie der Sakramente, mit erfundenen Dogmen die allzu menschlichen Ängste und hysterischen Anlagen züchtete, alle freien und starken Charaktere mit der Inquisition zerbrach und schließlich durch den Jesuitismus dieser Medizinmannphilosophie im Vatikanischen Konzil den Schlußstein durch die Unfehlbarkeitserklärung schaffen ließ. Luther findet aber ebensowenig Anerkennung, denn er hat das A. T. und den Paulinismus anerkannt, er konnte von freier Vernunft nicht mehr reden, sondern pochte auf den Buchstaben. ‑ Dieses negative Christentum findet seine Gipfelung in dem Begriff der Caritas, des „kirchlich-christlichen Mitleids“:

„Aus dem Zwangsglaubenssatz der schrankenlosen Liebe und der Gleichheit alles Menschlichen vor Gott einerseits, der Lehre vom demokratischen, rasselosen und von keinem national‑verwurzelten Ehrgedanken getragenen „Menschenrecht“ andererseits hat sich die europäische Gesellschaft geradezu als Hüterin des Minderwertigen, Kranken, Verkrüppelten, Verbrecherischen und Verfaulten „entwickelt“. Die „Liebe“ plus „Humanität“ ist zu einer, alle Lebensgebote und Lebensformen eines Volkes und Staates zersetzenden Lehre geworden....“ (S. 163). ‑ „Die Religion Jesu war zweifellos die Predigt der Liebe. Alle Religiosität ist tatsächlich auch vornehmlich eine seelische Erregung, die der Liebe zum mindesten immer nahe verwandt sein wird. Niemand wird dies Gefühl mißachten; es schafft das seelische Fluidum von Mensch zu Mensch. Aber eine deutsch‑religiöse Bewegung, die sich zu einer Volkskirche entwickeln möchte, wird erklären müssen, daß das Ideal der Nächstenliebe der Idee der Nationalehre unbedingt zu unterstellen ist; daß keine Tat von einer deutschen Kirche gutgeheißen werden darf, welche nicht in erster Linie der Sicherung des Volkstums dient“ (S. 570).

Darum gilt als positives Christentum alles Heidnische und Ehrenhafte! Der Mensch steht nicht demütig vor Gott, sondern er hat Gott in sich, er ist gottähnlich, ja Gott gleich! Darum wird Meister Ekkehart von Rosenberg als der „Apostel der Deutschen“ proklamiert, dessen „Gott in der Seele“ und „Himmelreich in uns“ dem genuinen Jesus am meisten entsprochen haben soll:

„Sich dem Bösen nicht zu widersetzen, die linke Backe hinzuhalten, wenn die rechte geschlagen wird usw., sind feministische Zuspitzungen..., umfälschende Zusätze anderer Menschen. Jesu ganzes Dasein war ein feuriges Sich‑Widersetzen. Dafür mußte er sterben“ (S. 569).... „Aus dem Schutt (des heutigen Kulturzusammenbruchs) erheben sich heute Mächte, die begraben schienen, und ergreifen immer bewußter Besitz von allen, die um ein neues Lebens‑ und Zeitgefühl ringen. Die nordische Seele beginnt von ihrem Zentrum ‑ dem Ehrbewußtsein ‑ heraus wieder zu wirken. Und sie wirkt geheimnisvoll, ähnlich wie zu der Zeit, als sie Odin schuf, als einst Otto des Großen Hand spürbar wurde, als sie Meister Ekkehart gebar, als Bach in Tönen dichtete und Friedrich der Einzige über die Erde schritt. Eine neue Zeit deutscher Mystik ist angebrochen, der Mythus des Blutes und der Mythus der freien Seele erwachen zu neuem bewußtem Leben“ (S. 204).

Im Zentrum des nationalsozialistischen Denkens über Religion steht also der nordische heldische Mensch, dessen sittliche Grundbegriffe Ehre, Freiheit, Pflicht aus der Seele seiner Rasse emporsteigen und den deutschen Gott schaffen.

„Mit dieser Erkenntnis, daß Europa in allen seinen Erzeugnissen schöpferisch gemacht worden ist allein vom Charakter, ist das Thema sowohl der europäischen Religion als auch der germanischen Wissenschaft, aber auch der nordischen Kunst aufgedeckt. Sich dieser Tatsache innerlich bewußt zu werden, sie mit der ganzen Glut eines heroischen Herzens zu erleben, heißt die Voraussetzung jeglicher Wiedergeburt schaffen“ (S. 112).

Die kirchlich‑positiven Theologen sollten wohl bei so viel Widersprüchen gegen ihr positives Dogma einige Zweifel darüber verspüren, ob ihr Begriff von positivem Christentum mit dem der Nationalsozialisten sich deckt. Man beachte bei all den Ausreden, Rosenbergs Buch sei eine Privatarbeit, daß er der Hauptschriftleiter des „Völkischen Beobachters“ ist und wirklich konsequent auf den oben dargestellten wirtschaftlichen und politischen Fundamenten den Tempel nationalsozialistischer Religion aufgebaut hat. Das ist die gleichzeitig mystische wie rationalistische Herrenreligion des nordischen Aristokraten und Welteroberers, der sich seinen Gott selbst schafft. Hitler müßte, um einen Ausgleich zwischen Rosenberg und seiner Religionsansicht zu schaffen, nun eigentlich eine zwiefache Religion im Dritten Reich statuieren: eine dogmenlose für die Führer (Rosenberg lehnt alle Dogmen und Wunder ab) und eine dogmengebundene für die breite Masse! ‑ Bei Rosenberg liegt über dem Verhältnis von Blut und Geist das Dunkel der Mystik. Kleinere Geister als er sinken gerade in den blanken Materialismus zurück, den sie bei den „Marxisten“ so hochmütig bekämpfen. Ein Beispiel dafür ist das Buch „Jesus der Arier ‑ ein Heldenleben“ von Hans Hauptmann (Deutscher Volksverlag Dr. E. Boepple, München):

„Jesus war Arier, nordischer Mensch... tiefer und heißer durchglüht als alle vom arischen Gottwissen, vom Heldengeiste arischen Blutes. Eine Kampfnatur... Ihm ist es zur Gewißheit geworden, daß allein der arische Mensch gottgeschaffen nach dem Ebenbild des Vaters sei, allein der berechtigte Herr der Erde nach dem Willen des Schöpfers!... Mit der Sünde wider den Heiligen Geist, die nicht vergeben werden kann, kann Jesus keine andre als diese Blutsünde gemeint haben: die fluchtbeladene Selbsterniedrigung der Hochrasse durch die Vermischung mit Niederrassigen...“ (S. 6, 7).

Ohne alle „Wunder“ wird ein romantisch‑kitschiges Lebensbild Jesu gegeben, von welchem noch ein Stück aus der Bergpredigt zitiert sein mag, welches die Überschrift trägt: „Der Hochtag“ (S. 107 ff.):

„Fünfzig essäische Jünglinge gingen auf dem Weg zur Schule vor Jesu und seinen Jüngern her, fünfzig folgten ihnen. Ihnen zu Ehren hatte Jesus die weiße Stirnbinde mit dem goldenen Hakenkreuz und ein weißes Linnenkleid angelegt....

So bin ich denn müde geworden, in Gleichnissen zu euch zu reden, und will euch fortan rütteln mit rauher Hand. Ich habe zu euch gesagt: Meinet ihr, daß ich gekommen sei, Frieden zu bringen auf Erden? Ich sage: Nein! sondern Zwietracht! Und ein andermal: Wähnet nicht, daß ich den Frieden zu bringen gekommen sei, sondern das Schwert! Und ich habe ein drittes Mal zu euch gesprochen: Ich bin gekommen, daß ich ein Feuer anzünde auf Erden; was wollte ich lieber, denn es brennete schon!

Die Zwietracht, von der ich sagte, bedeutet, daß die Gottessöhne, wo immer sie wohnen, einen Wall um sich aufwerfen müssen gegen die Niederrassigen und Mischlinge, die Kinder des Teufels! Das Schwert, von dem ich sagte, bedeutet, daß die Gottessöhne nur zur Vernichtung der Niederrassigen und Mischlinge, der Kinder des Teufels, über diesen Wall herausbrechen dürfen! Das Feuer, von dem ich sagte, ist der Tag des Gerichts, der leuchten wird und muß über dem Sieg der Gottessöhne und über dem Untergang der Niederrassigen und Mischlinge, der Kinder des Teufels! Wahrlich, ich rate euch: tut an das Kleid der Keuschheit, damit ihr euch auf die artreine Liebe zu edelgeborenen Frauen unseres Stammes beschränket!“

Difficile est, satyram non scribere, wenn man die Ausdeutung des Unser‑Vater‑Gebets, des Abendmahls, der Abschiedsreden, des Todes Jesu aus dem Geist dieser arischen Blutreligion liest! ‑ Ist dies nun das positive Christentum der Nationalsozialisten?

Da ist doch jener Aufsatz „Der Faschismus als Wille zur Weltherrschaft und das Christentum“ von J. Evola in „Critica Fascistica“ Rom vom 15.12.27 weit ehrlicher, der in der „Eiche“ II, 1928 abgedruckt ist: Er lehnt das Christentum als Grundlage des faschistischen Staates glatt ab! Zwar mußte angesichts der damaligen Verhandlungen zwischen Mussolini und dem Vatikan die Critica Fascistica in der nächsten Nummer von dem Verfasser abrücken und erklären, der Artikel sei eine einzige Ketzerei; aber sicherlich ist die Tatsache, daß jener Artikel gerade die Wahrheit über das Wesen der faschistischen Staatsreligion enthält, bedeutsam, damit der Nichtitaliener verstehen kann, warum es trotz jenem Konkordat, das den Katholizismus zur Staatsreligion erklärte, zu immer neuen Spannungen zwischen Papst und Mussolini kommen mußte.

„Das Christentum ist in der Tat der tiefste Grund aller jener heutigen Formen sozialer Degeneration, gegen die der Faschismus sich als Gegenbewegung erhoben hat. Nein sagen zu einer kommunistischen, humanitären, gleichmachenden Ideologie heißt Nein sagen zu allem, worin man heutzutage den Geist des Urchristentums zusammenfassen kann. Hier hat der Faschismus nicht nötig zu wählen. Er hat schon gewählt.

Unser Gott kann nur der aristokratische Römer sein, der Gott der Patrizier, zu dem man stehend und erhobenen Hauptes betet und den man an der Spitze der siegreichen Legionen trägt, ‑ nicht der Schutzpatron der Verzweifelten und Betrübten, den man zu Füßen des Kruzifixes anfleht, in der vollständigen Auflösung der eigenen Seele.

Unser Ideal kann nicht der Gott‑Mensch sein, der Gott, der liebt und leidet, das gerechtfertigte Sühneopfer auf dem Schreckenshintergrund der Apokalypse, der Gehennas, der Prädestinationen ‑ sondern der siegreiche Mensch‑Gott, der Held der hellenischen Mythen, Mithras, der Besieger der Sonne und des 'Stiers', Siva, der schreckliche, tanzende Gott, die leuchtenden, mächtigen, kosmischen Wesen, gereinigt von Leidenschaft, erloschen für Sehnsucht und Gier, geweiht durch Mysterien.

So sagen wir, daß, wenn der Faschismus Wille zur Weltherrschaft ist, er, zur heidnischen Tradition und Geistigkeit zurückkehrend, wirklich er selber sein wird und dann wirklich in jener Seele brennen, die ihm heute noch fehlt und die kein christlicher Glaube ihm jemals geben kann.“

In einem solchen Bekenntnis ist die Mystik überwunden. Da ist dem Pfarrer auch wieder eine klare Aufgabe gestellt:

„Er muß der Rasse und dem Volkstum zu gesunder Entwicklung verhelfen. Er muß, sagt Ziegler, Kampfgeist und völkischen Willen besitzen, muß als Kanzelredner nationalen Instinkt und historischen Sinn wecken, insbesondere die germanische Vorzeit veranschaulichen. Je weniger er durch christliche Vorurteile wie Nächstenliebe, Friedfertigkeit, Demut gehemmt ist, desto besser ‑ muß man schließen ‑ ist er geeignet. Für die knechtischen jüdisch‑christlichen Werte blüht ihm reicher Ersatz in den völkischen, in systematischer vaterländischer Jugenderziehung“ (Friedrich Franz von Unruh in der „Frankfurter Zeitung“ vom 23.2.31).

Hat nach dieser Darstellung, die es sich versagt, auf alle die traurigen Erscheinungen des nationalsozialistischen Tageskampfes einzugehen, nicht jener Aufruf der religiös‑sozialistischen Internationale recht, wenn er sagt:

„Man darf sich nicht durch den christlichen Schein der Bewegung über ihren wahren Charakter täuschen lassen. Abgesehen davon, daß das christliche Bekenntnis in ihrem Munde zugestandenermaßen oft bloß wieder Demagogie ist, also schlimmster Mißbrauch des Heiligen zu fremden Zwecken, so liegt doch offen zutage, daß sie das Kreuz Christi unter der Hand in das Hakenkreuz verwandelt, also das Sinnbild der vergebenden und rettenden Liebe Gottes für alle in das Zeichen selbstgerechter und hochmütiger Ausschließlichkeit, ja sogar des Hasses und der Gewalt. Ist das nicht die schlimmste Lästerung des Kreuzes, die man sich denken kann?

Ihr Vertreter der Sache Christi: Solltet ihr das nicht sehen? Solltet ihr nicht die ungeheure Gefahr für die Sache Christi sehen, die in dieser Verwechslung liegt? Wenn der Gewaltgedanke, der mit diesem Götzendienst des Nationalismus aufs engste verbunden ist, mit einer noch nie dagewesenen Frechheit sein Credo in die Welt schreit, wer wäre so abgestumpft, um ihn nicht als frivole Gottlosigkeit zu empfinden? Und der zäsarische Despotismus, der den Staat zum Gotte macht, der nichts neben sich gelten läßt, der keine Regung des selbständigen Gewissens duldet und seine Gegner mit Gewalt und Mord unterdrückt, wie kann er neben dem Anspruch auf die Freiheit eines Christenmenschen, die das Palladium des Protestantismus, und neben dem Anspruch auf die Herrschaft Christi über alles Leben bestehen, die der Sinn des Katholizismus ist?“

Die religiös‑sozialistische Bewegung, die so das Gewissen der christlichen Kirchen zu einer klaren Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus aufruft, ist keine Bindestrichbewegung im Sinn meiner obigen Kritik am deutsch‑evangelischen Christentum! Sie hat nie Reich Gottes und Sozialismus verwechselt, sie trägt die Erkenntnis der dialektischen Theologie von der Autonomie Gottes in sich. Ihr Glaube ist auf Gott und sein Reich gerichtet. Gerade darum sieht sie mit Blumhardt den jetzigen Augenblick der schweren Erschütterung des Weltkapitalismus, des Versagens aller Gewalt‑ und Kriegsideologie, des Willens aller unterdrückten Klassen und Völker zu einer Ordnung des Friedens und der Gerechtigkeit ‑ als einen Augenblick an, wo im Weltgericht auch Welterlösung ‑ von Gott her! ‑ geschieht. Die frohe Botschaft vom Reich Gottes ergeht heute, nicht wie bei der Reformation des 16. Jahrhunderts zunächst an die Einzelseele, sondern an die großen Menschheitszusammenhänge, sie ist nicht mehr individuell, sondern kollektiv und gerade deshalb in viel eminenterem Sinn auch an die in ihrem Wert unermeßliche Einzelpersönlichkeit gerichtet. Wie ein Spuk, ja wie eine dämonische Personifizierung des Antichrists erscheint demgegenüber jenes arische Blutchristentum, dämonischer als der zynische Atheismus der Besboschniki! Im Kampf gegen diese Mächte glauben die religiösen Sozialisten die Aufgabe zu erfüllen, welche der Kirche Christi heute gestellt ist. Es mag dem herrschenden deutsch‑evangelischen Kirchentum als eine Anmaßung erscheinen, wenn die zahlenmäßig noch kleine religiös‑sozialistische Bewegung es für sich in Anspruch nimmt, daß sie allein die Sache Christi in der Kirche verteidigt. Die Entscheidung hat der Herr der Geschichte, Gott, in der Hand. Sein Urteil lautete regelmäßig anders als das der Kirchengerichte. Für die religiösen Sozialisten liegt die Situation etwa so: Rettet sich aus der jetzigen Kirche noch einmal die demokratische Republik, dann wird der Nationalsozialismus in gemäßigter Form die Ideologie einer breiten bürgerlichen Rechten werden und wird die evangelische Kirche als die festeste Säule seiner Ideologie beanspruchen; dann muß der Kampf der religiösen Sozialisten in der Kirche geführt werden. Geht die Republik unter, und erhebt sich gegen die Verzweiflungskämpfe des Proletariats die nationalsozialistische Diktatur, dann wird aus der hiervon abhängigen faschistischen Staatskirche das marxistische Proletariat entfliehen; die religiös‑sozialistische Bewegung wird dann in der Kirche durch die Maßnahmen der weltlich‑geistlichen Obrigkeit schnell erledigt sein und außerhalb der Kirche als eine der Form nach profanisierte Bewegung ohne Sektencharakter für die Sache Christi in der marxistischen Gesamtbewegung einzustehen haben. Erwächst ‑ was notwendig ist ‑ aus dem Kampf gegen die kapitalistische Reaktion die sozialistische Revolution, dann ist das Schicksal der „deutsch‑evangelischen“ Kirche besiegelt. Dann wird jener religiöse und kirchliche Neuanfang geschehen müssen wie im heutigen Rußland. Aber gleichzeitig wird auch in den andern Kontinenten der Erde die Umgestaltung der Produktionsverhältnisse nach dem Grundsatz der Gerechtigkeit sich durchsetzen, und damit wird jene neue Welt emporsteigen, in welcher das „ganze“ Evangelium Jesu vom Reich Gottes eher lebendig und eine christliche Kirche eher zum Gewissen der Welt werden kann als in der vom Nationalsozialismus heute noch einmal gestützten Welt des Kapitalismus und Imperialismus.

In: Friedrich-Martin Balzer/Gert Wendelborn: „Wir sind keine stummen Hunde“. Jesaja 56, 11. Heinz Kappes (1893-1988). Christ und Sozialist in der Weimarer Republik. Bonn 1994, S. 183-197

   

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Ludwig Simon (1905-1995) Download als PDF
   
 

Religiös-sozialistische Predigt im Konzentrationslager Heuberg am 21. März 1933.

Die Umstände, unter denen der religiös-sozialistische Pfarrer Ludwig Simon (*1905) am 21. März 1933 seine Predigt im neueröffneten KZ auf dem Heuberg hielt, bedürfen der näheren Beschreibung, um die Dramatik der Situation zu verdeutlichen: Der Pressebericht trägt die Überschrift: “Im Lager Heuberg - Feldgottesdienst der Reichswehr und der SA. Das Konzentrationslager für Schutzhäftlinge.“ Angetreten waren die im Lager Heuberg stationierten Bataillone sowie die SA-Stürme des Schwarzwaldkreises und der SA-Sturm Stetten, “denen die Bewachung des großen Konzentrationslagers für politische Schutzhäftlinge obliegt“. “Auch ein Kommando Schutzpolizei und eine Sigmaringer Stahlhelmgruppe war unter den langen grauen und braunen Reihen zu bemerken, die den Feldaltar auf dem Lagersportplatz umsäumten.“ Von Stetten selbst hatten sich verschiedene Vereine und die Feuerwehr eingefunden, und aus der Umgebung wollte eine große Anzahl von Gästen den “Nationalfeiertag“ zusammen mit der Reichswehr und der SA begehen. Der Lokalberichterstatter fährt fort: „Im Kontrast zu diesem feierlichen Bild, über dem die schwarz-weiß-rote Reichskriegsflagge stolz im Winde wehte, standen die großen Transporte von Schutzhäftlinge, die just um diese Zeit aus allen Gegenden Württembergs auf mehreren Omnibussen eintrafen, und die teilweise verdrossen, teilweise gleichgültigen Gesichter der Kommunisten, die aus den Türen der Wohnbaracken lugten.“ “Für das Publikum ist das Sammellager gesperrt. Nur anläßlich des Feldgottesdienstes [...] war Gelegenheit, die Gefangenen zu beobachten.“ “Der Bataillonskommandeur und Lagerälteste hielt eine “markige“ Ansprache und führte u.a. aus: “Unter der wiedererstandenen Flagge Schwarzweißrot sind heute die vom Volke gewählten Führer der Nation in Potsdam zusammengetreten. Für uns Soldaten hat diese Stunde eine besondere Bedeutung als ein Ausdruck der nationalen Einigung des ganzen deutschen Volkes. In dieser Weihestunde wollen wir uns, getreu unserem hohen Vorbild, dem Herrn Feldmarschall und Reichspräsidenten von Hindenburg, erneut geloben, unsere Pflicht bis zum äußerten zu tun und rastlos mitzuarbeiten am Wiederaufbau des deutschen Vaterlandes.“ Ein dreimaliges begeistertes Hurra bekräftigte dieses Gelöbnis. Nach einem “schneidigen“ Vorbeimarsch belebten weitere Transporte von “Schutzhäftlingen“ das Lagerbild von neuem. Bis Dienstag waren gegen 400 Häftlinge eingetroffen. Eingerichtet war das Konzentrationslager zunächst für etwa 900 Mann. Feldgottesdienste dieser Art gab es am 21. März 1933 Tausende. Die Predigten, die bei diesem Anlaß gehalten wurden, paßten durchweg in das geschilderte Bild.

Die Predigt, die der 28jährige religiös-sozialistische Pfarrer Ludwig Simon an diesem Tag im Konzentrationslager Heuberg gehalten hat, ist dagegen anders. Die Reaktion der Badischen Landeskirche auf diese Predigt war, dass sie ihn aus Furcht vor SA-Protesten wenige Tage später „zu seinem Schutz“ in ein kleines abgelegenes Dorf im südlichsten Winkel der Landeskirche versetzte – anstatt sich die Botschaft des Evangeliums, vorgetragen durch ihren Pfarrer Ludwig Simon, zueigen zu machen.

Brüder und Kameraden! In dieser Stunde steht die gesamte deutsche Wehrmacht, stehen Millionen deutscher Männer und Frauen unter dem Zeichen des Kreuzes versammelt, um in einem Feldgottesdienst den Segen des Himmels für ihr Vaterland und den heute zusammengetretenen Reichstag zu erleben. Auch wir reihen uns diesen Millionen an und sammeln uns anbetend im Aufblick zum Kreuz unter das Wort der Heiligen Schrift: „Das Lamm, das erwürget ist, ist würdig zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis.“ Gott und unserem Erlöser die Ehre, das muß der Grundton sein, der sich durch unsere Feier hindurchzieht, wenn sein Segen auf unserem Vaterlande ruhen soll. Gott! Jesus Christus! Wissen wir, was wir mit diesem Namen aussprechen? Wo ist Gott? Nur im Leben und in der Wirklichkeit ist er da, als der Herr all unseren Tuns und Lassens - oder ist er nicht da. Gott aber ist Liebe. Nur wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. Er sagt uns: Wer seinen Bruder haßt, der ist ein Totschläger. Darum - wo Haß ist, Haß von Mensch zu Mensch oder Haß von Volk zu Volk - da ist Gott nicht, und wenn sein Name immerfort auf aller Munde wäre! Wir müssen uns heute von dem Propheten warnen lassen, der einst seinem Volke zurief: So spricht der Herr: Dies Volk ehrt mich mit seinen Lippen, aber ihr Herz ist ferne von mir. Gott ist Wahrheit - wo Lüge ist, da ist Gott fern. Gott ist Gerechtigkeit - wo Unrecht und Gewalttat herrscht, da ist Gott nicht, auch wenn ihm Gottesdienste ohne Zahl veranstaltet werden. Gott ist Gnade und Barmherzigkeit. Wo Unbarmherzigkeit und Brutalität ist - da ist Gott nicht, auch wenn man stets von ihm reden würde. Gott ist nur da, wo sein Wille geschieht auf Erden wie im Himmel. Wo sein Name geehrt wird, da ist sein Segen.

Darum ist dieser heutige Tag für die deutsche Nation ein so furchtbarer Schicksalstag, weil der Name Gottes all überall in den deutschen Ländern heute angerufen wird. Wird Gott und unser Heiland nun auch Herr in Deutschland sein? Wird seine Herrschaft der Liebe und Wahrheit und Gerechtigkeit anbrechen - oder ist es umsonst, daß wir seinen Namen anrufen? Dann müßte unserem Volk das Wort gelten: Gott der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen mißbraucht. Gericht oder Gnade? Was bedeutet dieser heutige Tag? Die Entscheidung darüber liegt nicht nur bei den Männern, die an der Spitze unseres Volkes stehen, sie liegt auch in der Hand eines jeden Volksgliedes bis zu dem geringsten.

Gebe der Allmächtige, daß wir uns alle dieser Entscheidung bewußt wären. Der Erlöser und Heiland, zu dessen Kreuz wir aufblicken, muß in unseren Herzen seine Herrschaft antreten, wenn wir wollen, daß er in unserem Volke wirklich zur Macht kommen soll.

Beugt euch unter dem Kreuz und gebt dem König der Liebe die Ehre. Nur dann kann der Segen auf unserem Vaterland ruhn! Amen.“

Quelle: Friedrich-Martin Balzer: Kirche, Antifaschismus, Arbeiterbewegung: Erwin Eckert, Hans Francke, Ludwig Simon. In: Friedrich-Martin Balzer: Miszellen zur Geschichte des deutschen Protestantismus. „Gegen den Strom“. Marburg 1990, S. 204-205. Die Genehmigung zur Veröffentlichung auf der Website des BRSD liegt durch den Inhaber der Urheberrechte vor. Zu Ludwig Simon siehe auch: Friedrich-Martin Balzer/Gert Wendelborn: „Wir sind keine stummen Hunde“ (Jesaja 56,10). Heinz Kappes (1893-1988). Christ und Sozialist in der Weimarer Republik, Bonn 1994, S. 122-129. Dort sind auch Fotos vom Gottesdienst im KZ abgedruckt.
   

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Emil Fuchs (1874-1971) Download als PDF
   
 

Religiöser Sozialismus.

1. Vorgeschichte

1899 trat Christoph Blumhardt († 1919) zur Sozialdemokratischen Partei über. Mehrere Jahre (bis 1906) wirkte er öffentlich für sie als Redner und württembergischer Landtagsabgeordneter. Er trat zu der Partei über, die das Christentum bekämpfte, von deren maßgebenden Führern man die Worte hörte: „Religion ist das Opium des Volkes“ (Karl Marx), „Christentum und Sozialismus sind wie Feuer und Wasser“ (August Bebel). Blumhardt hatte erkannt, daß die Methoden kapitalistischer Wirtschaftsgestaltung und die aus ihnen sich ergebende Lage der arbeitenden Massen von christlichem Gewissen nicht mehr verantwortet werden können. Er, der sah, daß man entweder die Welt nach Gottes Willen gestalten oder in Gottes Gericht versinken müsse, glaubte zu erkennen, daß in der Sehnsucht der Massen derselbe Ruf vom Kommen des Reiches aufsteigt, wie er in den Evangelien steht. Er blieb allein. Die deutschen Kirchen waren unfähig, seinen kühnen Glauben zu teilen. Die große, weitverbreitete Gemeinde, Christoph Blumhardts hörte seinen Ruf doch nur als den Ruf zu individueller Neueinstellung und Lebensverantwortung. Die geistige Lage in Deutschland ermöglichte es nicht, daß sein Beispiel weiterwirkte. So sehr er in Württemberg Anklang fand - auch bei der Masse der sozialistischen Arbeiter und Führer - sein politisches Wirken blieb eine Episode, die weder im Lager der christlichen Kreise noch im Lager des Sozialismus etwas Entscheidendes änderte.

2. Religiös-Soziale in der Schweiz

Gehört aber wurde sein Ruf in der Schweiz. - Leonhard Ragaz (geb. 28. Juli 1868) und Hermann Kutter (1863-1930), werden von Blumhardts Gedanken ergriffen. Es ist zunächst die leidenschaftliche Gewalt der Schriften Kutters, die vor allem beachtet wird. Seine Schrift: „Sie müssen“ (1904) bewegt die religiös gesinnten Menschen der gesamten christlichen Welt. Die Sozialdemokraten müssen den Kampf gegen diese Gesellschaftsordnung führen, denn Gott fordert, treibt sie dazu, wenn sie es auch nicht wissen. Gott will durch sie eine neue, höhere Ordnung der Gesellschaft schaffen. - Nun gilt es für die Christenheit, diesen Ruf zu hören, den lebendigen Gott zu verstehen, zu verkünden und so mitzuarbeiten, daß neue Verantwortung und aus neuer Verantwortung eine neue Gesellschaft werde. In leidenschaftlichem Zorn greift er das Versagen der Christenheit immer wieder an - in „Gerechtigkeit, ein altes Wort für die moderne Christenheit“ (1905), „Wir Pfarrer“ (1907), „Die Revolution des Christentums“ (1908), ein Zeugnis von der revolutionären Gewalt der Liebe. - Langsam, aber immer deutlicher tritt neben ihm die stille, mächtige Arbeit von Leonhard Ragaz in die Führung der Bewegung. Seitdem er 1908 Professor an der Universität Zürich geworden ist, erzieht er einen Kreis bedeutender und begeisterter Schüler, die seine Gedanken in die kirchliche Organisation tragen. Und gleichzeitig beginnt seine große Wirksamkeit, die weit über die Schweiz hinaus nach Frankreich, Holland, England, Amerika, Skandinavien und Deutschland geht, der Kampf gegen die Dämonen der bestehenden Gesellschaft Kapital und Kapitalanbetung, Profit und Machtgier, Imperialismus. Es ist seine Größe, daß er diese Gewalten zusammen sieht und den Kampf gegen sie, ihre Wirksamkeit in Staat und Kirche, Volksleben und Familie, äußerer und innerer Politik und Wirtschaftsleben führt. Von ihm wird die Notwendigkeit der gesamten geistig-wirtschaftlich-politischen Umstellung der Gesellschaft erkannt. Es ist Blumhardt, in dessen Botschaft ihm das erschlossen wird. Hier wurde ihm klar, daß Jesus Christus nicht eine Lehre, sondern ein Leben in die Welt gebracht hat. Ihm steht im Mittelpunkt der Ruf an alle, die Christen sein wollen, daß in diesem Glauben an das wirklich aus Gott uns ergreifende Leben und diese uns aufgelegte Aufgabe die Christenheit sich erneuere und eine erneuernde Macht der Gesellschaft werde. So geht er zur Sozialdemokratie, um lebendig zu bezeugen, daß er zu denen gehört, in denen die Sehnsucht nach der Erneuerung lebt. So legt er später seine Professur nieder, um auch die Unsicherheit des Lebens mit ihnen zu teilen und nur der Arbeit dieser Erweckung und von der Arbeit dieser Erweckung zu leben. So bildet sich um ihn in der Schweiz die „religiös-soziale Bewegung“. Wichtig ist, daß diese Bewegung auch ins Schweizer Bauerntum übergreift und ein eigenes Programm für den Bauern entwickelt, der wahrhaft Christ sein will und deshalb zu sozialistischen Gedanken kommt.

Zwei Höhepunkte erreicht die Wirksamkeit dieser Bewegung. Mit Ausbruch des Krieges ist Ragaz einer der Führer, von denen aus der Christenheit die klare, deutliche Linie des Kampfes gegen den Geist der Gewalt, den Glauben an die Gewalt gezeigt wird, während er gleichzeitig durch seine Verbindungen nach beiden Lagern hin eine mächtige Arbeit beginnt, dem Haß und der Verständnislosigkeit entgegenzuwirken. Auch Praktisches wird geschaffen. Ragaz und seine Frau, Clara Ragaz, begannen eine persönliche Arbeit, aus der das große Werk entstanden ist, durch das den Angehörigen der Vermissten und Gefangenen von einem Land zum andern über die Schweiz Auskunft zukommen konnte. Zugleich ist er in der Schweiz und darüber hinaus für die Sozialdemokratie einer der Männer, die den Geist internationaler Verpflichtung gegen die aufsteigende „nationale“ Kurzsichtigkeit trugen. Stellt ihn dies den Zimmerwaldern*1) näher, so ist er von diesen radikal geschieden durch die Ablehnung jeder Gewalt. Nach der deutschen Revolution ist er mit seinem Kreis Hauptkämpfer gegen die aufsteigende Macht kommunistischer Gedanken in der Schweiz und gibt mit die Entscheidung dafür, daß diese Bewegung entscheidend zurückgedämmt wird und sozialdemokratische Politik sich durchsetzt. Sein starkes, schroffes Auftreten gegen alles, was dann wieder in der Politik der Schweizer Sozialdemokratie zu sehr Anpassung an bürgerliche Behaglichkeit und Nationalismus scheint, trägt ihm dann wieder von hier Gegnerschaft ein. Seine Zeitschrift „Neue Wege“ (seit 1906) ist dabei das Kampf- und Arbeitsorgan für ihn.

Zweierlei Momente sind für die Bewegung der „Religiös-Sozialen“ nach der deutschen Revolution bedeutsam. Sie greift über nach Deutschland. Dort entsteht die Bewegung der Religiösen Sozialisten. Bald aber beginnt in der Schweiz und in einem Teil der deutschen Bewegung eine Umwandlung der Gesinnung. Einige der persönlichen Schüler von Ragaz verarbeiten die von ihm empfangenen Anregungen und Gedanken unter dem Einfluß eines tiefen Pessimismus, die Krieg und Revolution bewirkten, zu einer eigenen der „dialektischen Theologie“ (Karl Barth und Friedrich Gogarten, Eduard Thurneysen und Emil Brunner). Die Grundgedanken der über Ragaz von Blumhardt kommenden religiösen Botschaft von dem Einbruch Gottes in die Welt, seiner Forderung der Entscheidung von Mensch und Gesellschaft, vom Gericht und von Gnade werden hier theologisch bis in schärfste Konsequenzen durchgearbeitet in der Meinung, daß logische Korrektheit es am sichersten verbürge, daß man der Kraft der Wahrheit und ihrer Forderung nicht ausweiche. Der Erfolg ist eine Abwendung von all der Lebenswirklichkeit, die in Ragaz diese Gedanken trägt und von ihnen getragen wird.

3. Der wissenschaftliche Führerkreis in Deutschland

Anfangs mit diesem Kreise verbunden, dann immer deutlicher ein eigenes Denken entwickelnd, bildet sich der eine deutsche Kreis religiöser Sozialisten. Er ist am deutlichsten gekennzeichnet durch die Namen Karl Mennicke (jetzt Professor der Pädagogik an der Universität Frankfurt), Paul Tillich (Professor der Philosophie, ebenda); auch Günther Dehn (Professor der Theologie in Halle), Eduard Heimann (Volkswirtschaftler an der Universität Hamburg), Emil Blum (Leiter der Heimvolkshochschule Habertshof), Fritz Klatt (Leiter der Heimvolkshochschule Prerow und dazu jetzt Professor an der Pädagogischen Akademie in Altona), Hermann Schafft (Professor an der Pädagogischen Akademie in Kassel), sind hervorragende Führer dieses Kreises. - Er fand zunächst von 1909 ab seinen Mittelpunkt in der Zeitschrift „Blätter für religiösen Sozialismus“ (hrsg. v. K. Mennicke).

In diesem deutschen Kreis tritt das Problem des Marxismus in den Mittelpunkt. Man sieht zunächst einmal die gewaltige Wahrheit der ökonomischen Geschichtsbetrachtung und die mächtige Gewalt der marxistischen Gedankenwelt über die sozialistische Bewegung. Ihr gilt es nun, die Erkenntnisse, die von hier aus sich erschließen, zusammenzusehen mit den Mächten und Erkenntnissen geistiger Art, geistiger Bewegung und Tiefe, mit den Fragen und Gewalten, die im religiösen Leben und kirchlicher Organisation vor uns hingestellt werden und ins Gesellschaftsleben wirken. In den Arbeiten von Paul Tillich gestaltet sich ein umfassender Überblick über die Gesamtheit der wirtschaftlich-geschichtlich-geistig treibenden Kräfte, eine neue Grundlage geistiger Zusammenschau der geschichtlich die Menschheit gestaltenden Mächte. In den Arbeiten von Mennicke wird das politische und kulturell-organisatorisch sich gestaltende Leben der proletarischen Massenbewegung unter diesen Gesichtspunkten des Werdens einer neuen sozialistischen Geistigkeit beobachtet. Eduard Heimann trägt die neuen Gesichtspunkte religiöser Fragestellung in die Durchdringung des Wirtschaftslebens hinein.

Für diese ganze Bewegung und alle ihre Mitarbeiter handelt es sich um eine vertiefte geistige Grundlegung der sozialistischen Bewegung, die aus dem Marxismus über ihn hinaus aufsteigt, neue Tiefen und Macht der religiösen Entscheidung ahnen läßt, scharf kritisch nach beiden Seiten hin, beide zu der in der Gegenwart geforderten Leistung geistig und erkenntnismäßig rüsten will. Nachdem die Blätter für religiösen Sozialismus eingingen, schuf man die Zeitschrift „Neue Blätter für den Sozialismus“ (Alfred Protte Verlag, Potsdam). Sie stellen eine fortlaufende kritische Beleuchtung der gegenwärtigen Geschichte und Aufgaben des Sozialismus aus der Macht religiösen Verantwortungsgefühls dar. Letzteres tritt, wie es den Grundgedanken der Richtung entspricht, nicht in irgendwie formulierten, bewußten Gedanken und Formeln hervor, sondern zeigt sich in der ganzen Art der Beurteilung aller Fragen und Erscheinungen des Gesellschaftslebens. Sie in ihrem wahren Sinn, ihrer ganzen Bedeutung zu erfassen und die Zukunftsaufgabe darin zu sehen, das ist das Erfassen der religiösen Bedeutsamkeit, die in der Wirklichkeit steht, nicht neben oder außerhalb ihrer zu suchen ist oder aus einem andern Bereich des „Religiösen“, „Theologischen“ oder „Kirchlichen“ in die Wirklichkeit hineingetragen oder hineingedeutet werden darf. Aus ihr selbst ist ihre entscheidende Bedeutsamkeit zu fassen. In diesem Wissen vom letzteren Sinn im Geschehen selbst ruht das Zusammentreffen mit Karl Marx, dessen Gedankenwelt auf einer entscheidend höheren Ebene erneuert wird.

4. Religiöse Gemeinschaftsbildung im Proletariat.

Neben diesem Kreis wissenschaftlich arbeitender Gelehrter, die zum Teil daneben Politiker sind, zum Teil nur forschende Gelehrte, erwuchs in Deutschland ein anderer Kreis religiöser Sozialisten, eine Arbeit religiöser Gemeinschaftsbildung für all die einfachen und komplizierten Menschen, die, im Sozialismus stehend, ihrer alten religiösen Heimat entwachsen sind. Sie wird getragen zum Teil von Menschen, die sich diesem wissenschaftlichen Kreis nahe fühlen, mit ihm arbeiten, zum Teil von solchen, die einfach nur Sozialisten sind und sein wollen, daneben religiöse Menschen, Christen.

a. Süddeutsche Bewegung

So bildete sich in Baden 1919 der „Badische Volkskirchenbund“, neben den 1920 der von dem jungen Pfarrer Erwin Eckert in Pforzheim gegründete „Bund evangelischer Proletarier“ trat. Aus ihnen ging später der „Bund evangelischer Sozialisten“ hervor. Man will in der evangelischen Kirche das Bewußtsein wecken, daß sie sich für die Neugestaltung der Gesellschaft einzusetzen hat. Man will nach der Seite des Sozialismus hin die Bedeutung christlicher Glaubenshaltung deutlich machen. Man weiß aber, daß die Massen nur dann die Kraft christlicher Haltung erkennen können, wenn Kirche und christliche Kreise erkennen, daß die kapitalistische Wirtschaftsordnung und Ausbeutung der Massen von christlichem Gewissen nicht ertragen werden dürfen. Führend wurden in diesem Kreise neben Eckert (Pfarrer in Mannheim), Heinrich Dietrich (Oberstudiendirektor in Mannheim), Rechtsanwalt Dr. [Eduard] Dietz (Karlsruhe), Pfarrer Heinz Kappes (Karlsruhe). Schwere Kämpfe mit der badischen Landeskirche hatte dieser Bund zu bestehen, die sich vor allem um die leidenschaftliche Persönlichkeit Eckerts drehten. Dieser ist inzwischen zur Kommunistischen Partei übergetreten, ohne seine Zugehörigkeit zum Bund aufzugeben. Die badische Landeskirche hat ihn als Pfarrer daraufhin suspendiert und das Disziplinarverfahren auf Entfernung vom Amt eröffnet.*2) Von Baden aus griff die Bewegung über nach Württemberg, Pfalz, Hessen, Frankfurt a. M., wo sich überall Landesverbände des Bundes bildeten. Der Badische Bund gab seit 1920 das „Christliche Volksblatt“ heraus. Seit 1923 nahm dieses den Namen „Sonntagsblatt des arbeitenden Volkes“ an und wurde Gesamtorgan des Bundes religiöser Sozialisten Deutschlands. Seit dem 1. Januar 1931 führt es den Namen „Der religiöse Sozialist“.*3)

b. Preußische Bewegung

Ein zweiter Mittelpunkt der Bewegung ist Berlin. Dort gründete Pfarrer nther Dehn 1919 den „Bund sozialistischer Kirchenfreunde“, dessen Name, wie der anfängliche Name der Badener schon sagt, wie viel leichter man sich das Zusammenführen von Kirche und Proletariat dachte, als es sich von beiden Seiten her später erwies. Um dieselbe Zeit gründete Pfarrer lic. Piechowski den „Bund religiöser Sozialisten“ in Neukölln, ebenso bildete sich in Charlottenburg um Pfarrer Bleier die „Vereinigung der Freunde von Religion und Völkerfrieden“ mit einem sehr weitgreifenden Einfluß auf die Arbeiterschaft. Ihr Organ ist das Monatsblatt „Der Weltfriede“ (hrsg. von Bleier). Während diese Gruppe - trotz naher geistiger und persönlicher Verbindung für sich blieb, vereinigten sich die beiden andern unter der energischen Führung des Gewerkschaftssekretärs Bernhard Göring, der Pfarrer Piechowski und Franke. Für weitere Kreise bedeutsam wurde die Arbeit dieses Bundes zum ersten Male durch die sogen. „Neuköllner Denkschrift“, die die Neuköllner Gruppe 1920 der verfassungsgebenden preußischen Kirchenversammlung einreichte. In ihr sind die Forderungen der religiösen Sozialisten an die Kirche sehr klar und entschieden formuliert. Von Berlin aus erfaßte die Bewegung weitere Gebiete des östlichen und mittleren Preußens und Anhalts. So bildete sich unter Görings Führung der Landesverband Preußen des Bundes religiöser Sozialisten, der nach und nach ganz Preußen umfaßt.

Ihm angeschlossen ist auch die von Köln aus sich bildende Bewegung. Dort bildete sich um Pfarrer G[eorg] Fritze ein Kreis, der die Frage Religion und Sozialismus in tiefer Innerlichkeit und Wucht durchdachte. Von Anfang an gehörten zu diesem Kreis auch Katholiken, so daß aus ihm die Arbeit des deutschen Bundes katholischer Sozialisten hervorging. Er gewann außerdem Freunde in Rheinland und Westfalen, so daß auch dieser Teil Preußens von einer kraftvollen Bewegung durchsetzt ist.

c. Thüringer Bewegung

Von 1921 ab trat als ein weiteres selbständiges Zentrum der Bewegung Thüringen in die Arbeit. Dort bildete sich um Emil Fuchs (damals Pfarrer in Eisenach), ein Kreis von Menschen. Man glaubte, in kirchlichen Kreisen nicht ertragen zu können, daß ein Sozialist Pfarrer sei. Es kam zu heftigen Kämpfen in Eisenach, den Städten und Dörfern Thüringens, der Rhön bildeten sich Kreise von Menschen, die für ihn eintraten und zu ihm standen. Es begann eine energische Arbeit, die Kirche zu ihrer Pflicht des Protestes gegen die kapitalistische Gesellschaft zu mahnen, im Sozialismus die Notwendigkeit religiösen Lebens deutlich zu machen. Ein Kreis von Pfarrern und eifrigen Trägern der Gedanken bildete sich, der nach beiden Seiten Einfluß gewann und immer mehr gewinnt. Heute steht an der Spitze der dortigen Bewegung Pfarrer Kleinschmidt (Eisenberg), Oberlehrer O. Kunz (Altenburg i. Thür.). Von Thüringen aus griff die Bewegung nach Sachsen und ins nördliche Bayern über. Während in Sachsen nach beiden Seiten die schwersten Widerstände die Arbeit nur sehr langsam vorangehen lassen, ist das nördliche Bayern (Franken) ein ganz besonders empfänglicher Boden. Es ist zu erwarten, daß dort die Bewegung ganz besonders stark anwächst. Ganz spontan bildete sich in nchen unter der Führung von Konsul v. Falkenhausen ein Kreis, der die organisatorische Arbeit für ganz Bayern trägt.

d. Volkskirche in Lippe

Ganz besonders merkwürdig vollzog sich die Bewegung im kleinen Lippe. Ein scharfer Kampf zwischen Schule und Kirche verursachte eine starke Kirchenaustrittsbewegung besonders unter der Lehrerschaft. Mit ihr trat ein junger Theologe Heinrich Schwarze in Verbindung. Man gründete die „Freie Volkskirche“, eine neben der Landeskirche stehende, freie sozialistische Kirche, die in enger Verbindung mit dem Bund religiöser Sozialisten steht.

5. Bund religiöser Sozialisten in Deutschland

Alle diese an verschiedenen Orten selbständig gewordenen Bewegungen wuchsen allmählich zum Bund religiöser Sozialisten in Deutschland zusammen, der nun in fast allen deutschen Ländern seine Unterverbände hat. Zwar steht er fast überall in schweren Kämpfen mit den Landeskirchen, ist aber auch über ganz Deutschland hin heute sowohl im proletarischen als im kirchlichen Leben eine Macht, die nicht mehr übersehen werden kann. Der Bund hält seine Kongresse alle zwei Jahre (3. Aug. 1928 zu Mannheim, 3. Aug. 1930 zu Stuttgart).*4) Die Bewegung gibt zwei Blätter heraus: den „Religiösen Sozialisten“ (hrsg. früher von E. Eckert, Mannheim, seit dessen Austritt aus dem Bund von Pfarrer Dr. Schenkel, Stuttgart);*5) das Blatt erscheint sonntäglich und ist das eigentliche Band, das die ganze, durch Deutschland zerstreute Masse der Mitglieder und Anhänger der Bewegung zusammenhält. Seit 1929 erscheint die Monatsschrift des Bundes „Zeitschrift für Religion und Sozialismus“ (hrsg. v. Professor D. Wünsch und Heinrich Mertens, Frankfurt). Sie führt die wissenschaftliche Auseinandersetzung der Bewegung mit den Fragen und geistigen Bewegungen der Zeit und ist der Mittelpunkt der Arbeit, die gesamte Haltung, Weltanschauung und religiöse Stellung der Bewegung wissenschaftlich zu klären und zu gründen.

6. Bund katholischer Sozialisten

Ganz besonders bedeutsam ist, daß auch auf dem Boden der katholischen Kirche eine Bewegung katholischer Sozialisten beginnt. Ihre Führer sind Heinrich Mertens (früher Köln, jetzt Frankfurt a. M.) und Otto Bauer (Wien). Die Kölner Bewegung ist besonders eine wissenschaftliche Auseinandersetzung innerhalb katholisch frommer Menschen um die Frage „Katholizismus und Sozialismus“. - Von Mertens wurde einige Jahre „Das Rote Blatt der katholischen Sozialisten“ herausgegeben, das dann mit der Zeitschrift „Religion und Sozialismus“ verschmolzen wurde; Heinrich Mertens wurde deren Mitherausgeber. In Wien bildete sich um die naiv-prophetische Gestalt des Arbeiters Otto Bauer eine starke, wachsende Bewegung aus der sozialistischen Arbeiterschaft katholischer Herkunft selbst. Diese Tatsache und die ganz besonders eigenartig-bedeutende, kindlich-tiefe und überragend-sichere Persönlichkeit Otto Bauers geben das Recht, von hier aus Wichtiges zu erwarten. Daß gerade in Österreich eine so starke Bewegung aus der Arbeiterschaft selbst erwuchs, hängt mit der Tatsache zusammen, daß dort die katholische Kirche sehr stark für die Politik der Rechtsparteien in Anspruch genommen wird. Die Erneuerung der Enzyklika „Rerum novarum“ zu deren 40jährigem Jubiläum und die Enzyklika „Quadragesimo anno“ (vgl. diesen Art. und Art. Enzykliken) von diesem Jahr haben die katholischen Sozialisten in einen schweren Konflikt gestellt. Da sie treue, der Kirche gehorsame Katholiken sind und sein wollen, kann ihnen die Stellungnahme der höchsten Autorität ihrer Kirche nicht gleichgültig sein. Allerdings wissen sie, daß die Autorität des Papstes nur für religiöse Fragen gilt. Keine der Enzykliken über die soziale Frage ist „ex cathedra“, d. h. als ausgehend vom unfehlbaren Lehramt der Kirche, verkündet worden. So weisen die Vertreter der katholischen Sozialisten darauf hin, daß die Theologen, deren Rat den Papst zu diesen Bestimmungen kommen ließ, die katholische Lehre in einer mechanischen Abhängigkeit von den Gedanken Thomas‘ v. Aquin deuteten. Wer in echtem Verständnis dieses großen Mannes dessen Grundanschauungen aber in das Gefüge, die Wirtschafts- und Gedankengestaltung unserer Zeit übersetze, der müsse gerade von da aus zu sozialistischen Überzeugungen kommen. - Sie weisen außerdem daraufhin, wie sehr die päpstlichen Ratgeber den Sozialismus und Marxismus mißverstehen, wenn sie diesem zuschreiben, daß er völlige Aufhebung des Privateigentums jemals gefordert habe.

7. Bund jüdischer Sozialisten. Überkonfessionelle Gemeinschaft

Auch ein Bund jüdischer Sozialisten hat sich gebildet. Da innerhalb der jüdischen Gemeinden die Frage des Sozialismus nicht zu solch intensiven Auseinandersetzungen geführt hat, wie innerhalb der christlichen Kirchen, tritt er nicht in gleicher Weise hervor wie die anderen Teile der Bewegung. Wichtig und beachtenswert ist seine Existenz auf jeden Fall, ebenso, daß er innerhalb des weiteren Rahmens der Bewegung ganz eng und gleichberechtigt mit den andern Gruppen zusammenarbeitet. „Der Bund religiöser Sozialisten in Deutschland“ ist zugleich eine Art Dachorganisation für alle diese Bünde. Sicherlich gehört das auch zu den bedeutsamen Zukunftsaussichten, die in der Bewegung der religiösen Sozialisten sich eröffnen, daß in ihr Menschen aus allen Richtungen des Protestantismus von der äußersten Orthodoxie, dem Pietismus her (Eckert)*6), bis zum energischsten Vertreter theologisch-kritischer Gedanken (Schenkel) miteinander wirken, dann die überzeugten Katholiken dieser Gruppe und die überzeugten Vertreter jüdischer Religiosität wieder mit den Protestanten zusammenarbeite“. Es ist hier wohl zum ersten Male eine Bewegung, in der die Frage der Verwirklichung christlicher - überhaupt religiöser - Gewissensforderungen in der Gesellschaft so entscheidend in den Mittelpunkt tritt, daß darüber die Verschiedenheit der dogmatischen Auffassung der Religion völlig nebensächlich wird. Sie wird nicht vergessen. Jedem ist es ein wichtiges Anliegen, seiner Frömmigkeit die rechte Sprache und Klarheit innerhalb der gegebenen Welt zu schaffen; aber jeder freut sich der Art und Wahrhaftigkeit des anderen.

8. Außerdeutsche Bewegung

a. Die Schweiz

Außerhalb Deutschlands hat die Bewegung Mittelpunkte in der Schweiz. Der um Ragaz gescharte Bund der deutschen Schweiz hat die Organe ein Monatsblatt „Neue Wege“ seit 1906 von Ragaz herausgegeben, und der „Aufbau“ (hrsg. v. Max Gerber, Zürich), ein in Luzern erscheinendes Wochenblatt.

b: Fédération des Socialistes chrétiens de la langue française

Daneben besteht für die französische Schweiz die „Fédération Romande des socialistes-religieux“, dessen Sekretärin Hélène Monastier ist. Paul Passy (lange Zeit Professor an der Sorbonnne) ist der Führer der französischen religiösen Sozialisten. Neben ihm tritt André Philipp hervor (Professor der Nationalökonomie in Lyon). Ein „Bund katholischer Sozialisten“ hat sich unter Laudrain gebildet. Die französische Organisation führt den Namen „Union des Socialistes Chrétiens“.

Zur Arbeitsgemeinschaft der französisch sprechenden Sozialisten gehört auch eine belgische Gruppe, geführt von Chalmet, einem sozialistischen Landtagsabgeordneten. Sie umfaßt Protestanten und Katholiken. Diese alle zusammen bilden die „Fédération des Socialistes Chrétiens de la langue française“ (Zeitschrift „L‘Espoir du Monde“, mit der Monatsbeilage „Voies Nouvelies“ für die französische Schweiz. Erscheinungsort: (Liéfra p. Fulette, Aube).

c. Holland

Sehr stark ist die religiös-soziale Bewegung in Holland, Führer ist dort der frühere Pfarrer, jetzige Leiter der Heimvolkshochschulen von Barchem und Benvort Dr. W. Banning, der Verfasser des ausgezeichneten Werkes „Jaurès als Denker“ (Arnhem 1931). Seine Stellung im politischen Leben und der Volksbildungsarbeit Hollands sichert der Bewegung, die von einem weiteren Kreis ausgezeichneter Männer und Frauen getragen ist, unter ihnen die Schriftstellerin und Dichterin Henriette Roland-Holst und die einstige Leiterin der sozialen Frauenschule Amsterdams Emilie C. Knappert, einen weitgreifenden Einfluß im Sozialismus, im gesamten geistigen Leben Hollands.

Die Bewegung hat sich organisiert im „Bond von Christen socialisten“ und gibt seit 31. Oktober 1902 die Zeitschrift „De blyde Wereld“ (die freudige Welt) heraus.

d. England

In England ist die Labour Party und noch mehr die „Independent Labour Party“ ganz stark von Menschen religiöser, christlicher Einstellung getragen. Das galt von Keir Hardy ganz besonders, gilt von Henderson, Roden Buxton, Walter Ayles und andern parlamentarischen Führern. Trotzdem hat sich eine besondere Gruppe zusammengetan, in der protestantische und katholische Christen in enger Arbeitsgemeinschaft daran arbeiten, innerhalb der Arbeitermassen eine bewußte Einstellung zum Christentum herbeizuführen und in der Gesamtbewegung das gewissenhafte Durchdenken aller Zeitprobleme im Lichte christlicher Gewissensforderungen lebendig zu erhalten. Politik und Taktik sind ja auch für den ernsthaften Christen Gefahren, denen immer wieder neue Aufmerksamkeit begegnen muß. „The Society of Socialist Christians“ hat so eine energische Wirksamkeit unter der Führung von Fred Hughes, London. Ihr Organ ist das von diesem heraus gegebene Monatsblatt „The Socialist Christian“ (früher „The Crusader“).

e. Internationale Organisation

Einzelne Männer und Frauen, die der Bewegung nahe stehen, finden sich in allen europäischen Ländern.
Besonders in Schweden hat sie sehr stark hervortretende Freunde. Aber auch in den Vereinigten Staaten von Amerika stehen weite Kreise ihren Gedanken nahe, besonders der sich um die Zeitschrift „The world tomorrow“ scharende, geistig bedeutende und einflußreiche Kreis. Zusammengefaßt sind alle diese Gruppen in der „Internationalen Organisation der Religiösen Sozialisten“, deren Präsident Dr. Leonhard Ragaz, Zürich, ist. Sie hält alle zwei Jahre einen internationalen Kongreß, der 1931 in Frankreich stattfand (Lièvin vom 18.-21. Sept.). Im zwischenliegenden Jahr hält jede nationale Organisation ihren Kongreß.

9. Das Wollen der Bewegung

a. Die religiöse Aufgabe in der Gesellschaft

Die Bewegung der religiösen Sozialisten will zu aller erst eine Erneuerung des religiösen Lebens der Menschheit sein. Sie fühlt sich selbst als eine solche, indem sie viele Menschen zusammenfaßt, die sich verpflichtet fühlen, aus dem Geiste wahrhafter Frömmigkeit die Neugestaltung der Gesellschaft mit zu fordern, zu tragen, zu erkämpfen. Es scheint ihr, daß es keine Erneuerung der Frömmigkeit geben kann, wenn nicht die Verantwortung für Geist, Arbeit, und Organisation der gesamten Gesellschaft empfunden wird. Daß in ihr aus religiösem Geist diese Verantwortung so stark erwacht, ist ihr das Zeugnis der beginnenden Erneuerung. Mit Kutter und Ragaz sieht sie in der proletarischen Bewegung der Massen, ihrer Not und Verzweiflung und Bitterkeit - aber auch in ihrem gewaltigen Glauben und Sehnen nach neuer Gerechtigkeit im Gesellschaftsleben, neuer Gestaltung des wirtschaftlichen und politischen Lebens der Menschheit das Werk, in dem die Gottheit heute uns allen die eine große lebenserfüllende Aufgabe stellt. Diese Aufgabe muß gelöst werden. Weigert sich die Menschheit dieser Lösung, so muß daraus das Gericht über diese Welt, in ungeheurem Kampf und Untergang kommen. Im Beginn dieses Zerbrechens der Welt an ihrer Ungerechtigkeit und Gewissenlosigkeit stehen wir.

Es hat sich gezeigt, daß da, wo man diese Verantwortung neu fühlt, die Botschaft Jesu mit neuer Gewalt empfunden wird. Der religiöse Sozialismus faßt alle zusammen, die innerhalb der proletarischen Bewegung von der Bedeutung der Frömmigkeit etwas wissen. Er fragt nicht: Wie formulierst du deinen Glauben, welcher Kirche gehörst du an, welche Lehren drücken deinen Glauben aus? Aus diesem Grunde vermied man die anfänglich gebrauchten Namen „Christliche“ oder „Evangelische“ Sozialisten. Aber in seiner ganzen Bewegung ist die Botschaft und der Geist Jesu mächtiger und mächtiger geworden. Er ist eine Erneuerung der Haltung Jesu, der nicht eine neue Religion der Kirche gründen wollte, sondern dem seine Bedeutung sicherte, was aller Religion Leben ist, daß der Ruf der Selbstoffenbarung Gottes gehört wird, der ein Ruf zur Verantwortung des Menschen für sein und anderer Menschen ganzes Sein und Leben in seiner gottgegebenen Heiligkeit ist. So stellen die religiösen Sozialisten unter der Führung von Ragaz den Gedanken des „Reiches Gottes“ wieder in den Mittelpunkt der Verkündigung:         Wir sind von Jesus her gerufen, eine neue Welt der Gerechtigkeit zu bauen, und empfangen von ihm her die Kraft dazu. Wer von diesem Auftrag weiß, kann sich der Aufgabe nicht versagen, die gänzlich sinnlose, menschenvernichtende Gesellschaftsordnung, in der wir leben, durch eine sinnvolle, vom Willen zur Gerechtigkeit getragene zu ersetzen. Nicht „das“ Reich Gottes, aber ein Schritt in der Erfüllung des in seiner Verkündigung gestellten Menschheitsauftrages ist der Sozialismus. Deshalb fühlen wir uns als Christen, als religiöse Menschen verpflichtet, zu denen zu treten, die sich um seine Verwirklichung mühen.

Es ist den religiösen Sozialisten klar, daß es hier für den Christen, den religiösen Menschen überhaupt keine „Neutralität“ geben kann. Das Zertreten des Menschentums durch die kapitalistische Gesellschaft zwingt jeden religiösen Menschen, um die Heiligkeit des Menschseins gegen sie zu kämpfen. Der Christ aber vor allem ist durch Jesu Botschaft und Beispiel gezwungen, zu denen zu treten, die von der Sünde der Gesellschaft in die tiefste Not, das tiefste Zerbrechen gedrückt werden. Gerade, wenn er in ihrer Ablehnung der Religion, ihrer wachsenden Unfähigkeit frommes Leben zu gestalten sieht, wie sie zerbrochen werden, muß er um so deutlicher zu ihnen stehen. Die Kirchen sehen das nicht. Dies scheint uns das deutlichste Zeichen, wie sehr sie die Botschaft des Evangeliums verwechseln mit den Formen, die es innerhalb dieser bestehenden Gesellschaftsgestaltung angenommen hat. Sie sind zufrieden, es in traditionellen sittlichen Urteilen und Lebensformen weiterzugeben.

b. Die Aufgabe gegenüber den Kirchen

So steht die Bewegung der religiösen Sozialisten in einer Spannung zu den vorhandenen Kirchen. Das gilt auch von denen ihrer Mitglieder, die in diesen Kirchen notwendige Gestaltungen des religiösen Lebens sehen und sich an sie gebunden fühlen. Sie fühlen zugleich, wie sehr diese Kirchen mit ihrer gesamten Organisation und Gesinnung ein Stück der bestehenden bürgerlichen Gesellschaft geworden sind und in ihnen die Kritik des Evangeliums, religiöser Haltung gegen die Welt, ihre Zivilisation, ihre Kultur erloschen, schwach geworden ist. Am deutlichsten ist das ja in der Frage des Eigentumsrechtes, in der auch die Kirchen jene Urteilsweise tragen, die das Recht auf Eigentum über - nicht unter - das Bewußtsein der Verpflichtung gegenüber Menschenwert, Menschengemeinschaft und -verantwortung für Heiligung des Lebens und der Zukunft stellt. Aber für jeden Punkt sittlicher Lebensgestaltung könnte man ähnliches aufzeichnen. Die Kirchen sind dadurch nicht mehr Anwalt der unbedingten Forderung von Heiligung des Lebens gegenüber den selbstverständlichen Interessen der Vermögensbildung, Lebenssicherung, Lebensbehaglichkeit und Wirtschaftsinteressen. Hier fühlt sich die Bewegung als Anwalt religiöser Wahrheit gegenüber einem ganz lebensgefährlichen Erschlaffen der Kirchen. Wenn man ihr sagt, sie sei Partei, weil sie die Neutralität ablehnt, die sich für Gesellschaftsgestaltung nicht verantwortlich fühlt, so weist sie sehr energisch auf diese Tatsache hin, daß sie um die Aufgabe der Kirche mit der Kirche ringt, damit die Kirche nicht Partei bleibe und in blindem Stützen des Bestehenden dem Worte Wahrheit verleihe: „Opium des Volkes“.

Der Katholik in der religiös-sozialen Bewegung fühlt sich an das Sakrament und die Autorität der Kirche gebunden, der Protestant an die Kirche, die durch Luther, Zwingli oder Calvin die Botschaft des Evangeliums wieder in den Mittelpunkt rückte und heute trägt. Beide aber fühlen es mit Entsetzen, daß dieselbe ihnen wichtige Kirche die entscheidende Aufgabe lebendigen Christentums, der Welt die Aufgabe des Reiches Gottes ins Gewissen zu rufen, in einer lahmen Anpassung an bestehende, für christliches Gewissen in ihrer Gottlosigkeit unerträgliche gesellschaftliche Zu stände versäumt habe und versäumt. Beiden erscheint die glühende Arbeit an dieser Aufgabe als das wichtigste Lebenszeugnis jeder Frömmigkeit. Hier liegt die Kraft, die sie verbindet über die Grenzen der Kirche hinaus und ihnen zugleich die Möglichkeit unbeugsamer Aussprache dieser Kritik ihren Kirchen gegenüber gibt. So können Menschen, die sich an eine der Kirchen oder religiösen Gemeinschaften für sich gebunden fühlen, unbefangen mit Gliedern der anderen, ja mit solchen, die keiner dieser Gemeinschaften angehören, zusammenarbeiten. Es bindet sie das Wissen von dem göttlichen Auftrag, eine neue Weltgestaltung zu schaffen. Gefordert ist nur, daß jeder, der einer Kirche oder religiösen Gemeinschaft angehört, in unermüdlicher Arbeit das Seine tut, diese religiöse Gemeinschaft zu ihrer mitgestaltenden Aufgabe an der Gesellschaft zu wecken. Während die katholischen Sozialisten dies nur dadurch tun können, daß sie die Organisation ihrer Kirche zur Beachtung ihrer Gedanken zwingen, hat der Bund religiöser Sozialisten durch seine der evangelischen Kirche angehörenden Glieder eine sehr energische kirchliche Erneuerungsbewegung begonnen. Er beteiligt sich an den kirchlichen Wahlen und hat in Köln und Berlin deutliche Erfolge in den kirchlichen Gemeindewahlen erzielt, in Baden, Thüringen, Pfalz, Württemberg, Anhalt für die Wahlen zu den Landeskirchentagen, so daß er hier einen wachsenden Einfluß auf das gesamte kirchliche Leben erringt. Dieser Einfluß wird verstärkt durch die wachsende Zahl von Gemeinden, die religiös-sozialistische Pfarrer wünschen und anstellen und durch die lebendige Auseinandersetzung, die diese Pfarrer ins religiöse Leben der Kirche und Öffentlichkeit hineintragen.

c. Die Aufgabe gegenüber den sozialistischen Parteien

Innerhalb der sozialistischen Parteien sucht die Bewegung zunächst alle zu sammeln, denen religiöse Haltung zu den Notwendigkeiten des Lebens zu gehören scheint. Den religiösen Sozialisten scheint es notwendig, daß alle wirtschaftlichen und politischen Probleme durchdacht werden im Lichte stärksten Bewußtseins der unbedingt-revolutionären Haltung, die der Sozialismus gegenüber der gegenwärtigen Gesellschaft einnehmen muß. Wo aus taktischen Gründen Kompromisse nötig sind, darf doch der unbedingte Widerspruch gegen das Bestehende nie vergessen werden. Zugleich aber will die Bewegung der religiösen Sozialisten klar herausarbeiten, daß revolutionäre Haltung und Gesinnung nichts zu tun haben mit dem einfachen Glauben an Gewalt, äußere Macht, Organisation. Gerade dieser Glaube hemmt das innere Umdenken und Sichneueinstellen der Menschen, der Staatsmänner, der Wirtschaftsorganisationen, der Massen, in dem allein der Weg zur Zukunft liegt. Diese Arbeit an der Klärung wahrhaft revolutionärer Haltung und Politik innerhalb der sozialistischen Bewegung erscheint als die eigentlich entscheidende Arbeit der Bewegung. Hier arbeitet sie an dem großen Werk der Zukunft aus religiösem Geist mehr als in Kirchenpolitik und rein religiöser Sammlung der Menschen.

Diese Haltung bedingt, daß die religiösen Sozialisten nicht einfach auf eine proletarische Partei und deren Politik eingeschworen sind. Sie fordern von ihren Mitgliedern, daß sie sich an dem Platz in die Arbeit der proletarischen Bewegung einstellen, wo es ihnen gewissensmäßig notwendig scheint. Die Mitglieder aber haben das Recht, sich diesen Platz selbst zu wählen, sei es in einer der sozialistischen oder der kommunistischen Partei. Es gibt auch Mitglieder, die sich aus irgendeinem Gewissensgrund keiner der bestehenden Parteien anschließen können und ihre Kraft in anderer Weise dem Proletariat dienstbar machen. Da die kommunistische Partei bis jetzt ihren Mitgliedern verboten hat, dem Bund religiöser Sozialisten anzugehören, ist es nicht verwunderlich, daß die weitaus größte Zahl der Mitglieder zur SPD stehen. In irgendeiner Abhängigkeit von einer Partei steht der Bund religiöser Sozialisten nicht.

Es besteht sogar zwischen dem Bund religiöser Sozialisten und sämtlichen proletarischen Parteien eine gewisse Spannung. Diese tritt zunächst äußerlich darin hervor, daß die Bewegung der religiösen Sozialisten die geistige Haltung der proletarischen Bewegung an entscheidenden Punkten als ungenügend fundiert empfindet. Man glaubt, daß sie sich selbst nicht genügend tief verstanden hat, infolgedessen aber auch den Einzelproblemen des Tages gegenüber sowohl in Politik, als in der Wirtschaft, als ganz besonders in den Fragen der ethischen Gesellschaftsneugestaltung nicht die Stellung finden kann, die einheitlich zwingend für weiteste Kreise wirken könnte. In der Politik wäre hier z. B. die Frage der Gewaltanwendung zu nennen, sowohl im Kampf der Völker als der Klassen, die Frage der internationalen Völkerverständigung wie der Abrüstung. Im Wirtschaftsleben gehört hierher die Frage der dem Arbeiter vom Kapitalismus anerzogenen kapitalistischen Gesinnung - die Frage des Verständnisses für die seelische und wirtschaftliche Lage der andern Stände, die für die Arbeit an der Zukunftsgestaltung in Betracht kämen (Kleinbauern, Angestellte, Beamte). In der Frage der ethischen Gesellschaftsneugestaltung wäre die Behandlung der sexuellen Frage, der Ehe, der Familie, die Frage der Gestaltung der Vergnügungen, des Alkohols, usw. zu nennen. Es sind hier starke Bewegungen auch außerhalb der religiösen Sozialisten zu verzeichnen, die innerhalb der proletarischen Bewegung ein ernstes Anfassen dieser Fragen fordern. Die Gesamtbewegung hat ihre Bedeutung noch nicht deutlich genug - unserer Meinung nach - erkannt.

d. Religiöse Sozialisten und Marxismus

Dies hängt zusammen mit dem, was man den Vulgärmarxismus nennt. Unter dem Einfluß eines oberflächlichen, vom liberalen Bürgertum übernommenen Fortschrittsglauben, der naturwissenschaftlichen Aufklärung der Zeit von 1870 und 1880 hat man die Gedanken von Karl Marx zu einer Gesamtweltanschauung ausgebaut, in der man allen Problemen eine dem guten aufgeklärten Menschen behagliche Lösung gegeben hat, in der man aber auch alle die großen sittlichen Entscheidungsforderungen, die der Sozialismus an die Menschen stellen muß, abschwächte, die große Frage der intellektuell-ernsthaften Weiterbildung zu einer oberflächlichen Annahme dieser weltanschaulichen Dogmen verflachte. Wiederum sind die religiösen Sozialisten hier die Bundesgenossen all der wichtigen Bewegungen im Sozialismus, die über diesen Zustand hinausdrängen. Hier teilt sich die Bewegung in zwei Lager. Im einen Lager, das am stärksten in der außerdeutschen Bewegung seine Vertreter hat, hält man den Marxismus als solchen für die Gefahr. Er sei es, der die entscheidende Vertiefung und das ganz klare Verstehen sozialistischer Notwendigkeiten verhindere. In der Schweiz, in Holland, England vor allem sind diese Gedanken vertreten. Ein Jean Jaurès und die Träger der englischen sozialistischen Bewegung werden hier als das große Vorbild starker, klarer sozialistischer Haltung gesehen. Dagegen sieht der religiöse Sozialismus in Deutschland in Karl Marx und seinen Gedanken gewaltige Werte. Karl Marx hat zum ersten Male die Geschichte der Menschheit unter dem Gesichtspunkt der Masse gesehen. So hat er die Bedeutung der wirtschaftlichen Gewalten und Gestaltungen für deren Leben und geistig-seelisches Sein betont. Wenn er zeigt, daß die geistige Haltung und Urteilsweise der Menschen, bis zur Religion, herausgeboren werde aus den wirtschaftlichen Notwendigkeiten, so gilt hier auch die Umkehrung, daß für die Masse nur das vom geistigen Leben, sittlichen Urteilen und religiösen Glauben wirklich Kraft hat, was in die gesellschaftlichen Gestaltungen wirklich als strukturelle Grundlage eingegangen ist. Sobald Religion und Sittlichkeit keine Gestaltungsmächte der wirtschaftlichen Grundlagen der Gesellschaft mehr sind, sind sie für die Masse nicht mehr da. Die religiösen Sozialisten fordern von den Kirchen, daß sie diese Wahrheiten von Karl Marx erkennen. Und wenn Karl Marx in den Gedanken des Klassenkampfes, der Verelendungstheorie*7), des Klassengegensatzes, in der Feststellung, daß die Menschheit nicht durch Vernunft, Liebe und Gewissen, sondern in bittersten Interessenkämpfen ihr Schicksal gestaltet, die ganze furchtbare Verhaftung der Menschheit in Schuld und Leidenschaft aufzeigt, sollten Kirchen und Christen davor nicht entsetzt die Augen schließen oder furchtsam abwehren. Hier gilt es, verantwortungsbewußt zu prüfen, ob die Tatsachen wirklich so furchtbar sind, ob die alte Lehre von Sünden- und Schuldverflochtenheit des Menschen nicht vielleicht einen viel gewaltigeren Sinn hat, als man lange ahnte. Es gilt, von da aus das Gewissen zu wecken, die Seele erschüttern zu lassen. So vertritt der deutsche religiöse Sozialismus den Gedanken, daß Karl Marx ein Führer zur Wirklichkeit ist, aus deren furchtloser Erkenntnis religiöse Erschütterung, christliche Frömmigkeit mit neuer Gewalt hervorbricht und in ganz anders gewaltiger Größe und Tiefe gegeben wird.

e. Religiöse Sozialisten und Freidenker

An diesem Punkte steht der religiöse Sozialismus klar und deutlich den proletarischen Freidenkern gegenüber. Nicht in dem Sinne, als ob er sich geschieden fühlte von den vielen verantwortungsbewußten Menschen in ihrem Lager, die auf ihre Weise eine geistige Neubegründung der Gesellschaft suchen. Aber in dem Sinne, daß er glaubt, sie schätzen die Bedeutung dessen, was im religiösen Leben und vor allem in der von Jesus ausgehenden Frömmigkeit der Menschheit geschenkt ist, falsch ein. Sie sehen über der Tatsache, daß die Kirchen diese Überlieferung nur in einer verbürgerlichten Form haben, nicht mehr das andere, daß in dieser religiösen Überlieferung eine ungeheure revolutionäre Kraft für die Gesellschaft ruht und eine unendlich gewaltige Gestaltungskraft dessen, was neu werden will. Er glaubt auch, daß sie über dem, was Karl Marx in ähnlicher Weise falsch sehen mußte, das nicht sehen, was in Karl Marx zu einer viel tieferen, neuen Auffassung und Stellung zur Religion drängt, als er selbst sie fand.

Den Kirchen gegenüber glauben die religiösen Sozialisten die zu sein, die sie zu der Erneuerung ihres Lebens und ihrer Botschaft rufen, die notwendig ist, damit die Gewalt des Religiösen in der Gesellschaft wieder aufbricht. - Der sozialistisch-proletarischen Bewegung gegenüber glauben sie, die Aufgabe zu haben, zum Durchdenken ihrer Fragen und Haltung im Lichte einer Auffassung des Lebens und der Wirklichkeit drängen zu müssen, in der allein das deutlich wird, was wahrhafte, aus dem Geist geborene Beherrschung der Wirklichkeit ermöglicht.

10. Literatur

Hermann Kutter: Sie müssen, ein offenes Wort an die christliche Gesellschaft (1904); Gerechtigkeit, ein altes Wort an die moderne Christenheit (1905); Wir Pfarrer (1907).

Leonhard Ragaz: Dein Reich komme. Predigten (2 Bde., 1908, 1910); Pädagogische Revolution; Sozialismus und Gewalt; Der Kampf um das Reich Gottes in Blumhardt; Vater und Sohn; Weltreich, Religion und Gottesherrschaft (2 Bde., 1922); Von Christus zu Marx - Von Marx zu Christus (1930).

Georg Wünsch: Evangelische Wirtschaftsethik (Tübingen 1927).

Paul Tillich: Masse und Geist (1929); Die religiöse Lage der Gegenwart (1925); Protestantisches Prinzip und proletarische Situation (1931).

Gustav Radbruch und Paul Tillich: Über die Idee einer Theologie der Kultur (Vorträge der Kant-Gesellschaft (1921).
Paul Piechowski: Proletarischer Glaube (1927).

Gertrud Hermes: Die geistige Gestalt des marxistischen Arbeiters (1926).

Günther Dehn: Die religiöse Gedankenwelt der Proletarierjugend (1923), 2. Aufl. 1930.
Reich Gottes, Marxismus, Nationalsozialismus. Ein Bekenntnis religiöser Sozialisten, hrsg. von Georg Wünsch (Vorträge von Ragaz, Wünsch, Kappes 1931).

Emil Fuchs: Predigten eines religiösen Sozialisten (1928).

G. Schenkel: Das Doppelgesicht des Christentums (1930).

Karl Mennicke: Proletariat und Volkskirche (Jena 1926); Der Sozialismus als Bewegung und als Aufgabe (1921); Das Problem der sittlichen Idee im marxistischen Denken der Gegenwart (1928).

Sozialismus aus dem Glauben. Verhandlungen der sozialistischen Tagung in Heppenheim a. d. B. (1928, Zürich-Leipzig).

Henriette Roland-Holst van der Schalken: Der Weg zur Einheit (1929).

Paul Passy: Christianisme et Socialisme (1910); Souvenirs d‘un Socialiste chrétien (1930).

W. Banning: Jaurès als Denker (Arnhem 1931).

Flugschriften des Bundes Religiöser Sozialisten (Verlag des Bundes Religiöser Sozialisten, Mannheim):

1.       Eckert: Was wollen die religiösen Sozialisten?
2.       Dietrich: Wie es zum Bunde religiöser Sozialisten kam.
3.       Dietz: Das heilige Eigentum und die Enzyklika Leos XIII.
4.       Predigten sozialistischer Pfarrer.
5.       Piechowski: Die Seele des Proletariats.
6.       Dietz: Wilhelm Hohoff und der Bund katholischer Sozialisten.
7.       Wünsch: Christliche Sittlichkeit und sozialistische Wirtschaft.
8.       Dietz: Das religiöse Problem des Marxismus.
9.       Piechowski: Feierklänge.
10.     Kohlstock: Unschuldig verurteilt.
11.     Dietz: Die Staatsauffassung von Marx und Engels.
12.     Fuchs: Von Naumann zu den religiösen Sozialisten.
13.     Schwartze: Der Kampf um die Volkskirche in Lippe.

in: Ludwig Heyde (Hrsg.): Internationales Handwörterbuch des Gewerkschaftswesens, Bd. 2, Berlin 1932, S. 1323-1331; Mit einem Vorwort zum Nachdruck neu herausgegeben von Thilo Ramm, Keip Verlag, Frankfurt/Main 1992.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Inhabers der Urheberrechte Professor Dr. Klaus Fuchs-Kittowski, Berlin.

*1) Hier teilt Fuchs das weitverbreitete Fehlurteil, daß Karl Marx eine Verelendungstheorie entwickelt habe. Siehe Wolfgang Abendroth: Aufstieg und Krise.

*2) Diese Passage läßt den Zeitpunkt der Abfassung dieses Lexikonartikels erkennen. Er muß zwischen dem 3. und 18. Oktober 1931 geschrieben worden sein. Das Lexikon erschien 1932.

*3) Schriftleiter des Bundesorgans war vom 1.1.1926 bis 18.10.1931 Erwin Eckert. Vom 18.10.1931 bis 12. März 1933 war Pfarrer Gotthilf Schenkel Schriftleiter.

*4)Der Gründungskongress 1926 in Meersburg wird nicht erwähnt.

*5) Eckert trat einen Tag vor seiner definitiven, unehrenhaften Entlassung aus dem Badischen Kirchendienst am 10.12.1931 aus dem Bund aus. Die Schriftleitung hatte Schenkel bereits seit dem 18. Oktober 1931 inne.

*6) Die pauschale Kennzeichnung Eckerts als “Pietist” ist anfechtbar..

*7) Siehe Wolfgang Abendroth, Sozialgeschichte der europäischen Arbeiterbewegung, 14. Aufl., Frankfurt/M. 1984; ders.; Aufstieg und Krise der deutschen Sozialdemokratie, 4. Aufl, Köln 1978; siehe auch Friedrich-Martin Balzer(Hg.): Wolfgang Abendroth für Einsteiger und Fortgeschrittene, CD ROM, Bonn 2001.

   

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1. „Zur Mentalitätsgeschichte akademischer Mittelschichten zwischen den Weltkriegen Korporationen in der Weimarer Republik - unter besonderer Berücksichtigung des Wingolf am 13. Dezember 1961 vor dem Clausthaler Wingolf zu Marburg“
2. Vortrag Wolfgang Abendroth


„Zur Mentalitätsgeschichte akademischer Mittelschichten zwischen den Weltkriegen Korporationen in der Weimarer Republik - unter besonderer Berücksichtigung des Wingolf am 13. Dezember 1961 vor dem Clausthaler Wingolf zu Marburg“

Vorbemerkungen von Friedrich-Martin Balzer

Als ich mich im Februar 1961 anschickte, Robert Neumann zu einer Vortrags- und Diskussionsveranstaltung ins Marburger Audi Max einzuladen, kannte ich Wolfgang Abendroth noch nicht.*1) Ich war 20 Jahre alt und Student im 2. Semester. Veranstalter war der Clausthaler Wingolf, dem ich im April 1960 beigetreten war, obwohl ich zu dieser Zeit schon Ostermarsch-Teilnehmer war. Wie war es dazu gekommen? Das Verbindungshaus lag weit ab von den alt-elitären, ehrwürdigen Verbindungshäusern in der Lutherstraße in Marburg, auch weit ab von „Arminen“ und „Hasso-Borussen“ und dem Korps „Hasso-Westphalia“. Es lag inmitten einer Schrebergartenlandschaft und hatte mehr vom Charme eines AWO-Freizeitheimes als von einem ehrwürdigen Verbindungshaus mit Butzenscheibenromantik. Es lag nicht weit von Abendroths bescheidenem Häuschen in der Wilhelm-Roser-Straße, wo ansonsten alte und neue Nazis in ihren Villen wohnten. Die Aktiven der Verbindung waren, wie ich mich bei meinem Austritt aus der Verbindung 5 Jahre später*2) erinnerte, eher links orientiert. Es gab während meiner aktiven Zeit zahlreiche Sozialdemokraten, einige DFU-Anhänger und mehr als nur einen Ostermarschierer. Wenn das Bundeslied des Wingolf gesungen wurde „Es hält auf seinen Zinnen das Kreuz getreulich Wacht, drum wohnt sich’s traulich drinnen, ob’s draußen stürmt und kracht“, so kam mir das nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich anachronistisch und unsinnig vor. Mein Vater, mein Bruder und mein Schwager waren Wingolfiten. Und obwohl ich selbst von theologischen Vorstellungen schon damals nichts mehr hielt*3), war ich trotz hinhaltendem Widerstand der Argumentation beim „Keilen“ erlegen, als mir eine Couleurdame erwiderte, dann sollte ich doch auch aus der Kirche austreten. Soweit war ich damals noch nicht - als Sohn des Pfarrers der Bekennenden Kirche, dem die Kirche nach 1945 übel mitgespielt hatte.

Ein Jahr zuvor war ich mit einigen wenigen Klassenkameraden nur knapp dem angedrohten Entzug der „sittlichen Reife“ entgangen. Wir hatten es gewagt, unsere Kritik an den Unterrichtsinhalten und den sie vermittelnden Lehrern, die „zur Wiederverwendung“ auf Grund des Artikels 131 des Grundgesetzes nach 1945 als NAPOLA-Lehrer und SA-Sturmbannführer in den öffentlichen Dienst wieder eingestellt worden waren, auch in der Abiturzeitung zu äußern. Wir ahnten noch nicht, welchen Lebensnerv des antidemokratischen und antirevolutionären Grundgesetzes*4) wir damit getroffen hatten. Wir hatten unsere ehemaligen Pgs Selbstverteidigungsreden vor imaginären Entnazifizierungsausschüssen halten und ihre „Braunnessel“, „Hab-nichts-gewußt“ und andere Narkotika täglich drei bis vier Tropfen auf dem Unterrichtsplan des Schulalltags erscheinen lassen. Angesichts der Drohung, uns das Abitur abzuerkennen, wenn wir die Abiturzeitung nicht verbrennen würden, gaben wir zwar noch klein bei. In meiner Abiturrede aus dem Jahre 1960*5) ließ ich jedoch keinen Zweifel daran, daß wir uns von dieser Sorte von Lehrern nicht für die Zukunft untauglich, weil gefügig machen lassen wollten.

Unmittelbar vorausgegangen der Einladung an Robert Neumann war der in beiden deutschen Staaten Aufsehen erregende Besuch des DDR-Volkskammerpräsidenten Johannes Dieckmann in Marburg. Einer meiner Klassenkameraden war nach dem Abitur Vorsitzender des LSD in Bonn geworden. So nahm ich mit ihm an der LSD-Veranstaltung mit Johannes Dieckmann im Saale teil, während draußen eine riesige Studenten- und Bürgerdemonstration mit den Rufen „Dieckmann raus - hängt ihn auf!“*6) gegen den Besuch von Johannes Dieckmann in Marburg protestierte. Eine winzige Minderheit von Studenten – unter ihnen mein späterer Kollege und Freund, der Abendrothschüler Helge Speith - hatte allerdings die Courage, mit dem Plakat „Schlamm willkommen - Dieckmann unerwünscht“*7) inmitten der vom Kalten Krieg hysterisierten Menge von ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch zu machen. Es war die Zeit, „in der auch für die Brandts und Bahrs die DDR noch ‘rechtlich nicht existent’ und eine Ausgeburt des Teufels war“.*8) Zu den Demonstranten gehörte auch der spätere, langjährige DKP-Kreisvorsitzende von Marburg-Biedenkopf. Die Scheidung der Geister war zwar schon im Gange. Es dauerte aber noch, bis in der Studentenbewegung die Nonkonformisten eine breitere Basis für sich und ihre Positionen erkämpfen konnten, bis der Prozeß der Sezession von bürgerlichem Denken sich in einen Prozeß der Assoziation zu marxistischen Denken und Handeln verwandelt hatte.

Vergeblich hatte ich etwa 15 Professoren gebeten, die Diskussionsleitung bei der Veranstaltung mit dem Thema „Was geht uns Eichmann an? Ausflüchte unseres Gewissens“*9) zu übernehmen. Jeder empfahl einen anderen Kollegen. Allen war das Thema zu heiß. Alle waren gebrannte Kinder. „Gehen Sie doch zu dem Professor K. Der war im KZ“. Aber auch der Professor K. sagte ab, nachdem er in den bei Kurt Desch erschienenen Bildband von Robert Neumann über „Hitler, Aufstieg und Untergang des Dritten Reiches“ eingesehen hatte. Keiner empfahl den seit 1951 in Marburg lehrenden Professor für wissenschaftliche Politik Wolfgang Abendroth. Schließlich, nachdem ich von Pontius zu Pilatus gelaufen war, mußte ich mit einem „alten Herren“ vom Marburger Wingolf, Kirchenrat und Dekan Karl Bernhard Ritter - Bruder des Historikers Gerhard Ritter -, der in der Weimarer Republik Landtagsabgeordneter der DNVP gewesen war und dessen Kriegspredigten in der Marburger Universitätskirche einen Einblick geben in den angeblichen antifaschistischen Widerstand der „Bekennenden Kirche“ gegen das „Dritte Reich“*10), vorlieb nehmen. Uneingeladen erschienen Professor Abendroth, der Antifaschist und „weiße Rabe“ der postfaschistischen akademischen Nachkriegsgesellschaft in der BRD, und seine Frau, die Historikerin Dr. Lisa Abendroth - die als Zeitzeugin eindringlich von ihren Erinnerungen an den Brand der Marburger Synagoge im Jahre 1938 berichtete. Sie und ihr Mann meldeten sich mit zahlreichen Diskussionsbeiträgen auch zur damaligen aktuellen politischen Lage auf der vom NDR mitgeschnittenen und später ausgestrahlten Sendung engagiert zu Wort und trugen so zur Wendung der Masse der Studenten zu kritischem und antifaschistischem Denken, das erst im Entstehen war, nachhaltig bei. Eröffnet worden war die überfüllte Veranstaltung mit etwa 700 Studenten im Marburger Audi Max von dem Prorektor der Universität, Professor Reinhard, von dem sich inzwischen herausgestellt hat, daß er förderndes Mitglied der SS gewesen war. Abendroth war für mich die große Entdeckung bei dieser Veranstaltung. Es war Nähe und Vertrautheit auf den ersten Blick. Ich empfand, daß er wie kaum ein anderer nachher in der Lage war, auf viele selbst-gestellte Fragen und nicht selbst-gestellte Fragen, Antworten zu geben bzw. selbst Fragen zu stellen, die weiterführten. Und so war es kein Wunder, daß ich ihn noch im gleichen Jahr auf das Verbindungshaus einlud, nachdem ich ihm die vertraulichen Rundbriefe des Wingolf aus den Jahren 1932 bis 1936*11) zur Verfügung gestellt hatte.

Die Veranstaltung am 13. Dezember 1961 begann verspätet, weil Abendroth von einer sich länger hinziehenden Fakultätssitzung kam, auf der er seinen ersten Schüler, Jürgen Habermas*12), habilitiert hatte. Nach meinen einleitenden Bemerkungen und Abendroths Vortrag dauerte die Diskussion bis Mitternacht und hinterließ nicht nur bei mir einen bleibenden Eindruck. Im Wintersemester 1962/1963 wechselte ich das Studienfach von Germanistik zur wissenschaftlichen Politik bei Professor Abendroth und legte 1972 - nach der Referendarausbildung und dem Beginn meiner Unterrichtstätigkeit an der Steinmühle - als einer der letzten Doktoranden bei Professor Abendroth meine Dissertation über „Erwin Eckert und den Bund der Religiösen Sozialisten Deutschlands“ *13) vor. Das Thema, das Abendroth mit dieser Dissertation angestoßen hatte, hat mich seither nicht mehr losgelassen. *14)

Abendroth selbst wird diese Veranstaltung beim Clausthaler Wingolf - nicht nur wegen der am gleichen Tage erfolgten Habilitation von Jürgen Habermas“ - anders in Erinnerung behalten haben. Er war lange Zeit in der Universität isoliert gewesen. Wie Georg Fülberth in einem Nachruf auf Abendroth schrieb, war er „für die Mehrheit seiner Kollegen und ihre Familien [...] schlicht der ‘Zuchthäusler’, nicht so sehr ein (sozusagen satisfaktionsfähiger) Gegner als ein - wie er es selbst charakterisierte - ‘Outcast’“. Seinen Tiefpunkt hatte seine lokale Isolierung just zu dem Zeitpunkt erreicht, als er wegen seiner Weigerung, den Unvereinbarkeitsbeschluß von SPD und SDS mitzutragen, aus der SPD ausgeschlossen und vom Clausthaler Wingolf zu einem Vortrag eingeladen wurde. „Daß er Mitglied der hessischen Regierungspartei war, hatte ihn bei seinen konservativen Kollegen zwar auch nicht beliebter gemacht, aber nach ihrer ganzen autoritären Denkungsart hielt es sie noch zu einer gewissen Minimalvorsicht an, die sie jetzt ebenfalls nicht zu beachten brauchten“. Aus dieser Situation holte ihn, den marxistischen Gesellschaftswissenschaftler und Historiker der Arbeiterbewegung*15) erst die Studentenbewegung wieder heraus, der er selbst nachhaltige Impulse vermittelt hatte. Nicht trotz des Einflusses von Abendroth auf die traditionalistisch-orientierte Studentenbewegung und ihre Heranführung an marxistisches Denken, sondern gerade wegen dieses Einflusses muß es dann der zeitweilige Oberbürgermeister und spätere Ministerpräsident von Hessen, Walter Wallmann, von Beruf Richter, es für den immer noch währenden Zeitgeist entsprechend gehalten haben, sich in der Lokalpresse mit dem Hochverratsurteil gegen Professor Abendroth aus dem Jahre 1937 zu identifizieren. Fülberth schließt seinen Nachruf mit den Worten: „Bereits 1961 lud ihn erstmals eine farbentragende Verbindung in Marburg zu einem Vortrag über die Geschichte des Korporationswesens ein.“*16)


*1) Die am 5. Juli 1961 in Marburg beginnende Serie von Tonbandgesprächen zwischen der Philipps-Universität Marburg und der Humboldt-Universität in Berlin (DDR) kam zu einer Zeit zustande, „als so etwas noch von allen großen Parteien, auch der SPD, ‘illegal’ und ‘würdelos’ genannt wurde“ (Wolfgang Abendroth in seinem Nachruf auf Robert Neumann in: Konkret 2/1975, S.43) und ist inzwischen dokumentiert und kommentiert in: Reinhard Hübsch / Friedrich-Martin Balzer (Hrsg.) „Operation Mauerdurchlöcherung“, Robert Neumann und der deutsch-deutsche Dialog. Bonn 1994. Der Band enthält u. a. Beiträge von Wolfgang Abendroth, Johannes Dieckmann, Wilhelm Girnus, Johannes Gross, Wieland Herzfelde, Reinhard Hübsch, Heinz Kamnitzer, Reinhard Kühnl, Robert Neumann und Manfred Weißbecker. Der irreführende Titel geht zurück auf die Überschrift eines Aufsatzes von Robert Neumann, in dem er über die Tonbandgespräche im Zeitraum von 1961 bis 1964 berichtete. Siehe DIE ZEIT vom 29. Mai 1964.

*2) Zur Begründung des Austritts führte ich u.a. an: „Solange bei feierlichen Kommersen der deutschen Soldaten des 2. Weltkriegs feierlich gedacht wird, so als hätten sie das Vaterland verteidigt, solange Reden auf das ‘Vaterland’ gehalten werden, deren Funktion, nicht unbedingt deren Intention es ist, Mittel des Kalten Krieges zwischen beiden deutschen Staaten zu sein, ist es besser, diese institutionelle Erstarrung zu beseitigen oder, wenn dies nicht gelingt, die Erfolglosigkeit eines solchen Unterfangens einzusehen und die Konsequenzen des Austritts zu ziehen.“ Brief vom 20.12.1965.

*3) Als Pfarrerssohn hatte ich mich schon während der Schulzeit in dem Streit zwischen Gerhard Szczesny und Friedrich Herr auf die Seite von Szczesny geschlagen, ohne allerdings dem katholischen Linksintellektuellen Friedrich Heer meinen Respekt zu versagen. Siehe: Friedrich Heer/Gerhard Szczesny, Glaube und Unglaube, Ein Briefwechsel, München 1959. Als Konsequenz trat ich noch während meiner Zeit als Wingolfit der Humanistischen Studentenunion (HSU) bei, in der ich mit Anselm Neusüß und Joachim Kahl zusammentraf, bevor ich 1965 einen Antrag auf Aufnahme in den SDS stellte.

*4) Zu dieser Denkrichtung hat nicht nur Wolfgang Abendroth (von 1951 bis 1972 Professor für wissenschaftliche Politik an der Universität Marburg), sondern vor allem der Gießener Staatsrechtler und Leitfigur der demokratischen Bewegung in der BRD, Professor Helmut Ridder, beigetragen.

*5) Die Rede „Wider die resignative Vernünftigkeit“ ist abgedruckt in: Es wechseln die Zeiten...“ Reden, Aufsätze, Vorträge, Briefe eines 68ers aus vier Jahrzehnten (1958-1998). Mit einem Geleitwort von Manfred Weißbecker, Bonn 1998.

*6) Der Besuch des DDR-Volkskammerpräsidenten Johannes Dieckmann am 13. Januar 1961 in Marburg ist dokumentiert und kommentiert in: Reinhard Hübsch „Dieckmann raus - Hängt ihn auf!“, Bonn 1995

*7) ebd. Das Bild ist abgedruckt auf S. 121. Das Plakat spielt auf den jüdischen Kalten Krieger William S. Schlamm an. Es hätte sich aber ebenso auf den Göttinger Historiker Percy S. Schlamm beziehen können, der mit seinem SPIEGEL-Beitrag zu Hitler seinen Teil zur Entlastung einer ganzen Generation beigesteuert hatte.

*8) Wolfgang Abendroth, Robert Neumann, in: konkret 2/1975, S. 43

*9) Der Untertitel bezieht sich auf die Rundfunkserie von Robert Neumann 1959/60 und ist dokumentiert in: Robert Neumann, Ausflüchte unseres Gewissens, Dokumente zu Hitlers „Endlösung der Judenfrage“ mit Kommentar und Bilanz der politischen Situation. Hannover 1960. Siehe auch den Bildband „Hitler, Aufstieg und Untergang des Dritten Reiches. Ein Dokument von Robert Neumann. Unter Mitarbeit von Helga Koppel, München 1961.

*10) Die zwischen dem 27. August 1939 und dem 20. Juni 1940 gehaltenen Kriegspredigten sind veröffentlicht unter dem Titel Karl Bernhard Ritter, Wir haben eine Hoffnung, Kassel o.J.; Karl Bernhard Ritter, Verwandlung des Lebens, Kassel o.J.

*11) Diese Rundbriefe dienten inzwischen Eva Gottschaldt , PDS-Abgeordnete im Marburger Stadtparlament, für ihre Untersuchung „Das ist die Tat unseres herrlichen Führers“. Die christlichen Studentenverbindungen Wingolf und der Nationalsozialismus. Hrsg.: Projekt Konservatismus und Wissenschaft e.V. und der Marburger Geschichtswerkstatt e.V., Marburger Beiträge zur Geschichte und Gegenwart studentischer Verbindungen, Bd. 4, Marburg 1997. Siehe auch den Beitrag von Eva Gottschaldt „‘Wir grüßen die Fahne des Hakenkreuzes!’ - Die christlichen Studentenverbindungen Wingolf und der Nationalsozialismus“ in der Festschrift zum 60. Geburtstag von Reinhard Kühnl, hrsg. von Frank Deppe, Georg Fülberth und Rainer Rilling, Antifaschismus, Heilbronn 1996, S. 108-120.

*12) Siehe den Beitrag von Jürgen Habermas zum 60. Geburtstag von Wolfgang Abendroth „Partisanenprofessor im Lande der Mitläufer. Der Marburger Ordinarius Wolfgang Abendroth wird am 2. Mai sechzig Jahre alt“, in: DIE ZEIT vom 29.4.1966. Siehe auch den Brief von Jürgen Habermas an den Verfasser vom 26. November 1966, in dem Habermas auf seine Haltung bei der Befragung durch die Enquete-Kommission hinweist.

*13) Friedrich-Martin Balzer, Klassengegensätze in der Kirche. Erwin Eckert und der Bund der Religiösen Sozialisten. Mit einem Vorwort von Wolfgang Abendroth, Bonn 1993, 3. Auflage.

*14) In Vorbereitung befindet sich ein Quellenband mit dem Arbeitstitel: Erwin Eckert /Emil Fuchs: Blick in den Abgrund. Das Ende der Weimarer Republik im Spiegel zeitgenössischer Berichte. Herausgegeben von Friedrich-Martin Balzer und Manfred Weißbecker, mit Nachbetrachtungen von Hans Manfred Bock, Georg Fülberth, Reinhard Kühnl, Gert Meyer und Kurt Pätzold. Erscheinungstermin: Januar 2002.

*15) Siehe den Beitrag von Hans Heinz Holz über den Marxisten Wolfgang Abendroth, der viel für die Berufung des ersten marxistischen Wirtschaftswissenschaftlers Werner Hofmann und des ersten marxistischen Philosophen Hans Heinz Holz an die Marburger Universität beigetragen hat, in dieser Zeitschrift: Hans Heinz Holz, Wolfgang Abendroth - Demokratie als Sozialismus - Wolfgang Abendroth - Demokratie als Sozialismus, in: TOPOS, Internationale Beiträge zur dialektischen Theorie, Heft Demokratie, Bonn 1993, S. 99-110.

*16) Siehe Georg Fülberth, Schwieriger Übergang, in: Sozialismus, November 1985, S. 29f. Das ganze Hefte der Zeitschrift ist nach dem Tode von Wolfgang Abendroth diesem gewidmet.


2. Vortrag Wolfgang Abendroth*1)

Wenn wir die Situation des Korporationsstudententums in der Weimarer Republik analysieren wollen, nicht nur die Situation der Waffenstudenten, sondern auch Ihre, dann müssen wir davon ausgehen, daß das Korporationsstudententum dieser Periode in bestimmten sozialen Bindungen gestanden hat, ganz ohne Zweifel, und in bestimmten politisch-ideologischen Bindungen, die ganz einfach durch die damaligen sozialen Positionen der Herkunftsschichten dieses Korporationsstudententums bestimmt gewesen sind.

Gerade diese Überlegung hilft uns übrigens, von billiger und im Grunde gleichgültiger, sozusagen moralisch-ethischer Bewertung der Fakten zur realen politisch-soziologischen Bewertung der Fakten zu kommen, die keineswegs nun moralische und ethische Komponenten ausschließt, sondern durchaus einschließt, aber dabei durchaus weiß, daß die damals, wie ich Ihnen zeigen werde, durchaus verfehlte Verantwortung der damaligen Korporationsstudenten und auch die Ihres Verbandes durch Komponenten politisch-soziologischer Art mitbestimmt war, die zu durchbrechen wahrscheinlich eine übermenschliche Aufgabe bedeutet hätte.

Denn Sie müssen sich darüber klar werden: Als die Weimarer Republik und damit die erste längere Zeit funktionierende Demokratie in Deutschland entstand, da entstand sie aus dem Ringen einer bestimmten, sehr genau definierbaren sozialen Klasse, der Arbeiterklasse, gegen die Identifikation von monarchisch obrigkeitsstaatlicher Gestaltung des politischen Lebens und sozialer Verbundenheit nicht nur der obersten Oberschichten, sondern sehr breiter Oberschichten der damaligen Zeit mit diesem politischen System: Aus einer Identifikation heraus, die die erstaunlichsten politischen Konsequenzen, wenn man sich sozusagen als Beobachter aus fernen Zeiten die Dinge ansieht, gehabt hatte und vielleicht auch haben mußte.

Ein Verband wie der Ihre war ja keineswegs allein dadurch bestimmt, daß er sich als Korporation, als studentische Korporation wußte, sondern war ebenso bestimmt durch die, wie sich zeigen wird, zu einer bloßen Mentalitätsform abgesunkene protestantisch-christliche Bindung des Verbandes. Dabei dürfen Sie nicht vergessen, daß bereits vor dem 1. Weltkrieg, dann aber betont durch die emotionale Erfassung breitester Schichten des deutschen Volkes zugunsten einer solchen Konzeption im 1. Weltkrieg, sich das deutsche nationalstaatliche Bewußtsein, wie es nur durch die Ober- und Mittelklassen, nicht durch die dagegen opponierende Arbeiterklasse, wenigstens nicht durch ihren politischen Kern, getragen war, sich dahin gewandelt hatte, und zwar sehr deutlich, wir könnten das in Schichten verfolgen, seit dem Ende der 70er Jahre, daß man die frühere nationalstaatliche Konzeption noch - sei es belastet, sei es befruchtet - durch die Problematik und noch die Aufgabe der Begründung eigener Nationalstaatlichkeit bis zum Zusammenschluß des Norddeutschen Bundes mit den süddeutschen Ländern vor sich hatte, daß dies nationalstaatliche Bewußtsein nun umgeschlagen war in ein nationales Sendungsbewußtsein, das sich sehr bald mit sehr handfesten und realen ökonomischen Interessen einer sehr engen Oberschicht, eines sehr engen Teils der Oberschicht, nämlich in Wirklichkeit der Spitzenschichten, nicht des liberalen, sondern des organisierten Kapitalismus, zur Weltmachtpolitik imperialistischer Art verschmolzen hatte, wobei nun diese Weltmachtpolitik sozusagen sich ideologisch überformte in einer aggressiv nationalistischen Gesinnung, die mit dem Begriff des Nationalismus und des nationalstaatlichen Denkens, wie es einst im Zeitalter der bürgerlichen Revolution entstanden war und seine Bedeutung, auch seine progressive Bedeutung, hatte, im Grunde nichts mehr gemein hatte außer der Identifikation mit bloßen Phrasen.

Wie stark dieser Drall in Richtung des aggressiven Imperialismus, identifiziert mit der Anbetung der obrigkeitsstaatlichen monarchischen Struktur des Staates, geworden war, dafür haben wir jetzt in einer neueren historischen Arbeit, weit über die ausgezeichneten Untersuchungen Hallgartens in seinem Buch über den deutschen Imperialismus vor 1914 hinaus, einen klassischen Beleg, nämlich in dem Buch Fritz Fischers, des Hamburger Historikers Fritz Fischer über diesen Umschlag und über die Kriegszielpolitik Deutschlands in der allerersten Phase seines ersten großen imperialistischen Raubkrieges, nämlich des Krieges von 1914.

Wohlgemerkt, diese Identifikation war im Zeitalter der Transformation des Bewußtseins der früher demokratisch-national denkenden Bildungsschichten Deutschlands in dies neue imperialistisch aggressiv obrigkeitsstaatliche Bewußtsein leicht erklärlich. Denn es ist nun einmal so, daß wenn eine Sozialschicht, ich möchte hier Bert Brecht strapazieren, sich sozusagen im Wohlstand weiß, daß dann diese Sozialschicht allzu leicht alle kritischen Bewußtseinsformen abstreift und ihre schlechte, nämlich nun im schlechten Sinn ideologische Identifikation mit der realen Machtlage vollzieht.

Das ist kein Vorwurf, sondern eben eine durch die Sozialwissenschaften immer wieder erwiesene Tendenz in der geschichtlichen Entwicklung nicht nur Deutschlands, sondern jeder Nation. Und deshalb beschmutzen wir auch unser Nest nicht, wenn wir am Beispiel unserer eigenen Geschichte derartige Verirrungen analysieren. Wir beschmutzen es a) nicht als Nation, dieweil wir, wenn wir genau hinsehen, genau die gleichen Züge mit anderen Resultaten, weil es nämlich besser ging oder gut ging und friedlichere Transformationen stattgefunden haben, in jeder anderen großen industrialisierten Nation zu beschreiben vermögen, wir beschmutzen es aber auch b) hinsichtlich sozusagen der Sozialschicht nicht, in der sich so etwas vollzieht.

Ich glaube, der einzige moralische Vorwurf, den wir hier erheben dürfen und erheben müssen, richtet sich höchstens gegen einige, sozusagen Spitzenfiguren der intellektuellen Welt, der man um ihres Anspruchs auf intellektuelle Objektivität willen eben mehr und anderes abverlangen müßte. Der Vorwurf also, den ich gleich sozusagen Ihnen gegenüber hinsichtlich Ihrer eigenen Geschichte zu belegen habe, ist im Grunde gar nicht ein Vorwurf an all die Studenten, die in solche Verirrungen hineingetorkelt sind, sondern viel stärker ein Vorwurf, wenn man es überhaupt moralisch und ethisch analysieren will, was man ja auch muß, an diejenigen, die sozusagen die Mentalitäten ideologisch verbrämt und überbaut haben, denen diese studentischen Schichten zum Opfer gefallen sind: Ein Vorwurf also viel stärker an die Herren Professoren, als an die Herren Studenten von damals.

Aber zurück zum Problem. Wir haben gesehen, daß diese Identifikation mit den imperialistischen, ins Imperialistische transformierten ehemals nationalstaatlichen Zügen sich in der ganzen deutschen, sozusagen beamtete Stellungen erstrebenden Mittelschicht noch vor dem 1. Weltkrieg vollzogen hatte, so weit vollzogen hatte, daß die Züge kritischen Denkens solchen Positionen gegenüber natürlich in den herrschenden Klassen vollständig untergegangen waren, so daß sie auch in deren sozusagen intelligentesten und zweifellos wissenschaftlich bedeutungsvollsten Ideologen, ich nenne einen Mann wie Max Weber in der Soziologie, aber auch eben in den Unterschichten versunken waren, versunken waren in einer Weise, daß erstens demokratisch-kritisches Denken und zweitens dem Imperialismus und der Raubkriegsideologie gegenüber ablehnendes kritisches Denken längst vor 1914 zum Monopol der Sozialdemokratie als der politischen Repräsentation der Arbeiterklasse geworden war, der gleichen Sozialdemokratie, die in dieser Mentalität der Gesamtgesellschaft sozusagen von allen anderen Schichten der Gesellschaft als der Abschaum der Menschheit empfunden wurde. Nicht anders als etwa heute antikommunistische Akzente dort, wo sie wachgerufen werden, den Mann außerhalb der diskutablen Gesellschaft stellen.

Sie wissen, wenn Sie etwa, jetzt wieder im theologischen Bereich, an den Kampf um jenen Blumhardt denken, den Vater wie den Sohn, die aus kritisch-theologischen Positionen heraus den Weg zu der kritischen Partei und zu der Kritik dieser Mentalität überhaupt gefunden haben, wie etwa die Kirche auf solche Züge reagiert. Ich meine jetzt Ihre Kirche, die protestantische Kirche, nicht die katholische, die nicht im mindesten anders reagierte, aber das wäre ein Problem einer Spezialuntersuchung, die ich nicht hier anzuschneiden nötig habe. Hier hatte sich in Wirklichkeit eine Mentalität, und das betraf Ihre Verbindung als eine durch die Kirche mitbestimmte, durch kirchliches Denken mitbestimmte Verbindung, entwickelt.

Im übrigen war hier die Mentalität aller theologisch diskutierenden Gruppen wesentlich ähnlich. Das hatte sie in dieser Weise durchspielen können, weil diese protestantische Kirche und die zahlreichen Theologen etwa, die dem Wingolf angehörten, in kirchlichen Dienst treten wollten oder Elternhäusern entstammten, die dem kirchlichen Dienst entsprangen, weil diese Kirche Staatskirche war und sich bei der immer noch geltenden prinzipiellen Wendung zum Summepiskopat des Landesfürsten sich geradezu als Exekutor und identischer Faktor dieser politischen Ordnung wußte.

So war es nicht erstaunlich, daß die Angehörigen der studentischen Korporationen Ihrer Art in dieser Zeit - der Wingolf stellte dabei im Grunde kein Spezialproblem dar - in diese Rolle der Bindung an diese Mentalität, dieser merkwürdig gemischten Mentalität aus christlichen Phrasen, denn kritisches christliches Denken war hier zur bloßen, die schlechte Realität segnenden Phrase abgesunken, und aus Bejahung imperialen Machtstaatsdenkens hineingelangt waren.

So war es nicht zu verwundern, daß die Studentengeneration des Jahres 1914 zu jener Massenhysterie des Jahres 1914, die in Langemark gipfelte, bereit wurde. Wenn wir das feststellen, so ist damit der Heroismus des einzelnen Studenten, der Anerkennung verdient, der hineingelangt war in dieses Denken, in seinem Einsatz für solche entfremdeten Ziele, gar nicht bezweifelt. Im Gegenteil. Und sicherlich mag, neben dem Denken der Jugendbewegung, das nebenbei bemerkt in seinem unkritischen Charakter in ähnlichen Entfremdungen endete, zu dieser Einsatzbereitschaft, einem an sich positiven Faktor also, mag sicherlich auch das Denken nicht nur Ihrer Korporation, sondern das korporative Denken der Studenten überhaupt seinen Teil beigetragen haben.

Und nun müssen wir, um den Weitergang zu verstehen, wieder wissen, daß eben in diesem ersten Wettrennen zweier Machtgruppen von imperialistischen Staaten um die Neuverteilung der Welt - und das war der wirkliche Inhalt dieses 1. Weltkrieges -, daß in diesem Ringen nun deutlich die Gruppe der Mittelmächte unterlag und geschlagen wurde, wobei sich dann sehr rasch herausstellte, daß die geradezu wahnwitzigen Ziele, die sich die gesamten Oberschichten in der ersten Phase des 1. Weltkrieges gestellt hatten, und die, nebenbei bemerkt, in ihren außenpolitischen Ambitionen, wie Fritz Fischer im einzelnen nachweist, in nichts, noch nicht einmal in den Methoden der Menschenbehandlung, auf die man abstellte, sich von den späteren Abenteuern Hitlers unterschieden haben, daß diese Ziele sich als Hybris enthüllten.

Das wurde Teilen dieser Oberschichten und der Ideologen bereits während des 1. Weltkrieges klar. Und daraus erklärt sich nun der Weggang einer ganzen Reihe von geistigen Köpfen, die diese Hybris zunächst mitgetragen hatten, nachdem sie die Bedeutung der Marneschlacht begriffen hatten. Daraus erklärt sich jenes Schisma, wenn Sie so wollen, in den deutschen Oberschichten, das sich dann nach der Friedensresolution des Reichstags und im Ringen um diese Friedensresolution im Jahre 1917, nach der 1. Russischen Revolution, was ich nicht zu vergessen bitte, im Ringen zwischen der Vaterlandspartei und dem Bund Neues Vaterland demonstrierte.

Dabei rutschte auch ein Teil liberal denkender, jetzt meine ich gar nicht kirchlich liberal denkender, sondern eben politisch liberal denkender Theologen führender Art nun in das Lager derjenigen, die begriffen hatten, was war, während die Vaterlandspartei mit ihrem annektionistischen Wahnsinn und die oberste Heeresleitung und die Regierung das nicht zu begreifen vermochten, sondern an ihrem imperialistischen, annektionistischen Wahnsinn festhalten wollten.

Aber dies bloße Begreifen, was war, also der realpolitischen Unmöglichkeit radikaler annektionistischer Lösungen zugunsten Deutschlands, erwies sich zunächst noch gar nicht als eine Reinigung von früherem Denken, sondern als eine realpolitische Einsicht und nicht mehr: Bei Max Weber, bei Friedrich Naumann, teilweise auch bei manchen Männern, die dann später darüber hinwegkommen konnten. Nennen wir Ernst Troeltsch und viele andere aus diesem Zirkel.

Für die Studenten, die an die Fronten geeilt waren, und dazu gehörten Ihre späteren Kameraden, die nun in der ersten Phase der Entwicklung in der Weimarer Republik die Entwicklung Ihres Verbandes getragen haben, stellten sich notwendig die Probleme anders und nicht so realistisch. Denn diese Studenten, die an die Fronten geeilt waren und nun die junge Offiziersgeneration stellten, waren aus den Korporationen gekommen, dann, von der Front zurück, in die Korporationen zurückgekehrt. Diese jungen Leute, die da vorne an der Front kämpften, konnten sich gar nicht das Material dazu holen, um festzustellen, was nun weltpolitisch wirklich war und was sich in der Heimat vollzog.

Und dazu müssen wir wieder eins bedenken, um diese ganze Mentalität zu verstehen, von der aus wir allein dann die Geschichte der Korporationen in der Weimarer Republik zu begreifen vermögen: Beim ersten Rausch des ausbrechenden Weltkriegs hatten sich auch die Unterklassen plötzlich in wenigen Tagen der Mentalität der herrschenden Klassen angepaßt und unterworfen. Sie denken an jenen Prozeß, der zur Bewilligung der Kriegskredite für einen imperialistischen Raubkrieg durch die sozialdemokratische Partei, dieser verfemten Opposition, geführt hat. Es wäre lächerlich, wie es die Kommunisten tun, zu behaupten, daß dieser Umfall dort oben in der Reichstagsfraktion ein „Verrat“ gewesen sei, denn die Massen, sie dachten nicht anders.

Der Begeisterungstaumel des August 1914 hatte für wenige Wochen, sagen wir besser wenige Monate, ausgelöscht, was an kritischem Bewußtsein in dieser deutschen Gesellschaft vorher existiert hatte, und es waren nur wenige Männer und Frauen, vereinzelte Männer und Frauen, die diesem Rausch kritisch zu begegnen vermochten.

Das aber war inzwischen, wenn wir nun den Kriegsverlauf ansehen, und wenn wir uns in diese Phase des Jahres 1917 hineindenken, deren unmittelbare Folge dann jener November 1918 war, der die Dinge veränderte, sehr bald wieder anders geworden.

Da wachte unten, zunächst in den proletarischen Massen und bei den früher zur Sozialdemokratie tendierenden Intellektuellen, der frei schwebenden Intelligenzschicht, wenn Sie so wollen, das kritische Bewußtsein in breiterer Weise wieder auf. Und das führte zu den berühmten Massenstreikbewegungen in Deutschland, beginnend mit jenem Demonstrationsstreik gegen das Zuchthausurteil gegen Karl Liebknecht, der im Jahre 1916 bereits ausbrach. Dann überschlagend in die großen Streikwellen und in die Marinemeutereiwelle, sachlich gesehen eine Streikwelle auf den Schiffen des Jahres 1917, dann nach dem Siege der russischen, kriegsfeindlichen Revolution, der Oktoberrevolution des Jahres 1917, folgte die nächste große Welle, jene Massenstreikwelle der Munitionsarbeiter von 1918, des Januar 1918, ausgelöst durch die Selbstenthüllung des imperialistischen Raubcharakters dieses Krieges in den Bedingungen, die man der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik im Friedensvertrag von Brest-Litovsk aufzwingen wollte.

Alles das wußten diese Studenten, als Frontoffiziere vorne, die die Prozesse, die dahinter standen, nur aus der Ferne kannten, nicht. Was lag da näher für sie, als anzunehmen, nachdem das Debakel nun offenkundig da war, und nachdem das Debakel nun umgeschlagen war in die Revolution des Jahres 1918, daß die Niederlage dieses herrlichen schimmernden Heeres durch einen Dolchstoß von hinten der schäbig arbeitenden Marxisten herbeigeführt worden sei. Ein sozialpsychologisch leicht verständlicher Prozeß. Ein Prozeß, der aber diese Studentengeneration, soweit sie aus solchen Schichten stammte, in heftigste Opposition gegen die werdende Demokratie von vornherein hineinführen mußte, wenn sie nicht verstand, dieses Empfindungsdenken, dieses unkritische Empfindungsdenken durch kritische Analyse zu überwinden.

Aber wo sollte sie dazu den Anreiz finden? Denn die Schicht, jetzt rechne ich wieder in Majoritäten, es gab da rühmliche Ausnahmen genug, aber die Schicht der akademischen Lehrer dieser Periode, sie dachte ja ähnlich. Dies ähnliche Denken in jener Schicht, es war in stärkerem Maße Verschulden, weil es an mangelndem Gebrauch dessen hing, was der akademische Lehrer haben sollte, nämlich wissenschaftliche Kritik und Hang zur Objektivität. Aber, der Tatbestand war da.

Die Hochschullehrer, die diese Studenten nun vor sich sahen, waren mit wenigen Ausnahmen - zu den rühmlichen Ausnahmen gehört hier Ernst Troeltsch - im allgemeinen geradezu darauf angelegt, dieses Scheinbild, das nur sozialpsychologisch, aber nicht durch die Objektivität verständlich war, mit scheinwissenschaftlichen Argumenten, zum Teil mit unmittelbarem wissenschaftlichen Schwindel, und das gilt für den Großteil der Historiker der damaligen Zeit, ich will das gar nicht verdecken, zu begründen.

Die Opposition dieser Schicht, die sich dem Obrigkeitsstaat verbunden gewußt hat, die in der ersten Phase des Krieges davon geträumt hatte, daß die Welt am „deutschen Wesen genesen“, und das heißt, daß die großen deutschen Konzerne über ganz Europa gebieten würden, aber damit auch ihre Art „wissenschaftlichen“ Denkens, diese Schicht war in dieser Mentalität stehengeblieben. Sie wußte sich nun bedroht durch sozialistische Revolution und Demokratie.

Hinzu kam ein Weiteres: diejenigen, die hier kritisch opponierten, etwa in intellektuellen Kreisen, waren wieder, aus soziologisch leicht verständlichen Gründen, im allgemeinen diejenigen, die sozusagen im sozialen Aufstieg in der früheren Scheinselbstbestätigung des Willhelminischen Reiches in seiner Periode der Blüte benachteiligt gewesen waren. Und das waren nun einmal die Juden.

Infolgedessen war für den jüdischen Intelligenzler der Zugang zur objektiven Analyse der Situation viel leichter als für den nichtjüdischen Intelligenzler. Da dem aber so war, war es wieder verständlich, daß jener bis dahin nur angebahnte Antisemitismus, der zweifellos im Wilhelminischen Reich seine Rolle, seine erhebliche Rolle spielte, aber eben als bloß latenter gesellschaftlicher Antisemitismus, nun Blüten trieb, die erstaunlich wurden.

Denn nun wußte dieser Student, der von solchen Hochschullehrern, von solchen „Alten Herren“, die in diesen Legenden dachten, erzogen und durch sie bestimmt wurde, der als zurückkehrender Kriegsteilnehmer und Frontoffizier die Dinge gar nicht kritisch zu analysieren imstande gewesen war, sondern nur erlebt hatte, daß, während er sich draußen schlug, sich hier eine politische Änderung vollzogen hatte. Nun wußte dieser junge Student sehr häufig, daß derjenige, der diese seine Vorstellungskraft kritisiert und aufzulösen trachtet, das ist in der Intelligenzschicht der Jude, das ist im übrigen die demokratische Arbeiterbewegung, und demokratisch in diesem Sinne war damals unzweifelhaft noch auch die Arbeiterbewegung in ihren radikalsten Formen, etwa in kommunistischen Formen, wenn Sie an die Bürgerkriegsperiode in Deutschland denken und sich etwa vorstellen, daß damals noch die Formulierung Rosa Luxemburgs, daß Freiheit immer Freiheit der Andersdenkenden sei, sogar in die Programmvorstellungen dieser Kommunistischen Partei hineingerückt war.

Und also entstand hier ein merkwürdiges Gefühlsgemisch in dieser Sozialschicht, organisatorisch gefroren in den Korporationen, aus welchen Gründen, werde ich Ihnen gleich zeigen, in dieser Sozialschicht der jungen Studenten, das antisemitisch-völkische, „christliche“, scheinchristliche wohlgemerkt, und antidemokratische Züge verband, zunächst als unbestimmtes Gemisch von Gefühlen.

Dabei hatte auch die antisemitische Komponente ihre Geschichte, ihre Geschichte in der akademischen Jugend seit der Zeit, in der der VDSt als erster eine Korporation des virulenten kleinbürgerlichen Antisemitismus wurde, wie vorher in den Reihen der christlichen Kirche Stöcker den Antisemitismus in besonderer Form zur Blüte gebracht hatte. Und tatsächlich gab es hier ja sehr viele geistige Verbindungszüge.

Das hatte sich schon vor dem 1. Weltkrieg auch auf die anderen Korporationen erstreckt, wenn auch noch nicht mit deutlichen Ausleseformulierungen. Es drängte nun weiter nach vorn in der Situation nach dem Ende des 1. Weltkriegs und dem Siege der Revolution, die ich charakterisiert habe.

Und so war es kein Wunder, daß in der Periode des Bürgerkrieges um die Demokratie in Deutschland, in der Periode, die wir durch das Endjahr, genau besehen 1920, im wesentlichen charakterisieren können, denn das Jahr 1923 mit seiner erneuten Krise stellt dann eine Sonderproblematik dar, daß in dieser Periode des Bürgerkrieges diese korporierten Studenten, einschließlich derer, die sich wie Ihre Verbindung für „christlich“ hielten, die virulente „Aktivitas“ der Gegenrevolution, und zwar der militanten und schießenden Gegenrevolution darstellten.

Denken Sie an jene Periode, in der z.B. hier in Marburg Studentenbataillone, Zeitfreiwilligenbataillone nur aus Studenten aufgestellt wurden, die nun singend, raubend und mordend durch Thüringen zogen, um sozusagen ihr Mütchen an den Thüringischen Gegnern - in Thüringen, einem hochindustrialisierten Land, stand die Bevölkerung generell links, auch die Landbevölkerung, weil ja die Industrialisierung das Land erfaßt hatte -, für den Verlust des Kapp-Putsches zu kühlen.

Ich erinnere an den Mordprozeß, der dann wegen dieses Raubzuges abgespielt wurde und in den eine ganze Reihe Marburger Korporationsstudenten hineingezogen wurde. Aber das war kein besonderes Signum von Marburg, denn Sie können an jeder anderen Studentenschaft dieser Periode die gleichen Züge überprüfen.

Zufällig, weil einer meiner Vettern, der Pfarrer geworden ist und Wingolfit war - mit dem ich übrigens sehr befreundet gewesen bin, ein anderer Vetter, der Jurist war, war auch Wingolfit -, wußte ich sehr genau darüber Bescheid, in welcher Weise, so auch in den Wingolf-Verbindungen der damaligen Zeit, die militärische Ausbildung auch dann nach dem Jahre 1920 noch großgeschrieben wurde zum Weiterführen eben dieser Mentalität des antidemokratischen und antisozialistischen Bürgerkrieges und wie weit die Mentalität der Abneigung gegen die Juden hier wie alle anderen Korporationen so auch den Wingolf erfaßt hatte. Auch in den entsprechenden studentischen Korporationen war es das Anliegen, den völkischen, das heißt auch den antisemitischen Volkstumsgedanken gegen die nationale Existenz einer Demokratie als einer Staatsvolkinstitution zu stellen. Im Einklang mit dieser Position stand die Ablehnung der demokratischen Struktur des Weimarer Staates, die Ablehnung des angeblich hypertrophierten jüdischen Einflusses in diesem Staat, und damit der Juden als „volksfremder Elemente“, und selbstverständlich die Ablehnung jeder Form der Arbeiterbewegung. In der ganzen Periode der Weimarer Republik gab es in wechselnden Formen gleichzeitig die Position des militanten, nicht friedlichen Revisionswillens gegenüber dem Versailler Vertrag, repräsentiert durch die Hochschulringe deutscher Art und durch die entsprechenden Korporationszusammenschlüsse.

Es war dabei soziologisch interessant, daß diese Mentalität, repräsentiert durch die Korporationen, die nur vorübergehend - unmittelbar nach der Revolution - Auseinandersetzungen darüber zeigten, aber mit eindeutigem Sieg eben der so denkenden Elemente, gestützt auf die Mentalität der „alten Herren“ dieser Korporationen, daß diese Entwicklung sogar von den Führungsklassen, die sie erst produziert und gestützt hatten, um sozusagen den Sieg in der bürgerlich werdenden Republik behalten zu können, das Gegengewicht gegen die Arbeiterbewegung zu halten, vorübergehend einmal bedauert wurde. Verständlicherweise in der sozialgeschichtlichen Periode, in der die Weimarer Republik sich auch ökonomisch stabilisiert hatte, nach dem Dawes-Plan und der Überwindung der Deflationskrise, in jener Periode, in der wir vorübergehend auch einmal eine Hochkonjunktur hatten. Der gleiche Reichsverband der Deutschen Industrie, der vorher diesen militanten, antisemitisch-völkischen Geist des Korporationswesens energisch gefördert und finanziell ausgestattet hatte, er wandte sich nun der Versöhnung mit der Realität zu. Der politische Ausdruck dieser Versöhnungsperiode ist jene Periode, in der der ehemalige Radikal-Annektionist Stresemann sich zum wirklich großen Staatsmann entfalten konnte.

Dramatisch trat das Ganze in der Rede zutage, die Duisberg, der Chef des werdenden IG-Farben-Konzerns, im Jahre 1927 hielt, in der er betonte, daß auch die studentischen Korporationen, das studentische Verbindungswesen und die Studentenschaften doch jetzt ihren Frieden mit der Realität und mit der Republik machen müßten, denn die Gefahr des Sozialismus und sozialistischer Umgestaltung der Republik sei überlebt, und was an solchen Normen noch in der Weimarer Verfassung stecke, sei gänzlich uninteressant geworden, weil es ja praktischer Verwertung nicht mehr zugänglich sei. Es lasse sich in diesem System, sozusagen wie die Konjunktur ad oculus demonstrierte, durchaus existieren und leben.

Verständlich, daß diese junge Studentengeneration von damals, daß auch ein Teil der dahinterstehenden „alten Herren“ diese Wendung nicht voll mitvollziehen konnte, weil diese ihre Mentalität, die ich charakterisiert habe, nun Eigenständigkeit gewonnen hatte und man damals Bevölkerungsstimmungen noch nicht so rasch und so gut ummanipulieren konnte, wie wir das technisch im Dritten Reich, aber technisch auch in der Nachkriegsperiode so gut vordemonstriert bekamen.

So blieb also trotz dieser Versöhnungsperiode, in der allerdings das militant gegenrevolutionäre Denken dieser gesamten Korporationswelt, inklusive Ihrer, Sie stellen gar keinen Sonderfall dabei dar, eher einen Fall größerer Mäßigung als etwa bei den Waffenstudenten, die Tatsache, daß dies Denken sich dann doch zwar milderte, aber bestehen blieb.

Und als dieses System zunächst gar nicht politisch, sondern nur ökonomisch in eine neue Krisenperiode eintrat, konnte dieses Denken zu größter Virulenz und neuer Kraft aufsteigen. Zunächst war ja die Krise, der dann die Weimarer Demokratie und ihre politische Ordnung zum Opfer gefallen ist, gar nicht eine politische, sondern allein ökonomische Krise, ausgelöst, gerade jetzt wieder vom studentischen Boden aus gesehen, durch mehrere Momente: rein ökonomisch ausgelöst von jener Überproduktionsperiode und Stagnationsperiode, die schon Ende 1928 deutlich wurde, und den sozialen Kämpfen, die von dort ausgingen, aber immer von einer merkwürdigen Parallelerscheinung, die wir heute nicht haben, begleitet, von der Parallelerscheinung nämlich der strukturellen Erwerbslosigkeit selbst in der Konjunktur, also einem Rest von Erwerbslosigkeit, der selbst auf dem Ast der Hochkonjunktur verblieben war und der sich besonders stark gerade für die akademische junge Generation demonstrierte. Sie zeigte sich dadurch, daß hier eine ganze Anzahl von juristischen, von sonstigen, auch philologischen Führungsstellen ganz einfach durch die Reduktion des deutschen Reichsgebiets und durch die Steigerung der Studentenzahl entfallen war, so daß dem jungen Studenten, selbst demjenigen, der in den Jahren der Hochkonjunktur 1927/28 Examen machte, keineswegs jene sichere Aussicht auf berufliche Verwendung in solchem Maße offen stand, daß er seine Statusansprüche, die er mit dem akademischen Herrenbewußtsein, das ihm die Korporationen wie die Universität vermittelt hatten, mitbrachte, verwirklichen konnte, daß ihm eine solche Verwirklichung seines Berufslebens durchaus nicht sicher war.

In Wirklichkeit setzt dies Problem der Übersetzung sozusagen des Studiums in breitestem Maße tatsächlich auch erst nach 1918 an. Aus vielfachen Gründen. Einmal aus dem Grunde, daß hier nun sozusagen gestaut eine ganze Reihe von Jahrgängen im Studium zusammentrafen, denen natürlich nicht entsprechende Abgänge in die Sozialpositionen, die die Leute nach dem Examen einnehmen wollten, entgegenstanden. Auf der anderen Seite ergaben sich Stauungen durch einen allgemeinen sozialen Prozeß, der alle Industriegesellschaften bestimmt, aber darüber hinaus die Situation wesentlich erweitert und nicht zuletzt wesentlich verändert.

Auch dies Moment müssen wir bei dem Entstehen dieser Mentalität und bei dieser translatio imperii von der obrigkeitsstaatlichen imperialistischen Mentalität des Korporationswesens vor 1914 in das aktiv antirechtsstaatlich konterrevolutionäre Denken nach 1918 in Betracht ziehen.

In jeder modernen Industriegesellschaft, nicht nur in der deutschen, erzwingt die Struktur der bloßen Industriegesellschaft die Erweiterung des Bildungsniveaus der Gesamtbevölkerung, denn eine moderne hochindustrielle Gesellschaft kann ohne solche Erweiterung nicht existieren. Ein Prozeß, den Sie vielfältig auch heute beobachten können, der sich übrigens, und das gehört auch wieder zum Verständnis dieses Prozesses, in kapitalistisch organisierten Gesellschaften anders vollzieht als in sogenannt sozialistisch organisierten, also auf gesellschaftlichem Eigentum basierenden Gesellschaften. In solchen Gesellschaften, die sich rasch anindustrialisieren, wird dieser Prozeß von vornherein geplant und daher überbewertet. In den kapitalistischen entsteht er erst auf einem bestimmten sozialen Niveau und ökonomischen Niveau der Gesamtentwicklung als breiter Prozeß.

Das hatte zur Folge, daß, während in der klassischen Struktur der Gesellschaft, der das Korporationswesen historisch entstammt, nur die gesichert begüterten Schichten ihre Söhne zum Studium geschickt hatten, jetzt andere Schichten zum Studium drängten.

Wenn Sie das soziologisch etwa an der Weimarer Republik analysieren, so finden Sie, daß damals bereits die große Majorität der Studenten gar nicht aus akademisch gebildeten Elternhäusern stammt oder aus den Oberklassen, das war wenig mehr als ein Drittel bis 40 Prozent, das schwankt im einzelnen, während die Majoriät der Studenten, die nun nach 1918 zum Studium drängen, den, wenn wir in den Strata-Vorstellungen der amerikanischen Soziologie oder etwa Geigers sprechen, lower middle-classes entsprangen, also den mittleren Beamtenschichten, den Angestelltenschichten und dergleichen mehr.

Diese Studenten brachten aber nun eine merkwürdige Bewußtseinslage mit. Erstens das Bewußtsein des Tatbestandes, daß ihr Studium nicht ökonomisch gesichert war, daß sie aber nun gerade die ökonomische Sicherung jenseits des Studiums doppelt erstrebten, denn das war ja ihre Statusbestätigung. Dann das Bewußtsein des Minderwertigkeitskomplexes, des sozialen Minderwertigkeitskomplexes gegenüber den Studenten aus den traditionalen akademischen Führungsschichten, und gerade um dieses sozialen Minderwertigkeitskomplexes willen, der sich immer sozusagen als Anpassungskomplex gegen das putativ Obere darstellt, auch das ist ein generelles Gesetz jeder Gesellschaft, das ist kein spezieller Vorwurf, der hier erhoben wird, mußte sich nun darin zeigen, daß sie gerade in jenen von klassischen Schichten getragenen und von den „Alten Herren“ dieser klassischen Schichten gehaltenen Korporationen den Idealpunkt für sich sahen.

Die Aufnahme in die Korporation war der Ausweis ihres neuen sozialen Status für ihr Bewußtsein, für ihr durchaus ja unkritisches Bewußtsein. Aber wer half ihnen von den akademischen Lehrern denn zu kritischem Bewußtsein? Und deshalb liegt in diesem Anpassungsvorgang wiederum kein Vorwurf, sondern eine objektiv historisch-soziologische Feststellung, nicht mehr.

Aber in diese Lage platzt nun für diese gesamten Schichten ein doppelter Prozeß hinein, erstens für die Oberschichten, die traditional akademischen Schichten, und den Teil der selbständigen, jenen Teil der aus den selbständigen Mittelschichten, jetzt nicht nur Angestelltenschichten und dergleichen entstammte, der Vorgang jenes inflationären Prozesses, der im Jahre 1923 kulminiert und all diesen Schichten ihre frühere Vermögensgrundlage nahm. In Wirklichkeit handelte es sich hier um einen mittels der politischen Gewalt und ihres Mitwirkens vollzogenen Raubprozeß groteskester Art, einen Raubprozeß der großen Sachwertbesitzer, der großen Konzerne nämlich, gegen die Gesamtbevölkerung, nämlich gegen die Mittelschichten und nichts anderes. Gewiß spielte dabei auch die politische Ordnung eine Rolle, nämlich die Regierung Cuno und ihre Vorgänger, die diesen Prozeß mitorganisiert haben, aber im Interesse der Konzerne, denen die Herren dieses Kabinetts zum großen Teil entstammten.

Für diese Studenten aber und die Betroffenen stellte sich das Ganze als ein Raubprozeß des demokratischen Staates gegen die Sicherheit, die es im Obrigkeitsstaat einst gegeben hatte, dar. Das war zwar ein falsches Bewußtsein, aber wiederum ein verständliches Bewußtsein. Hinzu kam, daß durch diese Vermittlung sich dies gegenrevolutionäre Bewußtsein der Periode bis 1920 nun in die folgende Periode leicht transformieren ließ.

Das alles wiederholte sich aber dem Schein nach nun nach 1929 in breitester Weise durch den Prozeß der ökonomischen Krise, die die Berufsaussichten der gesamten akademischen Jugend, abgesehen von denen, die durch allzu enge Familienbeziehungen voll abgesichert waren, geradezu auf den Nullpunkt sinken ließ.

Ich erinnere nur daran, daß, als ich selbst mein Referendarexamen ablegte, im Jahre des Heils 1930 die Durchfallquote schon etwa 70 % in Preußen betrug, weil man auf diese Weise sieben wollte. Sie können sich vorstellen, was das nun für jeden einzelnen Studenten hieß, denn das war kein besonderes Charakteristikum bei der juristischen Fakultät, und daß darüber hinaus für denjenigen, der ohne sogenanntes Prädikatsexamen bestand, sich herausstellte, daß wenn er auch nur als Assessor, als bezahlter Assessor im Staatsdienst Unterkunft finden wollte, nun mit einer Wartefrist nach dem zweiten Staatsexamen von mindestens sieben Jahren zu rechnen hatte. Dann können Sie sich etwa von der Situation, in der der damalige Student sich befindet und die er nun ideologisch überformt, ein Bild machen. Man wußte die Vertreter der Linken in Deutschland als „Feinde“ in der akademischen Jugend. Das normale akademische Bewußtsein ging nun dahin, die Prozesse, die sich hier realiter abspielten, nicht durch soziologische Analyse und Kritik zu erhellen, sondern zu verdunkeln, und in dies gleiche Bewußtsein abzugleiten, wenn wir wieder absehen von einer Anzahl von Hochschullehrern, die anders verfuhren. Aber in dieser Anzahl von Hochschullehrern, die anders verfuhren, war nun wieder die Majorität mit dem Makel jüdischer Herkunft oder jüdischen Glaubens ausgestattet. Gerade gegen diese jüdische Herkunft und diesen jüdischen Glauben war man mobilisiert und geimpft worden. Und so war es wieder nicht zu verwundern, daß dieser Prozeß der Krise, der nun einsetzt, der so präparierten Studentenschaft, die durch das von den „Alten Herren“ vermittelte obrigkeitsstaatliche Bewußtsein von früher gestaltet war, umschlug in militantes, jetzt nicht mehr obrigkeitsstaatliches und daher noch an bestimmte Rechtsschranken gebundenes Bewußtsein, denn zur Situation des Obrigkeitsstaates vor 1914 gehörte ein gewisses Maß an rechtsstaatlicher Bindung, sondern umschlug in ein militantes faschistisches, und das hieß hier in Deutschland konkret nationalsozialistisches Bewußtsein.

Nicht immer nationalsozialistisch, aber in Wirklichkeit unterschied sich ja der Hugenberg-Flügel der DNVP und die Nationalsozialistische Partei, und diese beiden wieder von den verschiedensten anderen militant völkischen Gruppen, einschließlich des TAT-Kreises nur durch das Moment der Konkurrenz untereinander, nicht aber in den Grundlagen ihres Denkens. Und so war es kein Wunder, daß sich nun dies Korporationsstudententum, in diese Mentalität hineingebracht, zu diesen militant faschistischen Bewegungen hingezogen fühlte, abgesehen von katholischen Korporationen, die ihre Repräsentanten, Herrn Brüning zunächst, an der Macht und sich so identifiziert wußten. Tatsächlich hatte in der ganzen Periode zuvor die katholische Kirche in Deutschland niemals eine Machtstellung wie damals. Die katholischen Korporationen hatten es also leicht, hier anders zu verfahren und die Brüningsche obrigkeitsstaatliche Diktatur als ihren Identifikationspunkt anzunehmen. Abgesehen von diesen katholischen Korporationen wanderten also alle anderen Korporationen, wieder mit wenigen Ausnahmen, auch das will ich nicht bestreiten, ab zur faschistischen Massenbewegung und ihren militanten antirechtsstaatlichen und zum Teil auch nun an die Grenze des Verbrecherischen gehenden Formen.

An die Grenze des Verbrecherischen gehende Formen, das müssen wir hier durchaus betonen. Wir dürfen hier wieder zum Entstehungsprozeß dieses Vorgangs nicht vergessen, wo diese Wendung ansetzt. Wohlgemerkt, es besteht kein Zweifel, das Korporationsstudententum, ob waffenstudentisches, ob anderes, wie die ihm entsprechenden Klassen - das Korporationsstudententum wußte sich vor 1914 nur als die Vorbereitung dieser Klassen in bestimmten gesellschaftlichen Formen rechtsstaatlich gebunden, gewiß rechtsstaatlich mit Schranken. Für dieses rechtsstaatliche Bewußtsein von vor 1914 galt die Ausnahme, daß man den Proleten, Prolet war zum Schimpfwort hier geworden, als Paria wußte. Dazu gehörte, daß man etwa den Sozialdemokraten als „Staatsfeind“ und als subversives Element und als Feind der Gesellschaft wußte. Aber für das Bewußtsein der Sozialschicht dieser Zeit besaß auch der Paria und auch der Feind der Gesellschaft dabei das andere Moment, Mensch zu sein und also mindestens in dieser seiner Existenz als Mensch, wenn auch in Schranken, respektiert zu werden. Der Gedanke etwa an den politischen Mord als selbstverständliches Spiel liegt der deutschen Periode, der Entwicklungsperiode dieses Denkens vor 1914, noch fern.

Nach 1918 hat sich dies Bild ungeheuerlich rasch, von heute auf morgen, gewandelt, gewandelt in den beginnenden Klassenkämpfen und Bürgerkriegsauseinandersetzungen der Weimarer Republik selbst.

Sie werden wissen, daß es in Deutschland breiten Terror von links in dieser Periode nicht gegeben hat. Die Mordfälle von links, die man zu zählen vermag, soweit man das als Mord charakterisieren will - es handelte sich in allen diesen Fällen, abgesehen von den Münchener sogenannten Geiselerschießungen, um Tötungen im Kampf oder in der Aufregung des Kampfes -, bezifferten sich in diesen ganzen Jahren auf maximal 50. Die Tötungsfälle von rechts betrafen am Ende weit über 1000. Und diese Tötungsfälle von rechts hatten dabei den Sondercharakter, daß sie mit bestem Gewissen vollzogen wurden, während die Linke noch in der damaligen Situation an jener Mentalität festhielt, die im Programm nur der äußersten Linken, das ich hier, nur weil es die äußerste Linke ist, als Beispiel nehme, daß Terror in jeder Form unzulässig sei, nicht nur als individueller Terror, sondern auch als Massenterror. So stand es im Programm der kommunistischen Partei Spartakus und weil, so begründete das das Spartakus-Programm, der Terror immer darauf ausgehe, den Menschen zu vernichten. Die proletarische Revolution charakterisiere sich aber dadurch, daß sie nicht Menschen vernichte, sondern gesellschaftliche Bedingungen verändere. Diese Mentalität wurde von der Linken in Deutschland bis in die Verzerrungen des Bürgerkriegs hinein durchgehalten.

Von rechts sah es sehr bald so aus, schon an jenem 15. Januar 1919, daß - wenige Tage vorher waren schon Parlamentäre der Spartakusleute, die Waffenstillstandsverhandlungen führen sollten, von den Freikorps niedergemacht worden - jetzt der systematische Ausrottungsfeldzug gegen alle Führer der äußersten Linken begann. Und dieser wurde nun merkwürdigerweise nicht mehr von der Justiz behindert. Der Untersuchungsrichter, der den Mord an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg klären sollte, hat nachweislich in einem Prozeß 1930 - inzwischen war dieser Untersuchungsrichter zum Reichsanwalt aufgestiegen - die Täter ganz bewußt begünstigt und der Strafe entzogen. Das änderte nichts daran, daß dieser Nachweis in einem Beleidigungsprozeß geführt werden konnte, daß der Mann Reichsanwalt blieb. Das charakterisiert die Mentalitätsverzerrung, die hervorgekommen war, wohl mit am besten.

Aber dieser Mord wurde nun überall akklamiert, formell akklamiert durch eine Sozialschicht. Und damit war das Klima geschaffen, das den politischen Mord an dem, den man als „Feind“ ansah, selbstverständlich werden ließ. Die Mordwelle der ersten Periode endete erst, als 1922 die Mörder nun nicht mehr nur nach Arbeiterführern griffen, sondern auch Außenminister niederzuschießen begannen, nämlich Walter Rathenau. Dann wurde das Ganze vorübergehend gestoppt. Aber die Mentalität war geschaffen, auf die es hier ankam.

Und diese Mentalität wacht nun nach 1930 verständlicherweise virulent auf. Und diese Mentalität macht die generelle Identifikation des Korporationswesens mit dieser antirechtsstaatlichen, antisemitischen, antidemokratischen Bewegung verständlich.

Wie weit sie auch Ihre Korporation ergriff, darauf will ich aus Ihren Akten nur ein Beispiel bringen. Der Breslauer Wingolf gab folgende Darstellung der Zusammenstöße in der Breslauer Universität im Dezember 1932, also vor der „Machtergreifung“, in der Periode der Schleicherschen Diktatur. Vielleicht auch noch der Papenschen Diktatur, denn das genaue Datum ist hier nur angedeutet. „Der Breslauer Wingolf gibt folgende Darstellung der kürzlichen Zusammenstöße in der Breslauer Universität: Der Breslauer Wingolf an all seine Brüderverbindungen: Liebe Brüder! Unseren Gruß zuvor. Wie Ihr durch die Presse erfahren habt, stehen wir mitten in einem hochschulpolitischen Kampf, der sich um die Person eines gewissen Professor Cohn dreht! Zusammen mit der gesamten deutschen Studentenschaft der Universität Breslau lehnen wir die Berufung eines ‘Cohn’ an die deutsche Grenzlandsuniversität Breslau ab und stehen nicht an, aufs schärfste gegen die Berufung des Cohn in den juristischen Prüfungsausschuß zu protestieren. So lange ein ‘Cohn’ an der Universität, von der im Jahre 1813 die Befreiung des deutschen Volkes ausging, liest, wird niemals Ruhe eintreten, und wir werden mit allen erlaubten akademischen Mitteln kämpfen, bis die Ehre und das Ansehen unserer Hochschule wiederhergestellt ist.“ Und so weiter.

Sie sehen: das, was hier die Explosion erzeugt für das Bewußtsein dieser Studenten aus Ihrem Verband - es geht hier nicht um Vorwürfe, es geht hier darum zu sehen, was war - wird durch den bloßen Tatbestand des Namens Cohn hervorgetrieben, durch gar nichts anderes. Inzwischen ist das Denken so weit entrationalisiert und, entschuldigen Sie, aber man muß es sagen, entchristlicht, daß den Leuten gar nicht mehr auffällt, daß sie hier ohne jeden inhaltlichen Bezug sozusagen ihren explosiven Willen an der bloßen Symbolwirkung eines Namens entzünden.

Und so war es kein Wunder, daß in dieser Periode nun ganz allgemein alle studentischen Korporationen, wohlgemerkt nicht nur Ihre, in Ihrer tritt das auch hervor, ganz selbstverständlich, zunächst mit dem NSDStB zwar eventuell sozusagen Ressortschwierigkeiten haben, insofern er ein konkurrierender Studentenverband ist, und das läuft an der einen Universität so und an der anderen Universität anders, aber sich ihm politisch und der Hitlerschen Bewegung politisch voll verbunden wissen, obwohl diese Hitlersche Bewegung, wie Sie auch wissen, aus ihren antirechtsstaatlichen und auf offenen Mord gerichteten Willen mindestens seit 1930/31 überhaupt keinen Zweifel zugelassen hatte. Dazu müssen Sie lediglich an Äußerungen von Reichstagsabgeordneten der Hitlerbewegung im Reichstag: „Legal bis zur letzten Sprosse, gehenkt wird doch“ und an das faktische Verhalten der SA denken - denken Sie an jenen Potempa-Mord, bei dem ein kommunistischer Arbeiter von der SA in seiner Wohnung überfallen und zu Tode getrampelt wird. Und alle diese Fälle waren der Öffentlichkeit durchaus zugänglich und durchaus bekannt. Das ist die Situation, in der nun der Umschlag auch des politischen Systems naht, und die Leichtigkeit dieses Umschlages wird Ihnen vielleicht aus der vorbereitenden Wirkung, die auch das Korporationswesen, das sich hier identifiziert hatte, bei allem Konkurrenzwillen im übrigen gegenüber anderen Verbänden, leichter verständlich.

Der Umschlag der Machtübernahme von Schleicher zu Hitler, zur Hitler-Hugenberg-Kombination war sicherlich nicht durch Korporationen gewollt und herbeigeführt worden, auch nicht durch Ihre, sondern er war ganz eindeutig herbeigeführt worden durch kombiniertes Handeln, wie wir heute sehr genau wissen, von Führern der deutschen Wirtschaft und Führern des deutschen Großgrundbesitzes und ihren Druck auf Hindenburg. Aber dieser Machtübergang mußte jetzt geradezu als Befreiung, als symbolische Befreiung akklamiert werden. Und er wurde als das akklamiert, was ich hier charakterisiert habe. Akklamiert zunächst unter dem Gesichtspunkt nur der „nationalen Revolution“, wie der Terminus hieß, dann als mehr. Und schon als er nur als Moment der „nationalen Revolution“ akklamiert wurde, beinhaltete diese Akklamation all das, was dann natürlich auch kam. All das mag übertrieben erscheinen. Es ist in einer Beziehung, wie wir gleich sehen werden, wirklich übertrieben. Es gehörte zu den Charakteristika des Korporationsdenkens, daß es das Honoratiorendenken des Studenten der liberalen Entwicklungsperiode des vorigen Jahrhunderts in ein Elitedenken transformiert hat, in ein Elitedenken, das dadurch charakterisiert war, daß man sich erstens einmal, die akademischen Schichten überhaupt, als vorberechtigte Elite gegenüber der übrigen Bevölkerung zu wissen glaubte, zweitens aber, daß man sich selbst, die Gesamtheit der Korporierten, als Elite innerhalb der akademischen Jugend und also die alten Herren als Elite innerhalb der Berufsakademikerwelt zu wissen glaubte. Dies Elitedenken, in dieser Form sozusagen eine Entsprechung, so wird man als Soziologe zu urteilen haben, zu dem hierarchisch elitären Denken a) des Militärs und b) der Bürokratie des Wilhelminischen Obrigkeitsstaates, anderen Gesellschaften in dieser Form fremd, war nun aufrechterhalten geblieben und sozusagen bewährt im Ringen, im bewußten Entgegensetzen dieses elitären Denkens gegen die Demokratie. In Wirklichkeit wurden die Formen dieses Elitedenkens auch von der nationalsozialistischen Bewegung verwandt, die sich nun auch in Parteistruktur wie Verhaltensweise demonstrativ als Elite, die Akklamation erheischt, glaubte und aus diesem ihrem Bewußtsein keinerlei Hehl machte.

Am antidemokratischen Charakter dieser Bewegung haben trotz aller Phantasien heutiger Historiker darüber, daß die nationalsozialistische Bewegung sozusagen eine Form Rousseauisch totalitärer Revolution sei, ernsthafte Zweifel niemals irgendeinen Grund gehabt. Es handelte sich um eine militante faschistische Gegenrevolution, die sich als Gegenrevolution gegen die Demokratie wußte, nicht um eine demokratisch vermittelte revolutionäre Bewegung. Insofern konnte man also ideologisch sehr hübsch nebeneinander und ineinander finden. Und infolgedessen war auch, so lange der Konkurrenzcharakter der Verbände nicht hervortrat, die Identifikation der Korporationen auch hier mit nationalsozialistischen Vorstellungen leicht. Diese wandelte sich partiell bereits in der Periode vor der nationalsozialistischen Machtbesetzung - von Eroberung kann man nicht sprechen, denn sie wurden in die Macht eingewiesen - bereits partiell häufig in den Konkurrenzkampf sich elitär wissender Gruppen ab, des Korporationsstudententums hier, des NSDStB auf der anderen Seite mit seinem Anspruch, wobei das nun vielfältig ineinander überging, aber durchaus nicht immer harmonierte, und in der allerletzten Periode der Weimarer Republik zu dem ständigen Ringen zwischen den Korporationsbünden mit dem NSDStB hinführte.

Gleichwohl, nun war die Machteinweisung der Nationalsozialisten geschehen. Sie wurde als „nationale Revolution“ drapiert, mit all dem Phrasengebimmel, das dazu gehörte. Da standen Hindenburg, Hitler und Hugenberg nebeneinander, wobei den jungen Studenten verständlicherweise trotz dieses Konkurrenzdenkens der Verbände hierbei noch der jüngere Hitler, der nicht so sehr kompromittiert war, als der sympathischste erscheinen mußte, auch wenn man mit dem NSDStB im übrigen gar nicht so einverstanden war.

Aber jetzt setzte sehr bald notwendig auch der Konkurrenzkampf nationalsozialistischer Studentenführung mit den Korporationen und das Ringen um die Eingliederung und Unterwerfung der Korporationen ein. Ein Ringen, das in Wirklichkeit Konkurrenzen, wie Sie sehen, innerhalb ein und der gleichen ideologischen wie politischen Grundlage betraf. Nicht mehr. Verständlich, daß es dabei Reibungen gab, Reibungen in hohem Maße. Verständlich, daß dabei die altelitäre Struktur der Korporationen ihre Bewahrung erzielen wollte. Aber hier ging es um Konkurrenz, nicht um Gegensatz, nicht um Zweifel am Ganzen.

Wie weit das der Fall war, dafür ein Beispiel. Der neue „Bundesführer“ des Wingolf, denn jetzt wurde diese Führerstruktur in nationalsozialistischer Art durch Druck von oben und gar nicht durch den freien Willen der in ihren altelitären Formen denkenden Korporationen den Korporationen aufgedrängt, proklamiert am 13. Juni 1933, ich bitte das Datum zu beachten, weil es zur Exegese dieser Problematik interessant genug ist, „a) ich gelobe, all meine Kraft in den Dienst des Wingolfs zu stellen, sein Wesen, wie es von seinen Gründern bestimmt, durch fast hundertjährige Geschichte gepflegt und in der Gegenwart mit neuer Verantwortlichkeit erfüllt wurde, wird die Richtung meines Handelns bestimmen.“ Dann kommt ein zweiter Absatz, und hier kommt nun natürlich auch die Verpflichtung auf „christliches“ Denken. Aber jetzt kommt der zweite Abschnitt: „Ich gelobe Adolf Hitler, dem Führer des geeinten deutschen Volks und dem Schöpfer des neuen deutschen Staats, treue Gefolgschaft. Die Aufgabe des Wingolf ist, ihm und damit dem Neubau des deutschen Reiches in Gottes- und Menschenzucht gefestigte, kämpferische, von heißer Liebe zu ihrem Volk erfüllte Männer zu stellen, die einsatz- und opferbereit ihr Leben Deutschlands Dienst weihen“ usw.

Sie sehen, daß hier die klare Identifikation mit Adolf Hitler, sicherlich durch Druck auf die Korporation, aber bereits widerspruchslos in einer Zeit zu erfolgen vermag, in der, ich erinnere wieder an das Datum, staatsrechtlich gesehen, politisch gesehen, von dieser Identifikation im übrigen noch keine Rede ist. Denn das Ganze liegt vor der Auflösung des Koalitionscharakters der deutschen Reichsregierung, die wenige Tage darauf durch die Liquidation der Machtstellung Hugenbergs erfolgt. Das Ganze liegt lange vor jener Transformation staatsrechtlicher Art des Reichskanzlers Adolf Hitler in den „Führer“ des Deutschen Reichs unter Wegfall des Präsidentialamts, die nach dem Tode Hindenburgs erst erfolgt. Wohlgemerkt, dieser Prozeß war kein Wunder. Ich habe Ihnen zu zeigen versucht, daß dieser Prozeß dieser Hinwendung nicht unter dem Zeichen ethisch zurechenbarer Schuld analysiert werden sollte, sondern unter dem Zeichen objektiver politisch-soziologischer Analyse, die natürlich dann individuell auch einmal durch das Schuldelement gemessen zu werden vermag. Warum nicht? Und der Appell zu verantwortlichem Handeln sollte der Appell sein, der der Hinwendung zu a) theologischem und christlichem und b) politischem Denken immer zugrunde liegt. Aber dieser Prozeß war, wenn auch nicht reibungslos, vollzogen. Zwar gab es in der Abklangperiode noch zaghafte Versuche, sozusagen einigen bösen Konsequenzen des Dritten Reiches lahm zu entgehen. Doch kommt sehr rasch die Periode, in der den Altherren-Verbänden wie den Korporationen sozusagen von außen durch die Führerstruktur, die man der Studentenschaft gegeben hatte, aufgenötigt wird, sich zum „Arierparagraphen“ zu stellen und zu bekennen. Und zwar zum Arierparagraphen jetzt nicht mehr in der Weise des schlicht emotionalen antisemitischen Bekenntnisses, wie es sich Ihnen aus Ihren Reihen im Jahre 1932 demonstriert hat, in einer geradezu kindisch-symbolischen Form, sondern auch in der Form zu bekennen, daß man nicht nur die mit dem Arierparagraphen kollidierenden Studenten, sondern „alte Herren“ aus dem Philisterverbande hinaussetzt.

Damit war ein Strukturelement merkwürdigster Art gefährdet, nämlich das alte elitäre, aber auf Kameradschaft und Bruderschaft der Elite gerichtete Denken überhaupt. Wie kann ich den Philister meiner Verbindung, der der Bruderschaft angehört hat, nun in dieser seiner Stellung liquidieren, wenn ich nicht die Grundlagen dieses Denkens überhaupt in die Luft sprenge? Gleichwohl blieb auch hier der Widerstand zaghaft. Die Forderungen gingen außerordentlich weit. Was hier lange vor den Nürnberger Gesetzen gefordert wird, ist nicht nur das Hinaussetzen des Juden oder des, wenn wir hier den Rasseunfug übertragen wollten, „reinrassigen Judenchristen“, sondern ist darüber hinaus der ganze Zinnober mit den jüdischen Großeltern. Wenn auch nur ein jüdischer Großelternteil vorlag, dann mußte er gehen. Auch diese Forderung wurde erfüllt. Zu Ehren dieses Bundesführers muß gesagt werden, daß er, wie mir die Akten zeigen, versucht hat, diesen Zwang mindestens einzuschränken und abzubiegen, wenn auch nicht generell zu beseitigen, weil es ihm doch zu bös vorkam. Aber es blieb beim Versuch. Und als die Forderung abrupt auftauchte, da war die Antwort nicht die, die selbst im alten Elitendenken eigentlich selbstverständlich gewesen wäre und, wenn es noch strukturell in Ordnung gewesen wäre, auch selbstverständlich gekommen wäre, daß man dann sagt: „Wollt ihr uns dazu zwingen, dann ade! Dann geben wir halt den Betrieb auf, weil wir uns damit selbst in die Luft sprengen“. Sondern da war die Antwort die, daß man sich fügte mit der Hoffnung, in einzelnen Fällen noch abbiegen zu können und das Hinauswerfen der Betroffenen doch in möglichst freundlichen Formen zu vollziehen. Und damit war die moralische Kapitulation sozusagen des aus dem alt-elitären Denken des Korporationswesens in das elitäre Denken des Nationalsozialismus voll überführten Korporationsdenkens voll vollzogen. Und alles andere war Spielball und Konsequenz.

Wohlgemerkt, auch hier, auf daß ich nicht der Inobjektivität geziehen werde, bin ich der letzte, der behauptet, daß andere Punkte des gesellschaftlichen Lebensprozesses sich als wesentlich widerstandsfähiger erwiesen hätten. Ganz sicherlich nicht. Wie, um nur ein Beispiel zu nennen, nicht um Ihnen ein gutes Gewissen für all das zu geben, sondern um nur zu zeigen, daß dies schlechte Gewissen, das einem doch bei solchen sozusagen auch die letzten Reste der positiven Funktionen des alten strukturellen Denkens auflösenden Konsequenzen, das einem dabei hochkommt, nur um Ihnen zu zeigen, daß dies schlechte Gewissen eben nicht nur Sie trifft, sei daran erinnert, daß etwa die christlichen Gewerkschaften durch Jakob Kaiser, die Hirsch-Dunckerschen Gewerkschaften durch Ernst Lemmer, die freien Gewerkschaften durch Leuschner im Jahre 1933 sich nicht um ein Haar besser benommen haben. Sie haben kapituliert. Sie waren bereit, all ihre alten Bindungen um der Existenz des Verbandes willen in den Mond zu schreiben und haben das durch Erklärungen gegenüber dem Führer und Reichskanzler, Führer wurde er später, im Jahre des Heils 1933 zum Ausdruck gebracht. Und, wenn Sie so wollen, die gleiche sozialdemokratische Reichstagsfraktion, die sich beim Ermächtigungsgesetz später als Sie noch tapfer geschlagen hatte, hat dann wenige Monate darauf in ebenso jämmerlicher Weise moralischen Selbstmord begangen - in jenem Verhalten Paul Löbes, der die Fraktion dazu führte, Adolf Hitler am 17. Mai 1933 in einer Reichstagsabstimmung das Vertrauen auszusprechen.

Aber all diese dunklen Punkte, die zeigen, daß moralisches Entgleisen, und hier handelt es sich um moralisches Entgleisen, wenn man seine eigenen Moralgesetze, nach denen man angetreten ist, so verfremdet sie inzwischen sein mußten, verletzt, all dieses moralische Entgleisen in der deutschen Gesellschaft, das wir historisch und soziologisch analysieren und verstehen müssen, rechtfertigt nicht das Entgleisen, eben solches Entgleisen der anderen sozialen Gruppe. Für Sie und Ihre damaligen Bundesbrüder und ihre Verbandsführung ist Paul Löbe nicht als Entschuldigung zu verwerten. Wie umgekehrt für Paul Löbe nicht Ihre Verbandsführung. Aber damit war der Prozeß zur Konsequenz geführt. Was nachfolgt, sind nur Konsequenzen der Konsequenz.

Daß dann Ihr Verband zwar noch kämpft gegen die „Deutsche Glaubensbewegung“, ist nur dem Schein nach als Positivum zu werten. Denn das lag in den Gesetzen des Verbandes geradezu vorgezeichnet. Zu einem Parallelkampf aber, auch gegen die hirnverbranntesten Entartungen der „Deutschen Christen“ war der Verband als Verband nicht zu führen. Als ob die Diskussion etwa mit den Autoren jener Novemberkundgebung der „Deutschen Christen“ in Berlin auch nur irgend etwas mit innerchristlicher Auseinandersetzung hätte zu tun haben können? Davon war objektiv gar nicht die Rede.

Trotzdem war der Verband als Verband noch nicht einmal zur Identifikation mit der jungreformatorischen Bewegung zu führen, so lahm, so politisch kapitulantenhaft diese jungreformatorische Bewegung in ihren Ansätzen war.

Daß gleichwohl aus Ihrem Verbande dann auch andere Männer hervorgegangen sind, sei nicht bestritten. Genauso sind auch aus der gleichen kapitulierenden Gewerkschaftsbewegung dann Männer hervorgegangen, die nun ihre eigene Schande zu überwinden vermochten wie Leuschner. Ihre Schande des April 1933 und des Mai 1933. Das spricht für diese Männer, die das vermochten, nicht für den Verband, der diese Kraft nicht aufbringen konnte.

Und so sind wir am Ende dieser Betrachtung. Sie sehen, wie ein Verhängnis der deutschen Geschichte zum Verhängnis des deutschen Korporationswesens wurde, wie eine politisch-soziale Identifikation mit den geistigen Ansätzen, die man zu vertreten vorgab, gar nichts zu tun haben konnte. Die Identifikation, bei Ihnen wie in der Kirche vollzogen in der Form des Staatskirchentums, bei Ihnen zusätzlich vollzogen in der Identifikation mit dem „Alldeutschen Denken“, durch dies Verhängnis der deutschen Geschichte sicherlich vermittelt, durch soziale Strukturen vermittelt, die nun einmal ihre Eigengesetzlichkeit besitzen, vermittelt durch das organisierte Gefrieren solcher Strukturen, nämlich in der Form der Verbindung der „Alten Herren“ zu den jungen Studenten, hat hier zu einer Entwicklung geführt, die eine Studentengeneration, die Studentengeneration der Weimarer Republik, die drei Generationen, die hier groß wurden, des kritischen Selbstbestimmungswillens beraubte, zu Instrumenten einer entmenschten Entwicklung herabwürdigte und am Ende verbrauchte.

In Wirklichkeit ist alles das, was im 2. Weltkrieg geschah, in seiner Unmenschlichkeit von deutscher Seite mitgetragen von allen diesen Schichten, wenn häufig auch ohne persönliche Identifikation, wie das traurige Ende nichts als die Konsequenz dieser Entwicklung ist.

Das Problem, das dadurch aufgeworfen ist, scheint mir darin zu bestehen: Ist es möglich - das ist eine Frage, die man nur praktisch, nicht theoretisch beantworten kann - , ist es möglich, dem Zwang solcher Kontinuitäten in den gleichen gesellschaftlichen Formen noch zu entgehen? Ich will Ihnen den Optimismus nicht rauben, daß Sie das durch die Praxis als möglich erweisen werden, denn was wirklich ist, das wäre zweifellos dann auch möglich.

Mir als politischem Soziologen, der ich bin, steht es zu, Sie nicht auf die Unmöglichkeit dieses Prozesses zu verweisen - unmöglich ist in dieser Welt wenig -, sondern Sie auf die Gefahren eines solchen Prozesses zu verweisen, auf die Gefahren, die sich unzweifelhaft gar nicht so sehr aus Ihrer Mitte und aus Ihren Formen, sondern sich unzweifelhaft aus der Verbindung mit einer belasteten, aus der organisierten Verbindung mit einer belasteten Generation ergeben und weithin ergeben müssen.

Hier kommen wir in einen Prozeß hinein, auf den ich Sie hinweisen muß. Wohlgemerkt, mir steht es nicht zu, Ihnen zu sagen, die kritische Lösung der Aufgabe sei nicht möglich. Nach meiner Meinung ist sie auch objektiv möglich, wenn auch nur mit geringem Wahrscheinlichkeitsgrad bei Aufwendung ungeheuerlicher geistiger und moralischer Energie, kritisch-intellektueller wie ethischer Energie. Aber auf die Gefahren darf ich Sie wohl auch hier hinweisen, die Gefahren, die sich in der Wiederherstellung alter Bewußtseinslagen, wenn auch in neuen ideologischen Formen, aber in Wirklichkeit der ganzen alten Bewußtseinslage, wieder in der Sozialschicht ergeben, die in Ihrem Fall wieder konkret vermittelt durch die Altherrenorganisationen auf Sie einwirken muß.

Ich könnte auf die Gefahren in dieser Richtung sozusagen in der „christlich-abendländischen“ Umformung obrigkeitsstaatlicher Denkformen in der Theologie und zum Teil auch deutschchristlicher Denkformen in der Theologie verweisen, obrigkeitsstaatlicher aus der alten jungreformatorischen Bewegung heraus. Ich weiß, daß diesen Gefahren sehr kritische, sehr wache lebendige Tendenzen in der Theologie entgegenstehen, und kaum eine Organisation, wenn ich jetzt wieder als politischer Soziologe spreche, hat eine solche Virulenz eines derartigen geistigen Auferstehungsvorganges erlebt wie die protestantische Kirche und gerade die protestantische theologische Fakultät in vielen Fällen. Aber die Gefahren bestehen. Sie gehen von dort wie in viel schwerwiegenderem Maße vom unmittelbar politisch-sozialen Prozeß aus.

Ich weiß nicht, wie viele von Ihnen die Berichte über die Tagung zur Rechtsprechung zu Fällen der Bewältigung nationalsozialistischer Vergangenheit, die die Evangelische Akademie in Loccum vor kurzem veranstaltet hat, gelesen haben. Dann würden Sie sehen, daß eine Staatsanwältin mit Recht darauf hinweisen konnte, leider mit Recht, daß in der deutschen Justiz, die wir haben, ein Judenmord durchschnittlich 10 Minuten Freiheitsverlust kostet, nach der statistischen Aufrechnung der Urteile, die die bundesdeutsche Justiz zu solchen Problemen gegeben hat. Auf der gleichen Tagung mußte die gleiche Staatsanwältin darauf hinweisen, daß die Verfolgung von Mördern der nationalsozialistischen Zeit leider auf dem normalen Weg des höheren Kriminaldienstes unmöglich sei, weil man gewiß sein könne, daß dank der Kameraderie dieses Dienstes, und hier handelt es sich um akademische Dienststellen im höheren Kriminaldienst, nach ihrer Erfahrung derjenige, den man suche, sobald er im Fahndungsblatt erscheine, sofort gewarnt sei. Das war eine Staatsanwältin der Ludwigsburger Zentralstelle zur Aufdeckung nationalsozialistischer Verbrechen, und ich glaube, eine Staatsanwältin, die einfach aus der Praxis und unreflektiert Fakten berichtete.

Solche Elemente zeigen sich nicht nur hier in der deutschen Gesellschaft unvermeidlich. Ich möchte das erwähnt haben, um Ihnen die vielfältigen Verkleidungsformen des deformierenden Druckes auf das kritische Bewußtsein einer jungen Studentengeneration deutlich zu machen. Mehr ist, glaube ich, nicht meines Amtes, und damit möchte ich jetzt schließen und Ihre Diskussion einleiten.

In: TOPOS, Internationale Beiträge zur dialektischen Theorie, Heft 12 (Bildung), Bielefeld 1999, S. 133-141

*1) Der von Wolfgang Abendroth in freier Rede gehaltene Vortrag stellt eine leicht überarbeitete Abschrift der Tonbandaufnahme dar. Seine Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Frau Dr. Lisa Abendroth.

   

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Helmut Ridder (*1919) Download als PDF
   
 
Rede am 7. Mai 1985

Es fällt mir zu, auf dieser Sondersitzung der Stadtverordnetenversammlung unserer Universitätsstadt, zu der Sie mich freundlichst eingeladen haben, einen Vortrag zu halten zu einem Thema, über dessen Fassung wir uns zunächst noch einige Gedanken machen müssen. Der Tagesordnungspunkt heißt ‘40-jährige Wiederkehr des 8. Mai 1945 - Ende der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland‘. Das ist ein geschichtliches, ein zeitgeschichtliches Thema; und weil es ein geschichtliches Thema ist, ist seine Fassung unvollständig. Vergegenwärtigen wir uns: Wir leben, wie alle anderen europäischen Völker, in einer Zivilisation, die, im Unterschied zu manchen anderen Zivilisationen, etwa des Fernen Ostens, von ihren Anfängen an aufgrund ihrer jüdisch-christlichen, klassisch-humanistischen Prägung in einer ganz spezifischen einzigartigen Weise auf die Wachheit eines hochentwickelten geschichtlichen Bewußtseins angewiesen ist, von dessen Vorhandenseins sogar die Erhaltung ihrer Identität abhängt. Es ist eine Zivilisation auf biblischer Grundlage, eine Zivilisation, nach deren Ur-Konzept die Menschheit nach dem Prolog im Paradies in die Geschichte entlassen worden ist, um sich die Erde untertan zu machen, und dafür, wie sie das tut, bis zum Ende der Geschichte rechenschaftspflichtig bleibt - die im engeren Sinne religiösen vor Gott als dem Herrn der Geschichte, die im Laufe der Geschichte entstandenen säkularisierten Denominationen und fruchtbaren Häresien vor der Geschichte selbst (das macht für uns keinen Unterschied, wir sind hier nicht in der Kirche, sondern in einer politischen Versammlung, in einem Raum, der im Zuge der Entfaltung unserer Zivilisation seine relative Autonomie gewonnen hat).

Geschichte ist etwas anderes als eine Summe von Geschichten, über die man das Wort ‘damals‘ schreiben und die man damit gewissermaßen „abhaken“ könnte. Wer hätte das nicht selbst in diesen letzten Monaten, Wochen, Tagen und Stunden miterfahren, als es um jenes auf den 8. Mai 1985 orientierte Arrangement von Veranstaltungen aus Anlaß des amerikanischen Staatsbesuchs ging, als aus tiefsten Tiefen, von deren Vorhandensein die Jüngeren vielleicht großenteils gar keine Ahnung gehabt haben, Haß, Wut, Erbitterung, Feindseligkeit nach innen und nach außen, quer durch Familien und diagonal durch die Generationen hindurch in einem unerhörten Ausmaß emporbrachen? Wer würde wohl ruhigen Gewissens sich und andern vormachen können, das wäre nun auch vorbei und der Alltag würde wieder wie nach einem Sturm im Wasserglas einziehen? Wer fürchtet denn wohl nicht - und ich sage mit vollem Recht -‚ daß das, was da in diesen Wochen geschehen ist, von allergrößtem Einfluß auf den internationalen moralischen Kurswert der Bundesrepublik Deutschland sein wird? Wer das dennoch nicht täte, der würde allerdings - und jetzt muß ich ein sehr hartes Wort aussprechen - dieselbe Indolenz an den Tag legen, die für einen Großteil der west-, später bundesdeutschen Bevölkerung und ihrer politischen Elite charakteristisch war, die sich erweist an der Art und Weise, wie mit dem 8. Mai 1945 umgegangen worden ist und damit wieder die Ursache für das teilweise geradezu makabre Geschehen geworden ist, dessen Zeugen wir in diesen Tagen sind.

Ich bin damit bei dem schon angesprochenen Punkt, nämlich bei der Erweiterung des Themas, die in einer Frage besteht, der Frage nämlich, wovon das „Ende der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland“, das zweifellos und unbestreitbar am 8. Mai 1945 infolge des militärischen Siegs der Alliierten eingetreten ist, der Anfang war, und damit bei der Frage, ob dieser 8. Mai 1945, wie man oft sagt, wirklich die „Stunde Null“ bedeutet, und wenn ja, ob an dieser „Stunde Null“ nachträglich etwas verändert worden ist, und wenn ja, was die Gründe dafür sind, und wenn es tragende Gründe gibt, wie weit sie zurückreichen - womit sich der Kreis der von Herrn Professor Knauß angestellten Betrachtungen schließen würde.

Wie er habe ich einen politisch-zeitgeschichtlichen Gegenstand wissenschaftlich zu behandeln. Daß Politik der wissenschaftlichen Behandlung zugänglich ist und als sog. Kunst des Möglichen verkommt, wenn sie von der Wissenschaft abgesondert bleibt, hat sich in letzter Zeit herumgesprochen. Weniger gern wird gehört, dass Politik und Wissenschaft unterscheidbar, aber nicht trennbar sind; das gilt weithin als Politisierung von Wissenschaft. In Wahrheit aber erfolgt jede wissenschaftliche Äußerung von einem politischen Standort, wird sie von einem politischen Erkenntnisinteresse determiniert, auch wenn der Herold meint, in einem elfenbeinernen Turm zu sitzen; auch die vermeintlichen Elfenbeintürme stehen in einer konkreten Gesellschaft, nur schließen willentlich oder unwillentlich die Turmbewohner ihre Augen davor.

Was nun die m.E. allein zu rechtfertigende Standortbestimmung bei der Behandlung unseres Themas angeht, zögere ich nicht, sie zu nennen und das Genannte auch zu meinen. Letzteres, das Meinen, ist dabei das entscheidende; denn mit dem Nennen scheint man offene Türen einzurennen, handelt es sich doch schlicht und einfach um das demokratische Prinzip, das die bürgerlichen Gesellschaften in Westeuropa durch revolutionäre Tat in konkrete Staatsformen und Regierungssysteme umgesetzt und als politische Kultur gelebt haben. Erinnern wir uns bitte daran, daß bis zum Jahre 1918 demgegenüber in Deutschland gigantische und erfolgreiche offene Abwehrschlachten gegen die Demokratie geführt worden sind: „Gegen Demokraten helfen nur Soldaten!“ Dem folgte 1918 ein aufgefangener und kanalisierter Revolutionsversuch, der nicht etwa deswegen schon ein Durchbruch zur Demokratie gewesen ist, weil die Monarchen aufs Altenteil geschickt wurden, was übrigens eine Bedingung des amerikanischen Waffenstillstandsultimatums, also „aufgezwungen“ gewesen ist. Als „aufgezwungen“ angesehen hat auch die Mehrheit der Deutschen, die das Sagen hatten, die also zur „politischen Klasse“ gehörten, den Parlamentarismus, das einzige für das Eindringen von Demokratie geöffnete Fenster des politischen Systems von Weimar, dessen Regierungen etwa die Hälfte des kurzen Lebenstages der Weimarer Republik mit dem Diktaturartikel 48 der Reichsverfassung ihren Wille durchzusetzen versucht und weitestgehend durchgesetzt haben, mit einem Artikel, aufgrund dessen der Reichspräsident als „Ersatzkaiser“ erschien (in Wahrheit waren seine Vollmachten noch größer als die der wilhelminischen Regenten). Es ist eine nur zu gern geglaubte, aber durch den Glauben eben nicht zu beweisende Legende - Legenden spielen eine unendlich verhängnisvolle Rolle bei fast allen Versuchen, den Ehrlichen wie den Unehrlichen, zu erklären, wie es zu jener sog. Machtergreifung Hitlers gekommen ist - ‚ es ist eine Legende, sage ich, daß Weimar auch nur im engeren staatsorganisatorischen Bereich praktizierte Demokratie gewesen sei, von der Frage gesellschaftlicher, sog. sozialer Demokratie ganz zu schweigen. Längst vor dem 30. Januar 1933 war es bei den Eliten und auch in großen Teilen der an sich mit irgendwelchen demokratischen Konzepten umgehenden politischen Parteien eine ausgemachte Sache, daß das undeutsche Experiment zu Ende gehen müsse, und nur auf dieser Grundlage konnte den Nazis die Staatsmacht förmlich in die Hand gedrückt werden, und von dieser Grundlage aus versteht es sich, daß die „Machtergreifung“ eine Jubelfeier wurde und nichts von dem stattfand, was hätte stattfinden müssen und hätte stattfinden können, wenn der demokratische Gedanke Fuß gefaßt hätte, nämlich von einem Generalstreik. Der mit dieser Feststellung verbundene Vorwurf trifft ausnahmslos alle politischen Kräfte von Weimar, freilich die Wegbereiter und Steigbügelhalter, die Profitmacher und Machtergreifungsgewinnler um ein vielfaches mehr als diejenigen, die sogleich zu den Opfern gehörten.

Meine Damen und Herren, wenn ich gerade das Wort „Vorwurf“ gebraucht habe, so bitte ich auch dies als eine wissenschaftliche Qualifizierung zu verstehen, die nicht mit individuellen Schuldzuweisungen zu verwechseln ist. Für solche gibt es andere Instanzen als die Geschichte; von ihnen ist hier nicht zu sprechen. Wir suchen vielmehr nach den Gründen, die die Zuweisung kollektiver politischer Verantwortung rechtfertigen. Und für eine solche Verantwortung, die, selbst wenn sie erkannt und verarbeitet wird, nicht einmal in einer Generation abgebaut werden kann, und die niemals abgebaut wird, wenn sie nicht erkannt und verarbeitet wird, spielt es keine Rolle, ob jemand „damals“ 15 Jahre alt oder jünger gewesen ist oder noch gar nicht geboren war. Ich sage jetzt schon, daß diese schmerzhafte Erkenntnis, ohne die es keine demokratische politische Kultur geben kann, in den 40 Jahren seit dem 8. Mai 1945 bis zum 8. Mai 1985 nicht Gemeingut der „politischen Klasse“ und der Mehrheit der westdeutschen Bevölkerung geworden ist. Und ich sage gleichzeitig noch etwas zur Ergänzung des Begriffs von Geschichte. Geschichte besteht aus Ereignissen, das sind jene „Geschichten“, und sie besteht aus Nicht-Ereignissen. Die „Wahl“ der Nicht-Ereignisse, die wir für entscheidend halten, ist ein bewertender Akt, der von dem politischen Standort, hier also von dem der Demokratie, her erfolgt; dies ist gleichzeitig der so unendlich mühsame Prozeß, den man das „Lernen aus der Geschichte“ nennt und dem die Wissenschaft beistehen kann (natürlich nicht garantiert irrtumsfrei, doch kann sie immerhin ihre Irrtümer auch als Irrtümer erkennen und läßt sie Geschichte nicht als ein Chaos von Zufällen erscheinen). Ich habe hier nichts von den unvorstellbaren und doch von Menschen begangenen Greueln unter dem Nazi-Regime nachzuzeichnen. Doch möchte ich an das Wort „unvorstellbar“ eine, wie mir scheint, wichtige Bemerkung anknüpfen. Es tritt, Alexander Mitscherlich und andere haben uns das deutlich gezeigt, vor allem, wenn das in Permanenz organisierte Staatsverbrechen die Sphäre des absolut Bösen erreicht hat, u. U. für eine ganze Nation ein pathologischer Befund ein, mit dem die Psychoanalytiker und Psychotherapeuten sonst nur bei einzelnen zu tun haben. Das ist die Verdrängung des selbst für die Täter unerträglichen Teils ihrer selbst auf andere, weil sie sonst selbst nicht leben könnten, die Herstellung des Sündenbocks, der für das Übel der Welt verantwortlich gemacht wird. In diesem pathologischen Zustand der Abspaltung, Verdrängung, Verschiebung und Projizierung auf andere haben die Deutschen schon im „Dritten Reich“ gelebt. Das erklärt nicht alles, aber es erklärt einen sonst unerklärlichen Rest, der bleibt, wenn man alle anderen Elemente, die tradierte Demokratiefeindschaft, den tradierten Antisemitismus, den tradierten Antikommunismus, die Skrupellosigkeit beim keuchenden Hochstoßen zu einer Politik deutscher „Weltgeltung“ usw. zusammenzählt, die zu den Ursachen des hier und nirgendwo anders realisierten Nazi-Staats gehören. Daß die Propagandamaschinerie des „Dritten Reiches“ diese Traumatisierung bewußt in ihren Dienst gestellt hat, ist hier nicht weiter zu verfolgen. Aber wichtig für uns ist, daß eine ganze derart traumatisierte Nation eben nicht wie ein Patient auf die Couch gelegt werden kann und daß nicht ersichtlich ist, daß am 8. Mai 1945 eine Wunderheilung erfolgt sein könnte. Es hat auch nicht am 8. Mai 1945 das Wunder einer durchgreifenden Erneuerung der politischen Ideologie der Deutschen im Sinne von Demokratie gegeben. Am 8. Mai 1945 hätte es ja frühestens passieren können. Denn bis zum 7. Mai 1945 haben die Deutschen in ihrer Gesamtheit keinen Widerstand geleistet, weder das Bürgertum noch die Arbeiterklasse. Deutscher Widerstand war ein inselhaftes Phänomen geblieben. Dies festzustellen, mindert nicht die Ehre derjenigen, die tatsächlich Widerstand geleistet haben, es kann nur dazu beitragen, dieser Leistung noch nachträglich einen Sinn abzugewinnen.

Innen- und Außenpolitik sind immer nur zwei Seiten ein und derselben Medaille. Lassen Sie mich bitte noch einmal ganz kurz zusammenfassen, was für eine außenpolitische Katastrophenpolitik die dem Ausland weniger als uns vergeßliche andere Seite unserer inneren Mentalitätsstrukturen gewesen ist. Nach dem Geschichtspensum der Normalschule von Weimar, die ich besucht habe, haben vor dem Ersten Weltkrieg die westeuropäischen Länder den leider zu spät gekommenen Deutschen bei der kolonialen Verteilung der Welt ihre späten Erfolge geneidet, sich also unserem Bemühen um einen „Platz an der Sonne“ widersetzt (so hieß das; ob den Wortführern der heutigen Aktion „Platz an der Sonne“ die historische Belastung bewußt ist?). Dagegen haben wir dann endlich 1914 zur Tat ausholen müssen („Gott strafe England!“). Die Wahrheit über die Kriegsursachen haben die Untersuchungsinstanzen, wohlgemerkt der Weimarer Reichsrepublik, nicht ans Licht kommen lassen. Das blieb einem Historiker wie Fritz Fischer überlassen, dessen Untersuchungen sich nur mit großer Mühe einen „Platz an der Sonne“ haben verschaffen können. Wir haben also nach der damals geläufigen Doktrin mit dem Ersten Weltkrieg einen gerechten Verteidigungskrieg geführt und ihn deswegen ungerechterweise verloren. Das System von Weimar - Genf - Versailles hat man uns aufgezwungen, und damit haben die Sieger von 1918 die Schuld am Zweiten Weltkrieg auf sich geladen. Daß der nämlich kommen mußte, war auch in der Reichsrepublik von Weimar schon projektiert, die die Schwarze Reichswehr organisiert hat und die die Grenzen der Nachbarn im Osten nicht durch einen Ost-Locarno-Vertrag garantieren wollte. Mit Hitler ging‘s dann nur schneller.

Wie man post festum mit diesem Phänomen Hitler umgeht, zeigt die weit verbreitete Verdrängungssprache. Ich komme nicht umhin, dazu einen Satz des derzeit amtierenden Bundeskanzlers zu zitieren, weil er geradezu repräsentativ ist für das Verdrängungsphänomen. Gesprochen wurde dieser Satz im vergangenen Jahr in Oxford vor einem darob versteinernden, die Sprache verlierenden Publikum (man täusche sich nicht über das beredte Schweigen eines ja aus „Freunden“ bestehenden Publikums, das um der „Freundschaft“ willen oft so tut oder so tun zu müssen meint, als ob es nicht gehört hätte). Der Satz gilt den 12 Jahren von 1933 bis 1945 und lautet: „Dann kamen die Jahre der Heimsuchung“. Das ist sicher eine biblische Assoziation. Wir sehen, wie der große Dulder Hiob im Auftrage einer höheren Macht durch eine böse Macht schwer geprüft wird, die eigentlich gar keine deutsche war! Das Ungeheuer ist nicht dem eigenen Schoß entkrochen. Es kam irgendwo her. Es war eine böse Macht, die „im deutschen Namen“ all die schrecklichen Dinge getan hat. Darf man fragen, wie es kommt, daß selbst Mitbürger, die sich mit demokratischen Denkansätzen der Politik nähern, diesen entsetzlichen Ausdruck „im deutschen Namen“ gebrauchen, der aus einem Unterbewußtsein kommt und im Unterbewußtsein gleichzeitig wieder befestigt, daß andere den deutschen Namen mißbraucht hätten? Da ist er wieder, dieser Verdrängungsmechanismus, der die Aufarbeitung blockiert, die zu den unerläßlichen Voraussetzungen für die Herausbildung eines normalen bürgerlich-demokratischen Bewußtseins und damit des realen, nicht nur vorgetäuschten oder eingebildeten Eintritts in die westeuropäische Staatenfamilie gehört.

Noch beklemmender wird der Befund, wenn wir uns genauer ansehen, wie die Schandtaten Nazi-Deutschlands im einzelnen der Sache und dem Gefühl nach ganz unterschiedlich qualifiziert werden. Lautstark gilt auch die amtliche Verurteilung der gnadenlosen Ausrottung der Juden im immer größer gewordenen Machtbereich Nazi-Deutschlands (die Untersuchungen über die mittelbare Veranlassung der Judenverfolgung in den Satellitenstaaten sind noch gar nicht abgeschlossen). Man darf nicht nur, ja man muß, um die hingemordeten jüdischen Opfer vor nochmaliger Erniedrigung zu retten, fragen, warum das antisemitische Wüten möglicherweise „schlimmer“ gewesen sein soll als die Ermordung von nichtjüdischen Widerstandskämpfern, von Kommunisten, von verhungernden sowjetischen Kriegsgefangenen usw. Es gibt eine Antwort, die man, wenn man angestrengt auf Neben- und Untertöne lauscht, hören kann, obwohl sie nie artikuliert wird. Und diese Antwort ist erschütternd: Die Juden wurden aus sog. rassischen Gründen umgebracht, also auch soweit sie - und das gilt für den größten Teil der Ermordeten - keinen Widerstand geleistet hatten, ja sogar vielleicht aus nur eben diesen „rassischen Gründen“ verhinderte Sympathisanten eines jedenfalls nicht sonderlich demokratischen, eher autoritären Regimes waren. Kommunisten aber wurden umgebracht, weil sie „politische“ Gegner waren, weil sie Widerstand geleistet hatten. Wie ist es zu rechtfertigen, daß um diesen kommunistischen Widerstand bestenfalls amtliches Stillschweigen gebreitet wird? Da gilt die Verfolgung eher als ein „Exzeß“; man hätte eben weniger hart mit diesen Menschen umgehen müssen, die doch zu denen gehören, die durch ihren Widerstand ein Stück wenigstens der deutschen nationalen Ehre gerettet haben.

Die praktischen Konsequenzen aus dieser Bewußtseinsspaltung sind makaber und grotesk. Ich erinnere an den weit über die Landesgrenzen, ja weltbekannt gewordenen hessischen Berufsverbotsfall, wo eine kommunistisch organisierte junge Lehrerin aus einer naziverfolgten deutsch-jüdisch-kommunistischen Familie ihre Einstellung in den Schuldienst durch ein exakt rechenhaftes, geradezu mustergültiges bürokratisches Verfahren folgendermaßen erreicht hat: Ein Malus für das Kommunistische - und das heißt heute zweifelsohne für eine legale politische Betätigung davon subtrahiert ein etwas kleinerer Bonus für das Jüdische, für die „rassische“ Verfolgung der Familie - ergibt: unter abwägender Berücksichtigung von Be- und Entlastung immerhin eine Einstellung, aber eben nicht im Beamten-, sondern im Angestelltenverhältnis. Vielleicht muß man sogar noch viel tiefer bohren, bis in die tiefsten Falten der unterbewußten Kollektivseele. Das ist besonders schmerzhaft, aber ohne diese Schmerzen kann es gar keine Sanierung geben: Verläuft die postume Ehrung der jüdischen Opfer vielleicht nur deswegen so frei von Zwischenfällen, weil es fast gar keine Juden mehr gibt? Weil die wenigen Überlebenden es großenteils vorgezogen haben, nicht nach Deutschland zurückzukehren? Weil es einen Staat Israel gibt, der auch gegründet wurde um dem jüdischen Holocaust Spuren eines geschichtlichen Sinnes abzugewinnen, und der durch den Abschluß eines frühen Vertrages mit der Bundesrepublik Deutschland dieser die Wiederaufnahme in den Kreis der zivilisierten Staaten ermöglicht hat? Ich wage mich kaum zu fragen, wie es wäre, wenn das großenteils anders wäre und in einer Zeit der ökonomischen Rezession und der zunehmenden Ausländerfeindlichkeit jüdische Konkurrenzen in den diversen Sektoren des gewerblichen und beruflichen Lebens zahlenmäßig ins Gewicht fallen würden.

Ich spreche das gerade am Vorabend des 8. Mai 1985 verabschiedete schandbare Gesetz betreffend die Auschwitzlüge usw. an: Wie nach der bisherigen Rechtsprechung soll auch weiterhin ermittelt werden, ob das Verbreiten der entsprechenden Geschichtsfälschungen beleidigend für die Opfer, also beispielsweise für die jüdischen Opfer sei. Wer aber ist „Jude“? Die Definition enthält nur eine Gesetzgebung, das ist die Gesetzgebung von Nürnberg aus dem Jahre 1935, seinerzeit vorbereitet und erläutert von dem nachmaligen Staatssekretär des ersten Bundeskanzlers, Hans Globke. Es ist jetzt still um ihn geworden. Aber es ist allen Ernstes darüber gesprochen worden, daß er eigentlich ein Widerständler sei, hat er doch durch das sorgfältige Ausfeilen der Kriterien für sog. Halb- und Vierteljuden, wie man sagte, vielen Menschen das Leben gerettet. Ist das nicht eine unfassbare Ungeheuerlichkeit?

Ich spreche die heutige Strafgesetzgebung gegen die Verbreitung und Aufbewahrung nationalsozialistischer Embleme an: Die zahlenmäßige Hauptmasse dieser Embleme ist rechtzeitig im Wege der Bewußtseinsspaltung und Verdrängung dem Zugriff dieses Strafrechts entzogen worden. Das sind nämlich die vom „Dritten Reich“ verliehenen Kriegsorden. Sie dürfen getragen werden, wenn das Hakenkreuz auf ihnen ausgewetzt ist. Der Vorgang ist bezeichnend dafür, daß jener wichtige Unterschied zwischen individueller Schuld und kollektiver politischer Verantwortung in unserem gesellschaftlichen Bewußtsein überhaupt nicht vorhanden ist. Diese Orden werden getragen auf der Grundlage eines spaltenden und gespaltenen Bewußtseins, für das ein unteilbar verbrecherischer Krieg in einem honorigen und einen verbrecherischen Teil zerlegt werden kann und nur der honorige Teil stattgefunden hat, der nicht gewesen ist. Fiktive ersetzt die reale Geschichte.

Mir scheint nach alldem, daß beispielsweise das Zentralkomitee der Deutschen Katholiken mit seiner in diesen Tagen den Medien übergebenen Erklärung falsch liegt, wonach der 8. Mai 1945 ein „Ausgangsdatum für die geistige und sittliche Erneuerung unserer politischen Kultur“ gewesen sein soll. Kein Zweifel, daß die „bedingungslose Kapitulation“ von diesem Tage nach den Vorstellungen der Siegermächte ein solches Ausgangsdatum werden sollte. Die „bedingungslose Kapitulation“ war auch eine notwendige Voraussetzung für einen möglichen Eintritt einer solchen Erneuerung. Kein Zweifel auch, daß so etwas wie eine „Entfaschisierung“ stattgefunden hat. Was aber fehlte und auch nicht durch die in Durchführung und Wirkung sogar höchst nachteilige bürokratisierte „Entnazifizierung“ ersetzt werden konnte, in deren seltsamen Maschen die kleinen Fische hängenblieben, während die großen durchschlüpfen konnten, war die Erneuerung im Sinne von Demokratie. Es kann kein Volk zur Demokratie befreit werden. Es kann sich nur selbst dazu befreien. Die Chancen waren gegeben. Sie wurden zu einem erheblichen Teil vertan, weil die Kräfte - verständlicher-, aber nicht verzeihlicherweise - für die möglichst schnelle Wiederherstellung eines normalen Alltags mit einem restaurativen System verbraucht wurden, das lediglich den sog. „typisch nationalsozialistischen“ Einrichtungen des „Dritten Reichs“ zu Leibe ging, aber nicht mit dem alten Antidemokratismus aufräumte, der die Geburt des „Dritten Reichs“ erst ermöglicht hatte. Was diesen angeht, wurde sogar die realitätswidrige Legende aufgestellt, Weimar sei am Übermaß von Demokratie zugrunde gegangen. Und seither war die Angst vor einem solchen demokratischen „Übermaß“ die maßgebliche Kraft bei dem Versuch, mit der Bundesrepublik Deutschland einen neuen deutschen Staat aus der Taufe zu heben. Das hatte dann die hier nicht weiter zu erörternden bekannten Folgen der weitgehenden Drosselung des Parlamentarismus, der Ausrottung der sog. plebiszitären Elemente, der ideologischen Umbildung repräsentativer Volksvertretung in Staatsrepräsentation, der Bevormundung des demokratischen Souveräns durch ein zum „Verfassungshüter“ eingesetztes Bundesverfassungsgericht, das durch die Praxis seiner unaufhebbaren Entscheidungen, die alle anderen Staatsorgane binden, also tatsächlich im Rang sogar über dem verfassungsändernden Gesetzgeber steht und den Gesetzgeber von bestimmten Sachgebieten praktisch aussperrt und ihn anleiten kann, ohne dafür politische Verantwortung tragen zu müssen, usw. Und es ist sicher auch falsch, um ein weiteres Beispiel aus den zahlreichen Erklärungen dieser Tage zu nennen, wenn die gutgemeinte und sicherlich mit viel Mühe ausgearbeitete Erklärung der beiden deutschen Pen-Zentren und der deutschsprachigen Autoren im Ausland zum 8. Mai sagt, daß die militärische Niederlage von damals einem verbrecherischen Regime ein Ende gesetzt habe, und dann hinzufügt, daß dieser Tag eine „geschichtliche Zäsur“ gewesen ist. Die „Zäsur“ bestand nur in der Beseitigung von „Exzessen“, aber nicht in der Ausschälung des tief sitzenden antidemokratischen Rückenstrangs, der in der deutschen politischen und Verfassungsgeschichte zurückreicht bis zum Scheitern des bescheidenen Revolutionsversuchs von 1848 und begonnen hat mit der diesem Zusammenbruch unmittelbar folgenden national-liberalen Kompromißlinie.

Den erst nach der Gründung der Bundesrepublik Geborenen oder ins Schulalter Gelangten muß, damit sie die Schwierigkeit der Lage und die Perspektiven unseres künftigen Verhältnisses zu unseren Nachbarn richtig einschätzen können, ein Umstand in seiner vollen Tragweite klar werden, der die Bundesrepublik von allen anderen europäischen Staaten unterscheidet und zugleich von Amts wegen das Fundament ihres ganzen Daseins ist und wiederum mit dem Zerrinnen der Möglichkeiten vom 8. Mai zusammenhängt. Die Gründung der Bundesrepublik Deutschland war ja nicht von den Siegermächten vorgesehen, die die „bedingungslose Kapitulation“ des Deutschen Reiches vorgesehen und durchgesetzt haben. Sie ist ein Kind des Kalten Krieges. Sie ist also mit anderen Worten ein Frontstaat. Sie wurde mit Erlangung ihrer Souveränität in das westliche WEU-NATO-System eingebunden und hat die Existenzweite eines „normalen“ westeuropäischen Staates nie erfahren können. Sie hat die gerade genannten Vorgänge - aber damit steht sie allein – ideologisch hineinverarbeitet in die ihr vorausliegende deutsche Vergangenheit gerade auch des Deutschen Reichs unter dem Nazi-Regime und läßt, indem sie gleichzeitig die realitätsferne These von der Fortexistenz eines „deutschen Gesamtstaats“, mit dem sie selbst „identisch“ sei, hervorgebracht hat, dem Geschehen des Zweiten Weltkriegs eine Deutung angedeihen, mit der sie sich ins politische und moralische Abseits manövrieren kann, wenn sie dieses Selbstverständnis nicht sehr bald und völlig grundlegend ändert. Ich vereinfache, um das wesentliche klarer sagen zu können. Und ich verschätze mich kaum in der Annahme, daß davon gerade in diesen Tagen auch hierzulande etwas gespürt wird; der amerikanische Präsident wird es sehr viel früher und sehr viel härter zu spüren bekommen, wenn er heimgekehrt ist und seine Berater ihm vor Augen führen, welch einen Scherbenhaufen eine Politik falscher, mit gegenseitigen Erpressungen verbundener gegenseitiger Rücksichtnahmen zum 40. Jahrestag des 8. Mai 1945 angerichtet hat. Bei all dem ist nämlich zu berücksichtigen, daß in den USA, selbst wenn der Präsident Reagan heißt, die politische Rhetorik und das reale politische Wollen doch etwas weiter auseinanderliegen als in der Bundesrepublik Deutschland. Man muß, wenn man schon mit Biereifer und unangebrachter Plumpheit zum Westen gehören will, die Dinge mit den Augen des Westens sehen, die Realitäten wahrnehmen, die der bundesdeutschen Nabelschau verborgen bleiben. So haben selbst Mr. Reagan und seine beifallsfreudigen jugendlichen Zuhörer aus der Bundesrepublik Deutschland in Hambach in aller Freundlichkeit, abgesehen von der Erflehung von Gottes Segen, in der Sache völlig aneinander vorbeigeredet bzw. geklatscht. Mr. Reagan hat etwas von den Visionen vorgetragen, die er nachts in seinen Träumen hat und die er mutatis mutandis vor Exilkroaten, weißrussischen Legitimisten usw. verlautbaren würde und vor versehentlich eingeschalteten Mikrofonen gelegentlich äußert, die aber kein Bestandteil konkreter politischer Programme der mit der Verteidigung ihrer Hinterhöfe ausreichend belasteten amerikanischen sog. Supermacht sind, wohingegen die deutschen Zuhörer und ihre väterlichen Freunde aus diesen Äußerungen die Bestätigung einer grundlegenden Lebenslüge der Bundesrepublik Deutschland herausgehört haben. Die Juristen nennen sowas einen Dissens und wissen, daß daraus in der Regel nichts konkret Greifbares erwächst.

Weil darüber im Gegensatz zur amerikanischen in der bundesdeutschen Presse nichts zu finden sein wird und weil es einen hohen Erklärungswert für die Frage unseres Umgangs mit dem 8. Mai 1945 hat, möchte ich wenigstens hier etwas dazu sagen. Ich gehe dabei aus von der Aussage eines ehemaligen Waffen-SS-Angehörigen, der in diesen Tagen auf dem Bildschirm erklärte, er habe dafür gekämpft, daß die Sowjets nicht nach Bitburg hätten kommen können, eine der zahllosen Varianten des bekannten Briefs von Herrn Dr. Dregger an die amerikanischen Senatoren. Hier sehen Sie den Verdrängungsmechanismus auf einem seiner operativen Höhepunkte. Niemals hat die Sowjetunion auch nur ein Interesse daran gehabt, nach Bitburg zu kommen, und sie wäre auch nicht bis nach Berlin, Leipzig und Torgau marschiert, wenn sie nicht im Jahre 1941 von den Deutschen überfallen worden wäre. Die pathologische Bewußtseinsspaltung und Verdrängung löst die historischen Kausalketten auf und stellt die Realitäten auf den Kopf. Sie projiziert das, was man selbst getan hat, auf die, denen man es angetan hat. Sie fälscht auch diesen Angriffskrieg von unerhörter barbarischer Dimension um in einen gerechten Verteidigungskrieg. Und dann ist es natürlich wieder eine Ungerechtigkeit, daß man diesen verloren hat, und man pocht deswegen auf Wiedergutmachung der Ungerechtigkeit.

Begünstigt wurde diese Entfaltung pathologischer Einfalt durch das von keinem der westlichen „Freunde“ je geteilten Fehlverständnisses der Aufnahme der Bundesrepublik in die NATO. Sie wurde in jenen Dunkelkammern des Bewußtseins gedeutet als nachträgliche Billigung des „Westens“ zum Überfall auf die Sowjetunion, ja gleichzeitig auch als das Eingeständnis des „Westens“, daß er im Zweiten Weltkrieg auf der falschen Seite gekämpft habe (das war allerdings auch die Auffassung Adolf Hitlers).

Das ging bis zum wohlwollenden Schulterklopfen, das sich ein Kind des Kalten Krieges erlaubt, das groß und ökonomisch und politisch und militärisch stark geworden ist, in der Tat ein „Riese“, um ein Wort des derzeitigen bayerischen Ministerpräsidenten zu gebrauchen. Der vom Schmerzenslager wieder aufgestandene eingebildete deutsche Hiob hat das immer betretener werdende Schweigen seiner westlichen „Freunde“ als moralische und juristische Stütze interpretiert, auch als Stütze der von ihm reklamierten „besonderen Verantwortung“ - gemeint ist ein besonderer Führungsanspruch - für die Gestaltung der kommenden Dinge in einem von den USA sich allmählich lösenden Europa. Man halte sich doch an den seriösen Journalismus in dem Lande jenseits des Atlantik, um sich eines besseren belehren zu lassen. Dann wird man mit dem erforderlichen Erschrecken auch feststellen können, was die durch antikommunistisch-staatsstreichartige Aktionen in den Gründungsjahren der Bundesrepublik Deutschland herbeigeführte Schrumpfung des bürgerlich-demokratischen Spektrums in der Bundesrepublik für eine Gefahr für uns und die Welt bedeutet. Sie hat ein großes humanistisches Erbe - von Goethe bis Thomas Mann - der Verachtung preisgegeben und ein dem „Westen“ nicht faßliches Klima erzeugt, in dem die Sensibilität für die Erfassung einer außerordentlich komplizierten Weltlage verloren geht. Da werden - rechts wie links übrigens - nur noch Holzschnitte in schwarz und weiß auf die Platte gebannt. Da wird dem nicht der antikommunistischen Raserei verfallenen Nichtkommunisten Prokommunismus unterstellt. Da werden die Geister des Kreuzzugs des vermeintlich absolut Guten gegen das vermeintlich absolut Böse mobilisiert. Wie ist das mit der Versicherung zu vereinbaren, daß von deutschem Roden nie wieder ein Krieg ausgehen darf?

Dient es der Verwirklichung dieses Schwurs, wenn der gegenüber der Sowjetunion gescheiterte Versuch einer Politik der Stärke nunmehr gegenüber den Amerikanern wiederholt wird, wenn z. B. die FAZ droht - ich zitiere wörtlich - : „Jene Amerikaner, die sich heute die Hirne vernebeln lassen, die vier Jahrzehnte einer gewachsenen Freundschaft bedenkenlos aufs Spiel setzen [...] sie werden es noch bereuen [...]“? Wenn die Amerikaner mit dem Vorzeigen von linkem und rechtem Anti-Amerikanismus unter Druck gesetzt werden? Wenn der Bundespräsident sagt, wir seien die treuesten der Bundesgenossen, „aber nur, wenn sie“, die Amerikaner, ich zitiere wieder wörtlich, „die Deutschen so nehmen, wie sie sind“, wo wir doch offensichtlich in einem so hohen Grade noch so sind, wie wir waren? Dient es der Verwirklichung des Schwurs, wenn gesagt wird, die „deutsche Frage“ sei solange „offen“, wie das Brandenburger Tor geschlossen ist oder könnte es nicht eher so sein, daß das Brandenburger Tor sich nur dann organisch zu öffnen beginnen kann, wenn die „deutsche Frage“ geschlossen wird? Warum haben wir stillschweigend den Artikel 146 unseres eigenen Grundgesetzes außer Kraft gesetzt (das ist der Artikel ‚ wonach ein Gesamtdeutschland nur aus dem Untergang der Bundesrepublik Deutschland hervorgehen kann)? Das liegt daran, daß der Verdrängungsmechanismus zu folgenreichen Verwechslungen geführt hat, was das sog. deutsche Provisorium angeht. Im öffentlichen Bewußtsein und als Bestimmungsfaktor von Politik ist wie gesagt der Artikel 146 des Grundgesetzes verschwunden, nach dem die Bundesrepublik sich einzubringen gehabt hätte; und an die Stelle getreten ist der Artikel 23 des Grundgesetzes, wonach die Bundesrepublik Deutschland sich nur noch durch den Anschluß anderer deutscher Territorien zu erweitern hätte. Der SPD-Abgeordnete Mommer hat seinerzeit nach der Angliederung des Saarlands in den 50er Jahren an die Bundesrepublik mit Recht erklärt, die historische Mission des Artikel 23 GG sei damit erschöpft. Der Berliner CDU-Abgeordnete des Deutschen Bundestags Professor Friedensburg hat mir schon Anfang der 60er Jahre händeringend geklagt, er fände bei seinen jüngeren Bundestagskollegen und Parteifreunden niemanden mehr, dem das nahegebracht werden könnte, und er wisse nicht, wie dem langsamen aber unentwegten Zusteuern auf eine neue Kriegskatastrophe im Zusammenhang mit der „deutschen Frage“ noch Einhalt geboten werden könne.

Ist es wirklich eine Zurücknahme tradierter Ambitionen und deutscher Großmachtpolitik, die kein Land der Welt teilt, wenn heute - ich zitiere den amtierenden Staatssekretär Dr. Hennig - gesagt wird: „Die deutsche Frage ist [...] in ihrem Kern kein territoriales Problem, sondern sie ist eine Frage der Freiheit. Solange die Freiheit nicht hergestellt ist, ist die deutsche Frage offen“? Mir scheint eher, daß damit sogar eine deutsche Weltmission proklamiert wird. Die „deutsche Frage“ wird so die Frage der Freiheit, die wir meinen, in allen Räumen, die wir meinen. Und das nach zwei Weltkriegen, die wir als Bannerträger der „Freiheit“ begonnen und geführt haben und von denen der zweite die jüdisch-christliche, klassisch-humanistische Zivilisation bis in ihre positiven Grundfesten erschüttert hat!

Blicken wir heute nach 40 Jahren auf den 8. Mai 1945 zurück, so müssen wir feststellen, daß der Neuanfang schon sehr, sehr früh steckengeblieben ist, daß die „Stunde Null“ rückwirkend nullifiziert worden ist und daß noch nicht begriffen worden ist, daß die Nullifizierung der Stunde Null nur dadurch nullifiziert werden kann, daß dieses unser Land sich damit bescheidet, seine Frontstaatsmentalität und seine antidemokratischen Anomalien abzulegen, um ein normaler bürgerlich-demokratischer Staat zu werden. Es ist zu hoffen, daß eine genauere Besichtigung des zum 8. Mai 1985 angerichteten politischen Scherbenhaufens die Gewinnung der dazu erforderlichen Erkenntnisse fördern wird. Das wird nicht ohne schwere und tiefgreifende Auseinandersetzungen vonstatten gehen können, bei denen der vielgepriesene Grundkonsens unter den etablierten Mächten auf einen Schleudersitz gerät. Das mag vielen als ein sehr hoher, ein zu hoher Preis erscheinen, den sie nicht zu zahlen bereit sind. Ich meine, daß dafür, daß ein erwiesener Kriegsherd im Herzen Europas endgültig kaltgestellt wird, kein Preis zu hoch ist, der ohne einen erneuten Rückfall in die Verfahren der Barbarei entrichtet werden kann. Möge es nicht noch einmal 40 Jahre dauern, bis wir, und das heißt für viele von uns, bis unsere Nachkommen dahin gelangen.

Vortrag von Professor Dr. Dr. h.c. Helmut Ridder zur Sondersitzung der Stadtverordnetenversammlung der Universitätsstadt Gießen aus Anlaß des 40. Jahrestages des 8. Mai 1945 am 7. Mai 1985, in: basis news extra (Februar 1988), S. 14-19.

 

 

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Wolfgang Ruge (*1917) Download als PDF
   
 
Das Schicksal von Paul Levi. Bericht über sein Leben und Wirken

„Die größte Rede seit Lassalle“. Das notierte der Berichterstatter Carl von Ossietzky während eines Plädoyers vor dem Moabiter Schöffengericht am 22. April 1929. Rechtsanwalt Paul Levi, dem dieses Lob galt, war kein Donner schleudernder Volkstribun. Seine feinsinnige Rhetorik lebte von der analytischen Brillanz, von der verhaltenen Leidenschaft des Gerechtigkeitsfanatikers, nicht zuletzt vom Ideenreichtum. Seine bestechende Argumentation ließ keinen Zuhörer unbeeindruckt.

Levi verteidigte den Redakteur der Zeitschrift „Das Tagebuch“, Josef Bornstein. Die Anklage lautete auf Verleumdung. Erhoben war sie von Reichs wegen, also vom Staat, sozusagen im Auftrag der Allgemeinheit.

Hinter dem Rücken des Staatsanwalts versteckte sich auch noch ein Nebenkläger, der als Opfer posierende Reichsanwalt Jorns. Die Angelegenheit, die verhandelt wurde, war tatsächlich von allgemeinem Interesse, allerdings nicht in dem Sinne, wie es der Ankläger darstellte.

10 Jahre zuvor hatte der Nebenkläger Jorns, damals noch einfacher Kriegsgerichtsrat, die Untersuchung im Mordfall Liebknecht-Luxemburg an sich gerissen und die Mörder mit einer in der Rechtsgeschichte beispiellosen Unverfrorenheit gedeckt. Erfolgreich.

Bis auf zwei Ausnahmen waren alle Angehörigen des Mordkommandos, sämtlich Offiziere der berüchtigten Garde-Kavallerie-Schützen-Division, freigesprochen worden.

Die Ausnahmen betrafen einen einfachen Husaren, mit dem ohnehin noch eine Rechnung zu begleichen war, und einen Oberleutnant, dem schon zwei Tage nach der Urteilsverkündung ein Fluchtwagen vor das Gefängnistor gestellt wurde.

Jorns hatte die dringend des Mordes Verdächtigen in rund um die Uhr offenen Zellen unterbringen lassen, so dass sie nicht nur Zechgelage und Skatabende veranstalten, sondern auch ihre Aussagen aufeinander abstimmen konnten. Er selbst hatte mit ihnen gemeinsam ein Drehbuch des bevorstehenden Prozesses erarbeitet und nicht ins Szenario passende Protokolle kurzerhand aus den Akten herausgerissen.

Mehr noch: Die Inhaftierten durften nicht nur Damenbesuch empfangen, sondern konnten sich auch unkontrolliert in einigen Fällen sogar in Cafes am Kuhdamm mit reaktionären Presseleuten und obskuren Politschiebern über die Vorbereitung der Öffentlichkeit auf die Gerichtsverhandlung beraten.

 Diese Tatsachen waren jetzt von Bornstein in einem Artikel enthüllt worden. Dafür wollte ihn die Weimarer Republik, die noch heute im Rufe eines Rechtsstaates steht, büßen lassen. Verteidiger Levi ging jedoch zum Angriff über. Aus dem Fall Bornstein machte er einen Fall Jorns.

Im Feuer der Kreuzverhöre bewies er, dass alles, was sein Mandant über die Verdunkelung des Verbrechens geschrieben hatte, bis zum letzten I-Tüpfelchen der Wahrheit entsprach.

Damals, sagte er am Schluß seines Plädoyers, auf spätere politische Morde anspielend, begann ein schauerlicher Zug von Toten, gemeuchelt von Kreaturen, die Herr Kriegsgerichtsrat Jorns darüber belehrt hatte, dass Morden in Deutschland nicht identisch ist mit Bestraftwerden. Und dank dieser Belehrung konnte Jorns, der vergessen hatte, woher das Rot seiner Robe stammt, Karriere machen. „Meine Herren“, fuhr Levi fort, „hier glaube ich, hier treten diese Mauern und hier tritt diese Decke zurück. Hier ist ein Tag des Gerichts gekommen. Die toten Buchstaben, benutzt zu dem Zwecke, Schuldige zu schützen, und die vermoderten Knochen der Opfer: Sie stehen auf und klagen an den Ankläger von damals.

Bornstein wurde freigesprochen. Sein Anwalt mag man meinen, hätte zufrieden sein können. Aber dafür gab es keinen Grund. Blieben doch die Mörder und ihre Helfer weiter unbehelligt. Es war nicht einmal gelungen, die Öffentlichkeit wirklich aufzurütteln. Und vor allem, es ging ja Levi nicht um diesen einen Prozess.

Er war am Punkt seines Lebens angelangt, an dem er sich sagen musste, die Hoffnungen sind unerfüllt geblieben. Der Einsatz war vergebens. Ich bin gescheitert.

Die vorauszusehende Rehabilitierung des Jorns war ja nur ein winziges Symptom für das Zerbröckeln des Levischen Lebenswerkes. Übrigens erfolgte sie schon 10 Monate nach dem Moabiter Prozess. In einem nicht mehr anfechtbaren Berufungsurteil im Fall Bornstein bestritt das Reichsgericht zwar nicht, dass der jetzige Nebenkläger seinerzeit die Untersuchung im Mordfall Liebknecht-Luxemburg, so wörtlich, „bewusst vertuscht und verschleppt“ habe, doch konstatierte es, dass dies nicht „absichtlich“ geschehen sei und „Kollege“ Jorns folglich die Eignung besitze, das ihm nunmehr übertragene, verantwortungsvolle Amt in der höchsten juristischen Überwachungsbehörde des Reichs auszuüben.

Paul Levi überlebte die Verkündung dieses skandalösen Revisionsbefundes nicht mehr. Wenige Tage zuvor war er an einer schweren Grippe erkrankt, und hatte sich von fiebrigen Wahnvorstellungen heimgesucht, unter nicht völlig geklärten Umständen, aus dem Fenster seiner Wohnung gestürzt.

Niemand weiß, welche Gesichte dem Verzweifelten im Delirium der letzten Stunden erschienen. Vielleicht flackerten in der Erinnerung Revolutionsszenen, verlorene Freunde auf. Vielleicht wirbelten Satzfetzen aus einstigen Briefen Rosa Luxemburgs durch sein Hirn.

„Liebling“, hatte sie ihm einmal geschrieben, „die Sehnsucht würgt mich sehr, aber ich stürze mich doch gern in jedem freien Moment in ihre Arme, denn sie kommt von Dir.“

Ja, die Begegnung mit Rosa war der entscheidende Wendepunkt in seinem Leben gewesen. Zum ersten Mal hatte er sie auf dem Jenaer Parteitag 1913 getroffen. Er war damals seit 6 Jahren Rechtsanwalt in Frankfurt, hatte sich als Verteidiger sozial Schwacher und als Publizist einen gewissen Namen gemacht.

In der Sozialdemokratie tendierte er zum reformerischen Flügel, misstraute aber der basisfernen Vorstandsbürokratie. Ihm war es aus dem Herzen gesprochen, als Rosa Luxemburg in ihrer großen Parteitagsrede erklärte, die erste Voraussetzung für ernsthafte politische Führer einer Massenpartei sei ein überaus empfindliches Ohr für alles, was sich regt in der Seele der Massen.

Je näher er die von vielen Bewunderte, von vielen angefeindete Führerin der Linken kennenlernte, desto mehr faszinierte sie ihn. Ihre Persönlichkeit ließ ihn erkennen, dass revolutionäre Standhaftigkeit nicht nur nicht in Widerspruch zu Menschlichkeit und Empfindsamkeit steht, sondern nachgerade deren Konsequenz ist.

Kaum ein Thema blieb in den häufigen Gesprächen ausgespart, zu denen es kam, als Levi sie, gemeinsam mit Kurt Rosenfeld, im Februar 1914 vor dem Frankfurter Landgericht verteidigte, wo sie der „Wehrkraftzersetzung“ angeklagt war, weil sie an die Arbeiter appelliert hatte, im Fall eines Krieges nicht auf die französischen Klassenbrüder zu schießen.

Im intensiven Gedankenaustausch der beiden Träumer und Kämpfer, die sich der Menschheitskultur verbunden fühlten und für die Schönheiten dieser Welt offen waren, bahnte sich eine innige Beziehung zwischen ihnen an.

Ständig von Terminen gejagt, konnten sie sich in den folgenden Monaten, er in Frankfurt, sie in Berlin lebend, im Wust von Sitzungen, Versammlungen, Verhandlungen, meist nur wenige Freizeitstunden stehlen, um sich auszutauschen und miteinander aufzuatmen.

Auch nach dem Versanden der engen persönlichen Beziehung blieben Paul Levi und Rosa Luxemburg nicht nur Freunde, sondern geistig eng verbundene Gefährten.

1915 wurde Levi in die Armee gepresst, an der Front verschüttet, bald darauf dienstuntauglich erklärt und ging in die Schweiz. Von dort versorgte er die Strafgefangene Rosa Luxemburg, die kurz zuvor die in Frankfurt verhängte einjährige Haftstrafe antreten musste, mit ausländischen Zeitungen. Vor allem aber wusste er sich eins mit ihr, als er sich, auch persönlichen Kontakt mit Lenin aufnehmend, den in der Zimmerwalder Linken vereinten konsequenten Kämpfern gegen den imperialistischen Krieg anschloss.

Den Beginn der Novemberrevolution erlebte Levi in Berlin. Bei der Gründung des Spartakus-Bundes am 11. November wurde er, der auch neben Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht der Redaktion der „Roten Fahne“ angehörte, in die Zentrale gewählt. In deren Auftrag hielt er auf dem Gründungsparteitag der KPD das Referat zur Frage der Beteiligung an den Wahlen zur Nationalversammlung. Es war dies, neben der Gewerkschaftskontroverse, die Frage, an der sich die Geister schieden.

Auf der einen Seite standen die auf die Massen orientierten Realisten, auf der anderen die von revolutionärer Ungeduld verzehrten Linksradikalen. Levi bekannte sich grundsätzlich zur Rätemacht, erklärte aber, dass die Mehrheit der Arbeiter noch nicht für sie zu kämpfen bereit sei, dass man sich also in einer Phase befinde, in der es sowohl innerhalb als auch außerhalb des Parlaments Flagge zu zeigen gelte. Dabei schätzte aber auch er, obwohl er auch vor überzogenem Optimismus warnte, die Situation insofern unrealistisch ein, als er von der bereits begonnenen zweiten Revolution, der sozialistischen Revolution sprach.

Zwei Wochen später waren Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ermordet. Als im März 1919 auch deren Nachfolger in der Parteispitze, Leo Jogiches, Opfer des weißen Terrors wurde, übernahm Paul Levi die Führung der jungen, zahlenmäßig noch schwachen, verfemten KPD.

In jenen Monaten ging es um Sein oder Nichtsein, der von Luxemburg und Liebknecht gegründeten Kämpferschar. Ihr Überleben zu sichern, war eine Aufgabe, die wahrhaft übermenschliche Kräfte erforderte.

Die Konterrevolution scheute vor keiner Gemeinheit, vor keiner Bluttat zurück, um den Kommunismus in Deutschland zu zerschmettern.

Als Antwort darauf bemächtigte sich vieler Genossen, die Partei bestand vor allem aus jungen Menschen, Trotz und Wut. In maßloser Überschätzung der eigenen Möglichkeiten setzten sie auf die Parole „alles oder nichts“ und riefen zum Strafgericht gegen all jene, die nicht mit ihnen zum Sturm auf die bürgerliche Ordnung antreten wollten.

Levi kämpfte nach rechts, gegen die militaristische Reaktion, nach links gegen Sektierertum und anarchistischen Voluntarismus.

Dabei blieb ihm das Dilemma nicht erspart, dass schon viele Streiter für demokratische Entwicklungen vor unlösbare Aufgaben gestellt hatte. Indem er, alles unter den Bedingungen der Illegalität, die Autorität der Parteiführung gegen die intoleranten Linksradikalen einsetzte - ganze Bezirksorganisationen wurden ausgeschlossen -, trug er ungewollt zur Festigung des Zentralismus, zum Aufbau undemokratischer Strukturen bei.

Während des Kapp-Putsches rief Levi, der wieder einmal eingekerkert war, aus dem Gefängnis heraus zur breitestmöglichen Einheitsfront auf. Nach den ersten Reichstagswahlen, Juni 1920, zogen er und Clara Zetkin als erste Kommunisten in das deutsche Parlament ein.

Die Vereinigung der USPD mit der KPD im Dezember desselben Jahres schien zunächst eine Stärkung der demokratischen Elemente in der Partei zu bedeuten. Doch schon zwei Monate später gewannen die Anhänger einer abenteuerlichen Offensivtheorie die Überhand. Als Levi sich gegen die einheitsfeindliche Haltung der Kommunistischen Internationale bei der Gründung der italienischen kommunistischen Partei wandte, wurde er im Zentralausschuß der Partei überstimmt.

Da es bei dieser Kontroverse um Grundsatzfragen, nämlich um die unversöhnlich antisozialdemokratische Linie der kommunistischen Bewegung ging, sah er keinen anderen Ausweg als den Parteivorsitz niederzulegen.

Mehrere führende Funktionäre, darunter Clara Zetkin, erklärten sich mit ihm solidarisch und schieden ebenfalls aus der Parteispitze aus.

Die neue von Heißspornen geleitete Zentrale erlitt schon einen Monat später ein Fiasko. Als die Offensivtheoretiker 1921 während des mitteldeutschen Generalstreiks gegen Polizeiwillkür trotz fehlender Voraussetzungen für eine Volkserhebung versuchten, einen Aufstand zu entfesseln, verloren Hunderte von Arbeitern ihr Leben und der Graben zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten wurde noch weiter aufgerissen.

Deutlicher als je zuvor drohte die Gefahr künftiger politischer Engstirnigkeit. Levi konnte nicht schweigen. Als er aber die Stimme erhob, er schrieb eine Broschüre „Wider den Putschismus“, wurde er aus der Partei ausgeschlossen. Lenin musste einräumen, dass Levi dem Wesen der Sache nach in vielem recht hatte, hielt aber den Parteiausschluß, weil der Kritiker die Parteidisziplin verletzt habe, für gerechtfertigt. Ein Jahr später ging Lenin dann soweit, den ehemaligen KPD-Vorsitzenden, der sich ein selbständiges Urteil bewahrte, als einen „höchst geschickten Beauftragten der Bourgeoisie“ zu bezeichnen.

Gemeinsam mit einigen ausgeschlossenen Genossen bildete Levi im September 1921 eine „Kommunistische Arbeitsgemeinschaft“, die sich nicht als Partei, sondern als Vorkämpferin für eine antidogmatische Erneuerung der Bewegung verstand. Die Tragik dieser Gruppe, die das Verhältnis Führer-Masse auf demokratische Grundlage stellen wollte, bestand darin, dass sie von den Massen abgelehnt wurde. Ihre Mitglieder resignierten.

Levi, der sich außerhalb der organisierten Arbeiterbewegung wie im Vakuum fühlte, trat der SPD bei. Dort stand er an der Spitze des linken Flügels, der sich gegen die Preisgabe sozialer Errungenschaften und demokratischer Traditionen wehrte und für die Aktionsgemeinschaft mit den Kommunisten warb.

Die Entwicklung rollte jedoch über ihn hinweg. Eine Woche nach dem Moabiter Prozess ließ der antikommunistisch verblendete sozialdemokratische Polizeipräsident von Berlin die Maidemonstration der Arbeiter zusammenschießen. Kurz danach beschloss der Magdeburger SPD-Parteitag, auf dem Levi leidenschaftlich vor der Anpassung an den Militarismus warnte, die verhängnisvollen Richtlinien zur Wehrpolitik.

Die Kommunisten ihrerseits verketzerten die Sozialdemokratie als „Zwillingsbruder des Faschismus“. Paul Levi prangerten sie als Wortführer des Luxemburgismus an, den sie für eine besonders gefährliche Abart des „Sozialfaschismus“ erklärten. Und all das, als sich Anfang 1930 immer hörbarer schon die Marschtritte der Nazis durch Deutschland hallten. Paul Levi sah sich, erst 47jährig, vor dem Abgrund.

Nur wenige fanden sich zusammen, um diesen selbstlosen Kämpfer zu Grabe zu tragen. Zu ihnen gehörte auch die langjährige Freundin und Mitarbeiterin Rosa Luxemburgs, Mathilde Jakob, die bis zuletzt Sekretariatsarbeiten für ihn verrichtet hatte.

Levis Name verblasste rasch. Die sozialdemokratische Geschichtsschreibung behandelte ihn am Rande als unbequemen Querkopf, die kommunistische tat ihn, wenn sie ihn überhaupt erwähnte, als „Renegaten“ und „Parteischädling“ ab.

So wurde noch nach seinem Tode ein Mann verstoßen, dessen humanistische Grundhaltung, dessen theoretischer Weitblick, dessen Bekenntnismut die Arbeiterparteien bei der Überwindung von Verkrustungs- und Erstarrungserscheinungen dringend gebraucht hätten. Im Umgang mit Paul Levi hat sich die revolutionäre Bewegung an sich selbst versündigt.

In: Radio DDR II, Berlin, vom 15.04.1989. 13.05-13.20 Uhr. DRA. Record: 33647.
Printerstveröffentlichung unter dem Titel: Lenins großer Fehler. Das Schicksal von Paul Levi. Bericht über Leben und Wirken. in: junge Welt vom 9. Februar 2005, Nr. 33 (75. Todestag von Paul Levi)